Digitalradio

ORF und Kronehit gefährden mit Ausstieg Start von DAB+ in Österreich

Die größten österreichischen Sender steigen bereits vor dem Start aus dem digital-terrestrischen Radio DAB+ aus. Damit verzögert sich der seit langem geplante Starttermin des Testbetriebes in Wien noch weiter.
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Eigentlich war alles klar: Am 15. April sollte das digital-terrestrische Radio DAB+ auch in Österreich an den Start gehen. Diesen Termin hat der Verein Digitalradio Österreich [Link entfernt] nun jedoch auf unbestimmte Zeit verschoben, die Tageszeitung "Standard" spekuliert sogar darüber ob der geplante Testbetrieb in Wien überhaupt noch stattfinden kann. Hintergrund: Ausgerechnet die beiden Platzhirsche, der öffentlich-rechtliche ORF und der größte Privatsender Kronehit, haben kurz vor dem Start ihren Ausstieg bekannt gegeben. Beide galten jedoch schon vorher nicht als Freunde der Technologie.

Kronehit: "Frontalangriff auf UKW"

Internetradio statt DAB+: Privatsender Kronehit setzt auf den Radioplayer ÖsterreichInternetradio statt DAB+: Privatsender Kronehit setzt auf den Radioplayer Österreich So machte Kronehit-Chef Ernst Swoboda auch keinen Hehl daraus warum er kurz vor dem Start DAB+ eine Absage erteilt hat: Er begründet das im Gespräch mit dem "Standard" mit schweren Bedenken gegen die Linie der geplanten Vermarktung: Sie bedeute einen "Frontalangriff auf UKW". Der Verein Digitalradio Österreich sei "von der Elektronikbranche getrieben", sagt Swoboda. Eines der vorgeschlagenen Objekte für die Bewerbung von DAB+ habe ein UKW-Radio auf dem Müllhaufen gezeigt. Das Marketingkonzept habe somit insgesamt seine Bedenken "massiv bestätigt", sagt der Kronehit-Chef. Es zeige eine Grundtendenz gegen UKW. "Mir ist UKW zu wichtig" als dass er sich die Gattung Radio mit einem Pilotversuch "demolieren" lasse, "damit man 100 000 DAB+-Empfangsgeräte verkauft". Postwendend nach dem Ausstieg aus DAB+ gab Kronehit zusammen mit zwei weiteren großen Privatradios den Start der Internetradio-Plattform Radioplayer Österreich bekannt, ein Pendant zum deutschen Radioplayer, der ebenfalls von großen Privatradios initiiert wurde.

ORF begründet Ausstieg mit rechtlichen Bedenken

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz wiederum hat in einem Brief an Gernot Fischer, Geschäftsführer des Verein Digitalradio Österreich, seinen Ausstieg aus DAB+ erklärt. Der ORF verzichte demnach "aus rechtlichen Gründen" auf den ursprünglich für April angesetzten Testbetrieb. Ziel eines Testbetriebes sei die Erprobung "programmlicher Entwicklungen", verwies ORF-Chef Wrabetz auf das Privatradio-Gesetz. "Daher kommt für den ORF nur die Teilnahme mit einem eigenen Programm in Frage", so der ORF-Generaldirektor. Der öffentlich-rechtliche Sender hatte für den Testbetrieb im Großraum Wien ein neues, etwas jüngeres Radioformat mit dem Namen "Ö3 plus" geplant. Die Medienbehörde KommAustria hat die Veranstaltung eines weiteren, auch bloß online verbreiteten Programms jedoch für unzulässig erklärt. "Diese Rechtsansicht, die wir nicht teilen, derzeit aber zur Kenntnis nehmen müssen, schließt die Teilnahme am DAB+-Testbetrieb auf Basis eines nach ORF-Gesetz veranstalteten Webradios aus", erklärte der ORF-General. Die Medienbehörde KommAustria wies inzwischen diese Sichtweise zurück: Der ORF hätte ohne Probleme auch mit einem neuen Programm an DAB+ teilnehmen können.

Digitalradio-Österreich-Chef Gernot Fischer vermutet daher hinter dem Vorgehen vielmehr Verzögerungstaktik. Die Programme des ORF sind in vielen Regionen Österreichs nach wie vor das einzige was es auf der UKW-Skala gibt. Und Kronehit habe vermutlich ein Interesse daran, sein Alleinstellungsmerkmal, das einzige bundesweite Privatradio zu sein, möglichst lange zu verteidigen, so Fischer gegenüber dem Branchendienst "Horizont". Im Endausbau sind bis zu 24 bundesweite Radiosender in Österreich denkbar. Das schmeckt den UKW-Platzhirschen freilich nicht. Den Start von DAB+ in Wien sieht Fischer nicht gefährdet, auch wenn er nun voraussichtlich nur mit 12 statt 14 Programmen und verspätet erfolgt.

Platzhirsche auch in anderen Ländern gegen DAB+

Und ein Einzelfall ist Österreich bei weitem nicht: In Frankreich erfolgte der Start von DAB+ ohne das staatliche Radio France und die großen Privatradios. In Polen lehnte der Privatfunk geschlossen DAB+ ab. In Deutschland weigern sich vor allem einige Privatradio-Marktführer sich an DAB+ zu beteiligen. Und fast überall geht es offiziell um die Frage der Refinanzierung. Inoffiziell dagegen aber auch um die Furcht vor unliebsamer Konkurrenz und Verlust der Marktposition durch die digitale Terrestrik. Hinzu kommt eine Debatte die einem Glaubenskrieg gleicht: Kann nicht das mobile Internet in zehn Jahren die gesamte Radionutzung abdecken, ohne dass ein neues terrestrisches Radiosystem her muss, bei dem sich die Bürger neue Radiogeräte kaufen müssen. Sind Smart­phones und Tablets gepaart mit Soundbars, Dockings und Multimedia-Systemen im Auto nicht die Radiogeräte der Zukunft? Niemand kann diese Frage allerdings anno 2015 beantworten, da auch Gutachten und Studien immer nur vom aktuellen technischen Stand ausgehen müssen.

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