Digital Radio

Bestandsaufnahme: DAB+ bislang weder Top noch Flop

Zwei Jahre Digitalradio in Deutschland: Richtiger Weg trotz Blockaden
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Während die großen Veranstalter bis auf einige wenige Unternehmen wie Regiocast oder NRJ das digitale Radio nach wie vor ablehnen, müssen kleinere Anbieter Pionierarbeit leisten. Allerdings kann diesen finanziell schon nach wenigen Monaten die Luft ausgehen: Antenne 50Plus in Hessen oder Pure FM in Berlin wurden von den regionalen Digitalradiogesellschaften wieder abgeschaltet, RT.1 zog sich vom landesweiten Multiplex in Bayern wieder zurück.

Abgesehen von dem saarländischen Veranstalter RMN Radio, der das Format Schlagerhölle bereits in drei Bundesländern sendet und weiter expandieren will sowie dem Berliner Veranstalter pleximedia, der mit Radio Impala [Link entfernt] aber aktuell mehr für ein Rebroadcasting des Auslandsdienstes "Stimme Russlands" sorgt, gibt es momentan kaum ein Unternehmen, das Interesse an neuen Programmen via DAB+ in Deutschland zeigt. Auch ausländische Konzerne wie Disney, Lagardere oder Clear Channel wollen sich am Digitalradio in Deutschland nicht beteiligen. Selbst der deutsche Bauer-Verlag, der auf dem britischen Markt an vielen erfolgreichen Radios beteiligt ist, sieht in der heimischen Radioszene kein Expansionspotenzial.

Interaktiver Rückkanal - weg vom passiven Radio-Genuss?

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Die Meinungen gehen auseinander, ob die nun bald eine Million verkauften Geräte ein Erfolg sind oder nicht. Während Gerätehersteller, Lieferanten und der Einzelhandel überwiegend zufrieden sind und sogar schon häufiger darüber berichtet haben, dass sie nach einem Ausverkauf sogar Geräte nachordern mussten, war etwa auf dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland von einem nach wie vor schleppenden Geräteabsatz die Rede. Eines ist in jedem Fall klar: Im Vergleich zu Smartphones, Tablets oder Notebooks ist der Verkauf von Digitalradios weniger marktgetrieben. Viele Konsumenten legen sich alle drei Jahre ein neues Notebook oder einen PC, sogar jedes Jahr ein neues Smartphone zu, aber beim Radio in der Küche tut es oft noch der gute alte Henkelmann aus den 1970er-Jahren. Obwohl es inzwischen sogar einige Digitalradio-Modelle für unter 30 Euro gibt - damit günstiger als eine Konzertkarte - halten viele an ihren alten UKW-Radios fest. Die Hardware wird in vielen Haushalten erst ausgetauscht, wenn das Radio tatsächlich den Geist aufgegeben hat.

Branchenkenner sehen einen Grund darin, dass Radio ein passives Medium ist und häufig nur im Hintergrund dudelt, während etwa Smartphones oder Notebooks aktiv von den Nutzern bedient werden. Schnellere Prozessoren und neue Funktionen bewegen die Konsumenten viel schneller zu Neuanschaffungen. Möglicherweise könnten hybride Digitalradios mit Rückkanal über das Internet, wie sie aktuell von einigen Herstellern bereits in Planung sind, für einen stärkeren Boom sorgen. Denn dann wird das Radio nicht nur ein passives, sondern ein aktives Medium: Nutzer können etwa interaktiv auf das Programm am Touchscreen einwirken oder sich an Diskussionen im Programm beteiligen.

Bekanntheitsgrad von DAB+ noch zu gering

Freilich muss aber auch der Werbebereich beim Digitalradio noch verstärkt werden. Positives Vorbild ist eine breit angelegte Marketingkampagne des MDR [Link entfernt] in Mitteldeutschland. "Wir müssen die Vorteile von DAB+ besser kommunizieren", sagte Willi Steul, Intendant des Deutschlandradios auf dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland. Dazu ist es aber erst einmal nötig den Deutschen mitzuteilen, dass es diese Technik überhaupt gibt. Denn hört man sich im eigenen Bekanntenkreis um oder befragt die Nachbarn, wird deutlich, dass viele mit den Begriffen DAB+ oder Digitalradio überhaupt nichts anfangen können. Andere verwechseln es mit Internetradio oder sogar mit UKW-Radio inklusive digitaler RDS-Anzeige.

Vorbild könnte auch die Schweiz sein, wo bald 1,5 Millionen Digitalradios in den Haushalten stehen. Das Schweizer Fernsehen hatte einen emotionalen Werbespot zum Digitalradio direkt vor der 20-Uhr-Nachrichtensendung ausgestrahlt. Neben klassischer Kampagnenarbeit (TV-Spots, Radio-Trailer, Plakate, Onlinemaßnahmen, POS-Aktivitäten, Website) wurden in den letzten Jahren eine Vielzahl von speziellen Aktivitäten realisiert, wie Béatrice Merlach, CEO der MCDT AG, die für das Marketing von Digitalradio verantwortlich ist, im "Meinungsbarometer Digitaler Rundfunk" sagte. Bei den Eidgenossen gab es Digitalradiowochen, Eintauschaktionen, Sonderrabatte, Wettbewerbe, Events und Workshops. Soweit wie möglich wurde dabei jeweils darauf geachtet, nicht nur technische Aufklärungsarbeit zu betreiben, sondern auch die Lust an DAB+ zu wecken und Geschichten zu erzählen. Der Verkauf des millionsten Digitalradios in Deutschland zum Beispiel hätte eine ideale Gelegenheit geboten, auch emotional zu kommunizieren.

DAB+-Gerätebesitzer sind überwiegend begeistert

Interessant ist, dass Personen, die bereits Digitalradios besitzen, in der Regel davon so begeistert sind, dass sie nicht mehr in den UKW-Bereich zurückwechseln. Dies belegen nicht nur Postings in einschlägigen Internetforen oder sozialen Netzwerken, das war auch die Kernaussage einer Studie von Südwestrundfunk (SWR) und der Landesanstalt für Kommunikation (LfK) in Baden-Württemberg. Digitalradio kommt also an, wenn der Konsument es kennengelernt hat und sich zum Kauf eines Endgeräts durchgerungen hat. Eine Inititiative der European Broadcasting Union (EBU), wonach ab einem Tag X jedes verkaufte Radiomodell auch über ein Digitalradio-Empfangsteil verfügen müsste, könnte die Marktdurchdringung beschleunigen. Denn nach wie vor werden die meisten neuen Radiomodelle nur mit einem UKW-Tuner ausgestattet. Vor allem im Bereich der Home-Receiver oder Kompaktanlagen gibt es nur wenige Geräte, die bereits DAB+ an Bord haben.

Auf der letzten Seite unserer Bestandsaufnahme befassen wir uns mit dem bisher noch unterbelichteten Thema DAB+ in der Automobilindustrie und fragen uns, ob ein Ballungsraum-Muxx neue Formate ins Digitalradio bringen könnte.

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