Hörfunk

Studie fordert indirekt zur UKW-Abschaltung auf

DAB+ ist der am besten für Hörfunk­übertra­gungen geeignete und zukunfts­trächtigste Standard in Deutschland. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie "Terrestrischer Hörfunk: Zukünftige Entwicklung konkurrierender Über­tragungs­wege". Für einen Markterfolg müsse jedoch der analoge UKW-Hörfunk abgeschaltet werden.
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Welcher Übertragungsweg ist in der Zukunft am besten für den Hörfunk in Deutschland geeignet? Diese Frage wollte das Bundesminsterium für Verkehr und digitale Infrastruktur beantwortet wissen und hatte im vergangenen Jahr eine Studie ausgeschrieben. Den Zuschlag erhielten die Marktforscher des Instituts für Europäisches Medienrecht e.V. (EMR), das sich das nötige technische Know-How beim Institut für Rundfunktechnik (IRT) in München einholte. In der vergangenen Woche haben die Unternehmen die Studie "Terrestrischer Hörfunk: Zukünftige Entwicklung konkurrierender Übertragungswege" in Berlin vorgestellt.

DAB+ in fast allen Punkten anderen Techniken überlegen

Neue Studie: DAB+ ist der beste Verbreitungsweg für Radio in Deutschland.Neue Studie: DAB+ ist der beste Verbreitungsweg für Radio in Deutschland. Die Marktforscher kommen zu einem eindeutigen Ergebnis: Als die gegenwärtig am weitesten entwickelte und beste Lösung, sowohl was die Vielfalt und den Entwicklungsstand der Dienste als auch den Ausbau der Netze und die Energieeffizienz betrifft, zeigt sich DAB/DAB+. Das vor allem von kommerziellen Radiosendern favorisierte Internetradio müsse langfristig Bestandteil jeder Alternative sein, da es für die Übertragung nichtlinearer Inhalte und von Minderheitenprogrammen, für die sich eine Broadcast-Verbreitung nicht lohnt, unverzichtbar ist. Zudem kann nur das Internet einen Rückkanal bereitstellen. Das Webradio könne aber alleine wegen der extrem hohen Kosten und technischer Hindernisse vor allem bei der Mobilfunkversorgung den analogen UKW-Hörfunk alleine nicht ersetzen.

Auch für die Übertragung künftiger multimodaler Verkehrs- und Reiseangebote sei ein leistungsfähiger, digitaler Übertragungsweg wie DAB/DAB+ unabdingbar. Die Traveller Information Services Associat (TISA) empfehle daher das auf DAB+ basierende TPEG als Standard für die Endnutzer-Reiseinformationsdienste um die Anforderungen hinsichtlich Qualität und grenzüberschreitende Interoperabilität gerecht zu werden.

LTE, DVB-T2, DRM+ und Co. sind wenig geeignet

Weiteren alternativen Techniken stellt die Studie ein schlechtes Zeugnis aus: LTE Broadcast, ein Rundfunkübertragungsverfahren über das bestehende Netz der Mobilfunk-Basisstationen, sei noch keine ausgereifte Technologie. Deshalb wäre mit nicht vorhergesehenen Problemen und Verzögerungen zu rechnen, wenn die Hörfunkversorgung auf diesem Standard aufgebaut werden sollte.

Das gleiche gelte auch für DRM+, das bisher außer im Rahmen kleiner Projekte noch nirgendwo großflächig erprobt worden sei. DRM+ biete zudem nur eine eingeschränkte Mobilität (Nutzbarkeit nur bis 120 km/h) und sei mit hohen Migrationsrisiken und höheren Kosten als DAB/DAB+ verbunden. Auch für kleine Lokalfunkprojekte werde DRM+ nicht mehr benötigt: Inzwischen gebe es kostengünstige Software-Lösungen um auch lokale Hörfunkprogramme kostengünstig mit kleiner Sendeleistung auf DAB+ zu übertragen.

Der nordamerikanische Standard HD Radio (Digitalausstrahlungen im UKW-Band) ließ sich aufgrund der engen Kanalbelegung des UKW-Bandes in Europa nicht ohne große technische Probleme (Störungen beim analogen UKW-Empfang) realisieren und wurde nach Ablauf von Testbetrieben nicht weiter verfolgt.

Gegen eine Verwendung vom Fernsehstandard DVB-T2 für Hörfunk sprechen die mangelhafte Robustheit des Systems beim Mobilempfang und die unterschiedlichen Versorgungsziele für die Fernseh- und Hörfunkverbreitung.

Studie warnt vor sturem Festhalten an UKW

Die Studie empfiehlt gleichzeitig indirekt einen Ausstieg aus der analogen UKW-Verbreitung. UKW sei technisch ausgereizt, erlaube keinerlei Entwicklungsspielraum mehr und habe gegenüber den digitalen Verfahren die großen Nachteile einer verhältnismäßig geringen Programmkapazität und vergleichsweise hoher Verbreitungskosten. In Deutschland sei jedoch ein stabiler UKW-Radiomarkt etabliert, an dessen Änderung die Veranstalter wenig interessiert seien, da mit einem Umsteieg auf DAB+ neben finanziellen Mehraufwendungen ohne unmittelbare Refinanzierung auch eine Umverteilung der Marktanteile zu ihren Ungunsten verbunden sein könnte, da mehr verfügbare Kapazitäten (bis zu 96 Programme pro Region sind bei DAB+ möglich) auch mehr Konkurrenz bedeuten.

Das von den meisten kommerziellen Anbietern favorisierte Internetradio würde im Vergleich zu DAB+ in der digitalen Welt dagegen bislang nicht als solche wahrgenommen. Auch die Radiohörer, die ein Hörfunkprogramm zumeist zur Hintergrundberieselung konsumieren, sähen kaum Notwendigkeit an einem Umstieg. Daher laufe die Digitalisierung des Hörfunks in Deutschland äußerst schleppend.

Die Studie warnt jedoch am sturen Festhalten an UKW, da die Veranstalter dann in einer zunehmend vernetzten Welt sukzessive an Bedeutung verlieren könnten. Der Simulcast, also die Zeit der analogen und digitalen Parallelabstrahlung einzelner Programme, stelle jedoch mit Blick auf den entsprechenden Mehraufwand einen wesentlichen Faktor bei der ökonomischen Last der Einführung von digitalem terrestrischen Radio dar.

Gesetzgeber muss eingreifen

Der Gesetzgeber mag zur Verkürzung dieser Simulcast-Phase Maßnahmen erwägen, durch eine entsprechende Förderung der Infrastruktur die Erreichung seines Zieles zu beschleunigen, so die Studie. Ein festes Ausstiegsdatum aus der UKW-Verbreitung sei hilfreich. Denn eine dauerhafte Parallelverbreitung von UKW und DAB+ stelle eine Verschwendung von Ressourcen dar, die schwer zu rechtfertigen sei. Das Signal müsse von der Politik ausgehen. Möglich sei der sofortige Einstieg in eine zügige regierungsinitiierte Digitalisierung oder ein Einstieg zu einem späteren Zeitpunkt, etwa wenn ausreichend Digitalradio-Geräte im Markt sind oder die Netze komplett ausgebaut.

Wie gemeldet, hat das Bundesminsterium für Verkehr und digitale Infrastruktur inzwischen ein Board für das Thema Digitalradio angekündigt über jetzt nötige Maßnahmen zu beraten.

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