Warn-App

100 Tage Corona-Warn-App: Bilanz und Ausblick

Die Corona-Warn-App wurde im Juni als "ganz zentraler Baustein" zur Bekämp­fung der Pandemie ange­kün­digt. Nach 100 Tagen heißt es oft, sie sei "kein Allheil­mittel". Klar ist: Die App funk­tio­niert. Die Wirkung könnte aber viel höher sein.

Zum Start der Corona-Warn-App vor 100 Tagen hatte Kanz­ler­amts­chef Helge Braun (CDU) die Latte sehr hoch gelegt. "Das ist nicht die erste Corona-App welt­weit, die vorge­stellt wird. Aber ich bin ziem­lich über­zeugt, es ist die Beste", sagte der promo­vierte Medi­ziner damals. "Sie herun­ter­zuladen und zu nutzen, das ist ein kleiner Schritt für jeden von uns, aber ein großer Schritt für die Pande­mie­bekämp­fung."

Inzwi­schen kann sich die Corona-Warn-App noch mit einem weiteren Super­lativ schmü­cken: In keinem anderen west­lichen Land wurde eine vergleich­bare Anwen­dung so häufig herun­ter­geladen wie die Anwen­dung des Robert Koch-Insti­tuts. Dennoch melden sich immer wieder Kritiker zu Wort, die die Wirk­sam­keit der App in Frage stellen. Diese Zweifel werden auch durch tech­nische Unzu­läng­lich­keiten genährt. Die Entwickler der Anwen­dung, SAP und Deut­sche Telekom, ziehen jeden­falls eine posi­tive Bilanz nach 100 Tagen, die Down­load-Zahlen seien ein "Vertrau­ens­beweis der Bevöl­kerung".

Corona-Warn-App: So funk­tio­niert sie

Gesundheitsminister Jens Spahn zur Corona-Warn-App: "Bitte nutzen Sie dieses Werkzeug in der Pandemie." Gesundheitsminister Jens Spahn zur Corona-Warn-App: "Bitte nutzen Sie dieses Werkzeug in der Pandemie."
Bild: picture alliance/Bernd von Jutrczenka/dpa Pool/dpa
Die App erfasst mit Hilfe von Blue­tooth-Signalen, welche Smart­phones einander nahe gekommen sind. Blue­tooth wurde aller­dings nie für diese Aufgabe entwi­ckelt. Daher müssen die Macher der App mit Werten kalku­lieren, die oft nicht genau sind.

Die Kontakt-Ermitt­lung via Blue­tooth ist aber nicht die einzige Funk­tion der App. Die Anwen­dung berechnet auch das Risiko, das sich aus der Gesamt­zeit aller Risi­kobe­geg­nungen der vergan­genen 14 Tage ergibt. Wenn die App in einem roten Feld ein "erhöhtes Risiko" anzeigt, erhalten die Betrof­fenen die Empfeh­lung, sich nach Hause zu begeben bezie­hungs­weise zu Hause zu bleiben sowie mit ihrem Haus­arzt, dem ärzt­lichen Bereit­schafts­dienst oder dem Gesund­heitsamt Kontakt aufzu­nehmen und dort das weitere Vorgehen abzu­stimmen.

Im Laufe der ersten 100 Tage hat diese Risi­kobe­wer­tung nicht immer zuver­lässig funk­tio­niert. So kam heraus, dass die App auf dem iPhone zeit­weise Aussetzer hatte. Dadurch wurden manche Nutzer nicht oder zu spät gewarnt. Nach mehreren Anläufen wurde dieser Fehler in Zusam­men­arbeit mit Apple behoben.

Doch selbst wenn die App nun einwand­frei arbeitet, ist sie weit davon entfernt, die Bevöl­kerung flächen­deckend zu warnen. Das hat vor allem mit den Nutzungs­zahlen zu tun. Die App wurde nach Angaben des RKI inzwi­schen 18,2 Millionen Mal herun­ter­geladen. Dabei wird nur eine Instal­lation pro Apple-ID bezie­hungs­weise Google-Konto gezählt, also nicht die Down­loads der Aktua­lisie­rungen.

Da manche Anwender die App auch wieder deinstal­liert oder die Blue­tooth-Signale abge­stellt haben, fällt die Zahl der aktiven Benutzer nied­riger aus. Experten schätzen, dass 15 Millionen Menschen in Deutsch­land die Anwen­dung aktiv nutzen. Das entspricht auch der Größen­ord­nung der tägli­chen Zugriffe auf den Telekom-Server, wo sich die App alle 24 Stunden die Liste aller Tages­schlüssel der Smart­phones herun­ter­lädt, die in Verbin­dung mit posi­tiven Test­ergeb­nissen stehen.

Weniger ist besser als nichts

Gert G. Wagner, Mitglied des Sach­ver­stän­digen­rats für Verbrau­cher­fragen beim Bundes­jus­tiz­minis­terium, macht folgende Rech­nung auf: Wenn 25 Prozent der Erwach­senen die App herun­ter­geladen und tatsäch­lich akti­viert haben, dann werde von denen auch nur ein Viertel der Kontakte infor­miert, die unter Umständen infek­tiös sind. "Weil eben nur ein Viertel die App instal­liert haben und nicht alle. Daher muss man 0,25 mit 0,25 multi­pli­zieren, das ergibt 0,0625. Das bedeutet, es wird ein wenig über sechs Prozent der Fälle über­haupt erfasst."

Um auf einen Wert von 50 Prozent erfasster Fälle zu kommen, müssten mehr als 70 Prozent der Erwach­senen die Corona-Warn-App verwenden. Mit den deut­lich nied­rigeren Zahlen werde die App aber nicht irrele­vant, "denn selbst sechs Prozent sind deut­lich mehr als nichts".

Die Anwen­dung könne aller­dings besser als gedacht funk­tio­nieren, wenn nämlich Gruppen mit einem über­durch­schnitt­lichen Infek­tions­risiko die Anwen­dung häufiger nutzen würden als der Durch­schnitt, gibt Wagner zu bedenken. Auf diesen Zusam­men­hang verweist auch Karl Lauter­bach, der Gesund­heits­experte der SPD-Bundes­tag­frak­tion. "Die App wird unter­schätzt", sagte Lauter­bach der Deut­schen Presse-Agentur. "Für die erste Welle kam sie zu spät, für die zweite Welle zu früh." Die App könne noch einen großen Beitrag leisten, weil sie in der beson­ders betrof­fenen Alters­gruppe stark genutzt werde.

Corona-Warn-App 2.0?

Lauter­bach plädiert aber dafür, die App um bestimmte Funk­tionen zu erwei­tern. Neben zusätz­lichen Infor­mationen für die Nutzer in der App wünscht sich der SPD-Poli­tiker eine Echt­zeit-Erken­nung von gefähr­lichen Menschen­ansamm­lungen, die sich zu einem Super­sprea­ding-Event entwi­ckeln könne. Außerdem hält er eine Art Kontakt-Tage­buch für sinn­voll, eine kleine Notiz­funk­tion, um frei­willig für den Tag zu vermerken, mit wem man Kontakt hatte oder ob man an größeren Ereig­nissen teil­genommen hat. Auch Max-Planck-Experte Wagner wünscht sich eine Erwei­terung der App um frei­wil­lige Angaben - Geschlecht, Alter und insbe­son­dere die beruf­liche Tätig­keit würden der Wissen­schaft helfen.

Henning Till­mann, Soft­ware­ent­wickler und Co-Vorsit­zender des digi­tal­poli­tischen Think­tanks D64, sagte, es sei jetzt wichtig, den "Spirit des Früh­jahrs" wieder­auf­zunehmen. "Die App ist nicht am Ziel, sondern muss weiter­ent­wickelt werden." Der wissen­schaft­liche Kennt­nis­stand der App liege noch im April. Es gebe aber inzwi­schen viele neue Erkennt­nisse, zum Beispiel zu Aero­solen, Clus­tern und Super­sprea­ding. "Dieses Wissen muss in die App einge­baut werden. Es wird höchste Zeit für eine Corona-Warn-App 2.0, damit die App helfen kann, gut durch den anste­henden Corona-Winter zu kommen."

Die Soft­ware-Unter­neh­merin Laura Sophie Dorn­heim, die zur kommenden Bundes­tags­wahl für die Grünen in Berlin antreten möchte, hat ihre ganz persön­liche Erfah­rung mit der App gemacht: "Wollte morgen mit zwei Freun­dinnen essen gehen", schrieb sie auf Twitter. "Jetzt hat eine abge­sagt, denn ihre CoronaWarnApp sieht rot. Ich hoffe, sie bleibt symptom­frei und bin sehr froh, dass die App hier min. zwei poten­tielle Anste­ckungen vermieden hat!"

Spahn: "Bitte nutzen Sie dieses Werk­zeug in der Pandemie"

Die Bundes­regie­rung hat dazu aufge­rufen, die neue Corona-Warn-App für Smart­phones auch mit Blick auf den Herbst und Winter inten­siver einzu­setzen. "Bitte nutzen Sie dieses Werk­zeug in der Pandemie", sagte Gesund­heits­minister Jens Spahn (CDU) heute in Berlin bei einer Zwischen­bilanz der Anwen­dung. Dazu gehöre, bei einem eigenen posi­tiven Test­ergebnis auch seine Kontakte darüber zu infor­mieren. Bisher passiere dies nur in etwa der Hälfte der Fälle. Insge­samt hätten fast 5000 Nutzer eigene Kontakte auf diese Weise gewarnt, erläu­terte Spahn. Bei je zehn bis 20 Kontakten hätten so einige Zigtau­send Menschen infor­miert werden können.

Kanz­ler­amts­chef Helge Braun (CDU) nannte die im Auftrag des Bundes entwi­ckelte Anwen­dung eine "große Erfolgs­geschichte". Mit rund 18 Millionen Down­loads sei sie häufiger herun­ter­geladen worden als alle anderen Corona-Apps in Europa. Sie sei inzwi­schen auch 400 000 Mal in auslän­dischen Stores herun­ter­geladen worden, um sie in Deutsch­land nutzen zu können. Spahn betonte, die App sei "kein Allheil­mittel". Sie ergänze die Arbeit von Gesund­heits­ämtern und Gesund­heits­wesen, es komme zudem weiter auf Abstand, Hygie­nere­geln und Alltags­masken an.

Ein Kunde erhielt zu seinem alten o2o-Tarif ein Gratis-Daten­paket von 250 MB und nutze dies fleißig während der Corona-Zeit. Doch dann kam der Schock: Von über 7000 Euro wollte o2 immerhin 200 Euro. teltarif.de musste helfen.

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