Klima

Klima: Streaming muss nicht das neue Fliegen werden

In der Pandemie streamen die Menschen mehr als je zuvor. Umwelt­minis­terin Schulz fordert deshalb, die Digi­tali­sie­rung umwelt­ver­träg­lich zu gestalten. Auch die Nutzer können einen Beitrag leisten.

Ob Strea­ming oder Video-Konfe­renzen - in der Coro­nakrise hat die Daten­menge im Netz kräftig zuge­nommen. Umwelt­minis­terin Svenja Schulze (SPD) will die Digi­tali­sie­rung deshalb umwelt­ver­träg­lich gestalten, damit das Internet eine bessere Klima­bilanz bekommt. "Strea­ming, das geht auch klima­freund­lich. Es muss nicht das neue Fliegen werden", sagte Schulze heute bei einer Video­kon­ferenz. "Streamen im WLAN oder über Breit­band­anschluss ist in der Regel wesent­lich ener­gie­effi­zienter als über das Mobil­funk­netz."

Mobil­funk­netz-Strea­ming verur­sacht viel Kohlen­dioxid

Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) Umweltministerin Svenja Schulze (SPD)
Bild: picture alliance/Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa
Schulze nannte dazu Vergleichs­zahlen: Während eine Stunde Serie schauen über das Mobil­funk­netz schlimms­ten­falls 90 Gramm Kohlen­dioxid (CO2) verur­sache, verbrauche man im WLAN im besten Fall nur zwei Gramm. "Ein ganz erheb­licher Teil des Ener­gie­ver­brauchs beim Video­streamen entsteht bei der Über­tra­gung der Daten von der Cloud zu den Nutze­rinnen und Nutzern", betonte die Minis­terin. Dabei gebe es "große Unter­schiede - je nachdem, mit welcher Technik die Daten über­tragen werden".

Die Erkennt­nisse gehen aus einem Forschungs­pro­jekt Green Cloud-Compu­ting im Auftrag des Umwelt­bun­des­amts hervor. Dabei maßen das Fraun­hofer-Institut für Zuver­läs­sig­keit und Mikro­inte­gra­tion sowie das Berliner Öko-Institut Umwelt­wir­kungen von Online-Spei­chern und Video­strea­ming. Die Ergeb­nisse beruhen Schulze zufolge nicht wie bei anderen Studien auf Annahmen, sondern erst­mals auf realen Messungen.

Corona-Pandemie: Hohe Nutzung von Cloud-Diensten

Durch die Corona-Pandemie stieg die Nutzung etwa von Cloud-Diensten in Deutsch­land deut­lich. Von Februar bis März - also inner­halb eines Monats - habe sich die Daten­menge um 30 Prozent erhöht, betonte der Präsi­dent des Bundes­amts, Dirk Messner. Im März wurde am Inter­net­knoten Frank­furt/Main ein Wert von 9,16 Terabit gemessen - der höchste dort je ermit­telte Daten­durch­satz pro Sekunde. Er entspricht der gleich­zei­tigen Über­tra­gung von mehr als zwei Millionen HD-Videos.

"Beim Breit­band­ausbau sollte wo immer möglich Vorfahrt für ener­gie­effi­ziente Glas­faser­netze gelten. Die 5G-Infra­struktur muss das sehr inef­fizi­ente 3G möglichst schnell ersetzen", forderte die Umwelt­minis­terin. Außerdem will sie, dass für Rechen­zen­tren ein verbind­licher Ener­gie­aus­weis einge­führt wird, der Auskunft geben soll über Ener­gie­ver­brauch und Leis­tungs­fähig­keit.

"Beim Ener­gie­ver­brauch in den einzelnen Rechen­zen­tren gibt es eine extrem große Spann­breite", so Schulze. "Insge­samt schlägt der Ener­gie­ver­brauch und damit die CO2-Belas­tung in Rechen­zen­tren im Vergleich zu anderen Faktoren bei der Nutzung von Cloud-Diensten aber deut­lich geringer zu Buche als bisher ange­nommen."

Bitkom zu den Klima­wir­kungen von Video­strea­ming

Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Bitkom (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V.) Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Bitkom (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V.)
Bild: picture alliance/Peter Steffen/dpa
Haupt­geschäfts­führer Dr. Bern­hard Rohleder des Bran­chen­ver­bands Bitkom erklärte in einer Pres­seinfor­mation zu dem Thema:

"Strea­ming gehört für viele Menschen in Deutsch­land zum Leben dazu: 83 Prozent der Inter­net­nutzer schauen Videos im Internet – fast jeder Dritte davon täglich, wie eine Bitkom-Studie von August 2020 zeigt. Zugleich arbeiten viele Menschen im Home­office, Video­kon­ferenzen sind mitt­ler­weile alltäg­licher Bestand­teil der Arbeits­welt. So wie der Auto- und Flug­ver­kehr durch digi­tale Formen der Präsenz und Kommu­nika­tion ersetzt wurde, wurde auch der Ener­gie­ver­brauch redu­ziert.

Strea­ming hat einen umso gerin­geren Klima­effekt, je nach­hal­tiger und ökolo­gischer der Ener­giemix ist. Die Strom­erzeu­gung aus Sonne und Wind ist nahezu CO2-neutral, ganz anders ist es bei Kohle und Gas. Dementspre­chend können etwa die Menschen in Schweden deut­lich klima­scho­nender surfen und streamen als die Menschen in Polen, wo die Energie noch zu einem großen Teil aus fossilen Quellen stammt. Der CO2-Ausstoß von einer Stunde Strea­ming ist im polni­schen Ener­giemix etwa 50 Mal höher als in Schweden – in Deutsch­land liegen wir etwa im Mittel­feld.

Deutsch­land hat beim Ausbau erneu­erbarer Ener­gien noch Aufhol­bedarf. Damit Strea­ming das Klima hier­zulande nicht belastet, muss der Ener­giemix schneller und konse­quenter in Rich­tung rege­nera­tiver Ener­gie­quellen voran­getrieben werden. Darüber hinaus muss die Ener­gie­effi­zienz der Rechen­zen­tren weiter gestei­gert werden. Der Strom­bedarf der Rechen­zen­tren in Deutsch­land beträgt derzeit mehr als zwölf Milli­arden Kilo­watt­stunden pro Jahr – das ist in etwa so viel wie Berlin jähr­lich verbraucht. Dabei entsteht Wärme, die auch für die Fern­wär­mever­sor­gung genutzt werden könnte. Ange­sichts der bevor­ste­henden Abschal­tung der Kohle- und Atom­kraft­werke gilt dies umso mehr.

Unab­hängig davon kann jeder Haus­halt selbst etwas für die Klima­neu­tra­lität von Strea­ming tun, indem er seine Geräte mit Energie aus rege­nera­tiven Quellen betreibt. Zugleich kann man sein Nutzungs­ver­halten hinter­fragen: Laufen mehrere Geräte parallel? Ist wirk­lich die höchste Auflö­sung nötig? Wird im Hinter­grund gestreamt und niemand schaut zu? Wer die Auto-Play-Funk­tion deak­tiviert, erreicht zudem, dass nach Ende des eigent­lich gewünschten Videos kein weiterer Stream startet."

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