TV-Nutzung

Kriseneffekt: Das TV-Lagerfeuer flackert wieder auf

Früher holten Shows oder Krimis gefühlt ganz Deutsch­land vor den Fern­seher. TV-Lager­feuer um TV-Lager­feuer - es ist lange her. Doch jetzt taucht das Phänomen laut Experten wieder auf.

In Zeiten der Krise flackert das "TV-Lagerfeuer" wieder auf In Zeiten der Krise flackert das "TV-Lagerfeuer" wieder auf
picture alliance/Klaus-Dietmar Gabbert/ZB/dpa
Früher war das in vielen Haus­halten hier­zu­lande so: Abends versam­melte sich die Familie um den wohl wich­tigsten Einrich­tungs­ge­gen­stand im Wohn­zimmer - den Fern­seher. Gemeinsam sah man eine Show wie "Wetten, dass..?", eine Fami­li­en­serie wie "Schwarz­wald­klinik" oder einen Krimi - und griff dabei zu Schnitt­chen und Salz­stangen auf dem Couch­tisch. In den Folge­tagen sprach man mit Tante, Bruder, Nach­barn, Arbeits­kol­legen und den Leuten im Super­markt über die Sendung.

TV-Lager­feuer, wohin man schaute. Heute ist diese Zeit gefühlt ewig her. Die digi­tale Trans­for­ma­tion mit Media­theken, Strea­ming und Apps hat die Möglich­keiten der Nutzung grund­le­gend verän­dert - die TV-Welt ist eine andere geworden.

TV-Lager­feuer flackert wieder auf

In Zeiten der Krise flackert das "TV-Lagerfeuer" wieder auf In Zeiten der Krise flackert das "TV-Lagerfeuer" wieder auf
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Doch jetzt - so bilan­zieren nun TV-Experten die vergan­genen Wochen - flackert wieder was. Der Grund ist ein trau­riger: das sich welt­weit ausbrei­tende Coro­na­virus. Die Vorsit­zende der Geschäfts­füh­rung der Arbeits­ge­mein­schaft AGF Video­for­schung, Kerstin Niederauer-Kopf, sagt der Deut­schen Presse-Agentur: "Dieser Tage lodert das TV-Lager­feuer wieder heftig." Das lineare Fern­sehen werde oft gemeinsam konsu­miert, "um danach über etwas spre­chen zu können". Die Kontakt­be­schrän­kungen führten dazu, dass man in Kollek­tiven zuhause wieder TV konsu­miere.

Die Arbeits­ge­mein­schaft hat einen guten Über­blick, weil sie die tägli­chen Nutzungs­zahlen der TV-Sender auswertet. Sie hat die Daten der vergan­genen Wochen zusam­men­ge­tragen und analy­siert.

Immer wieder fiel zuletzt auf, wie viele Zuschauer Nach­rich­ten­sen­dungen sehen, die über das Coro­na­virus berichten. Sender legten sofort mit Sonder­sen­dungen nach. Nur ein Beispiel, wie hoch die Nutzung sein kann in diesen Tagen: Die 20-Uhr-"Tages­schau" am 22. März schal­teten mehr als zwölf Millionen Zuschauer im Ersten ein. Sonst erreicht die Nach­rich­ten­sen­dung rund zehn Millionen Zuschauer - aber nur, wenn man auch die Zuschauer auf allen dritten ARD-Kanälen hinzu­rechnet. Niederauer-Kopf spricht zur derzei­tigen TV-Nutzung von einer "Ausnah­me­si­tua­tion" auf einem extremen Niveau.

Corona-Krise: TV-Nutzung ist höher geworden

Eigent­lich gab es vor Corona-Zeiten einen ganz anderen Trend. Die Nutzung von klas­si­schem TV, das linear, also gemäß dem laufenden Programm, ausge­strahlt wird, geht zurück. Die TV-Sender inves­tieren in Media­theken und Strea­ming-Ange­bote, um den verän­derten Sehge­wohn­heiten zu entspre­chen. Fern­sehen schauen heute viele Leute auch über das Smart­phone oder am Laptop.

Die TV-Nutzung ist in der Corona-Krise größer geworden. "So ist die Nettoreich­weite, also der Anteil der Menschen, die im März 2020 mindes­tens einmal Kontakt mit dem Medium hatten, spürbar gestiegen, und zwar von 72 Prozent im Februar auf 75 Prozent im März 2020", heißt es von der AGF Video­for­schung. Im Jahr davor seien es noch 70,9 Prozent gewesen. Auch die Sehdauer ist insge­samt gestiegen, aller­dings im Vergleich der März­mo­nate nicht in allen jüngeren Alters­gruppen.

Die AGF Video­for­schung bilan­ziert in ihrer Analyse: "Vor allem jüngere Ziel­gruppen kehren auf der Suche nach quali­tativ hoch­wer­tiger Infor­ma­tion zum linearen Fern­sehen zurück. Der lang­fris­tige Abwärts­trend, das Abwan­dern junger Ziel­gruppen in andere Medi­en­ka­näle, ist vorerst gestoppt." TV erreichte über alle Formate hinweg 37 Prozent der 14- bis 19-Jährigen im März. Im Vorjahr waren es noch 32,9 Prozent. Treiber sind die Nach­rich­ten­for­mate.

Niederauer-Kopf sagt über den Effekt bei den Nach­richten in Zeiten von Urlaubs­ab­sagen und Kontakt­re­du­zie­rung: "Sie vermit­teln rele­vante Infor­ma­tionen, werden zur Tages­klammer und zur Richt­schnur für das weitere Handeln der Menschen. Fern­sehen wird das Fenster zur Welt."

RTL: TV-Lager­feuer brenne heller denn je

Das Ganze fällt in eine Zeit, in der das Fern­seh­gerät gerade bei den Jüngeren nicht den Stel­len­wert wie bei den Älteren hat. Aus dem Digi­ta­li­sie­rungs­be­richt Video 2019 der Landes­me­di­en­an­stalten ist ersicht­lich: Knapp ein Drittel (32,2 Prozent) der 14- bis 19-Jährigen sieht das Smart­phone als wich­tigstes Empfangs­gerät für den Video­konsum. Der Fern­seher verlor damit in dieser Alters­gruppe seine Spit­zen­po­si­tion. Nur 25,7 Prozent nennen ihn laut Studie als wich­tigstes Gerät zur Vide­o­nut­zung.

Die private Kölner Sender­gruppe RTL bemerkt seit Mitte März hohe Reich­wei­ten­zu­wächse bei den Zuschauern ab drei Jahren zum Beispiel bei den RTL-Unter­hal­tungs­shows "Deutsch­land sucht den Super­star" (+ 17 Prozent), "Let's Dance" (+ 4 Prozent) und der Vox-Koch­show "Kitchen Impos­sible" (+ 13 Prozent).

"Die Detail-Analyse zeigt, dass wir dabei auch sehr viele Zuschauer gewinnen, die zuvor kaum auf unseren Sendern unter­wegs waren." Auch RTL-Geschäfts­führer Jörg Graf spricht von einem TV-Lager­feuer, das "heller denn je" brenne.

ZDF: Mit Abstand meist­ge­se­hener Sender

Beim ZDF sind derzeit neben Nach­rich­ten­sen­dungen vor allem Wissens­sen­dungen, aber auch unter­hal­tende und fiktio­nale Formate erhöht nach­ge­fragt. "Das ZDF ist auch in der Coro­na­krise mit Abstand der meist­ge­se­hene Sender. Das Vertrauen in unsere Bericht­erstat­tung ist groß, und auch die Unter­hal­tungs­sen­dungen haben stark zuge­legt", sagt Programm­di­rektor Norbert Himmler.

Gab es schon früher mal eine Ausnah­me­si­tua­tion im TV-Konsum? Niederauer-Kopf nennt als Zeit­punkt die Terror­an­schläge vom 11. September 2001. Aber im Vergleich zu der jetzigen Situa­tion eher über einen begrenzten Zeit­raum. Diese Pandemie sei länger und der Effekt auf die TV-Nutzung voraus­sicht­lich damit auch.

Wird es einen lang­fris­tigen Effekt über die Corona-Krise hinaus geben? TV-Expertin Niederauer-Kopf sieht es so: Die Situa­tion gebe "Hoff­nung, dass Personen, die die TV-Kompe­tenz jetzt kennen­lernen, ihre Medi­en­nut­zung anpassen".

Vom ZDF heißt es: "Ob es sich bei der erhöhten Nutzung um einen reinen "Corona-Effekt" handelt, der sich nach der Krise wieder rela­ti­viert, bleibt abzu­warten."

Die Medi­en­gruppe RTL führt bei ihrem Strea­ming-Angebot TVNOW einen Premium+-Bereich ein. Ferner gibt es ein neues Design und die Verfüg­bar­keit auf zusätz­li­chen Endge­räten. Mehr dazu lesen Sie in einer weiteren News.

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