Media Tasting 2018

Sender übergreifende Mediathek & ein "Virtual-Reality-Tatort"

Zum dritten Mal traf sich die Kreativ- und Medienbranche zum "Media Tasting" in Stuttgart. Auf keinem anderen Branchenevent wird die Zukunft der audiovisuellen Medien derart erlebbar. Im Fokus in diesem Jahr: Virtual Reality, Super-Mediatheken und der Kampf der deutschen Unternehmen gegen US-Konzerne wie Facebook, Netflix und Co.
Vom Change Media Tasting in Stuttgart berichtet
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Die dynamische Digita­lisierung verändert jeden Lebens­bereich und damit auch die Kultur immer schneller. Inno­vationen, Kreativität, Virtual Reality, neue Konzepte und Lösungen im Bereich der künstlichen Intelligenz sind notwendig, wenn die deutschen Medien­unternehmen im Wettbewerb gegen Google, Amazon, Netflix und Co. bestehen wollen. Dabei stehen die Player künftig vor der entscheidenden Frage, ob sie Branchen übergreifend Kolla­borationen und Alli­anzen mit nationalen Wett­bewerbern eingehen oder einen eigenen Weg einschlagen wollen. Deutlich wurde zudem, dass lineares TV kein Auslauf­modell ist, sondern in Kombination mit auch für den On-Demand-Bereich nutzbaren Inhalten weiterhin sehr gute Chancen besitzt. Dies verdeutlichten Vorträge und Diskussionen im Rahmen von Deutschlands Medien- und Innovationskongress "Media Tasting 2018" in Stuttgart. Die Veranstaltung stand unter dem Leitthema "Change becomes Culture".

TV-Sender entdecken Virtual Reality

Panel-Diskussion auf dem Change Media Tasting in StuttgartPanel-Diskussion auf dem Change Media Tasting in Stuttgart Virtual Reality ist für Keynote-Speaker Michael Neidhöfer von der Digital Devotion Group die technische Innovation, die in den Startlöchern steht und vieles verändern wird. In der Industrie spielen VR-Anwendungen bereits heute schon eine wichtige Rolle. Virtual Reality und die jüngste Erscheinungsform Mixed Reality werden, so Neidlingers Einschätzung, im Zuge besserer Technologien sowie sinkender Hardware- und Einstiegskosten immer mehr auch in unseren Alltag einziehen. Für ihn besitzt Virtual Reality viele Potenziale, deren Entwicklung erst am Anfang stehen. Stories können in VR neu und anders erzählt werden und das von der Werbung, über die Produkterklärung bis hin zum Infotainment: "Wer heute bereits mit mobilen Apps arbeitet, wird bald auch virtuelle Apps anbieten."

Auf einer Fishbowl-Diskussion wurden die Möglichkeiten von Virtual Reality auch für die TV-Branche erläutert: So hätte der Kultursender Arte erstmals VR-Material produziert, und auch ein "Virtual Reality"-Tatort der ARD sei in naher Zukunft keine Utopie mehr. Als nachteilig gelte aber noch die minderwertige Auflösung der meisten VR-Brillen im Zeitalter von Ultra-HD.

Mehr Regulierung bei großen US-Konzernen

Thema auf dem Media Tasting ist auch immer das Thema Regulierung. So würde Thomas Laufersweiler von ARD.de Facebook gerne einen Rundfunkrat gönnen. Cornelia Holsten, Vorsitzende der Direktorenkonferenz der Medienanstalten (DLM) prangerte vor allem auch Abmahn-Vereine an, die jetzt bei YouTubern wegen scheinbar fehlender Werbekennzeichung schnelles Geld machen wollten. Dazu käme auch manchmal bei Gerichten die Unkenntnis über das Web. Holsten, früher selbst Richterin, brachte es auf den Punkt: "Ich würde so gerne einmal einem Gericht das Internet erklären."

Super-Mediathek: Hoffen aufs Kartellamt

Inwieweit das Kartellamt seine strikte Haltung im Bezug auf deutsche Zusammenarbeit im Plattform-Bereich überdenkt, werde sich schon in nächster Zeit zeigen. Anlass ist das Konzept eines Sender übergreifenden kommerziellen deutschen Streamingportals von Discovery mit der Sendergruppe ProSiebenSat.1, das Susanne Aigner-Drews (Eurosport, DMAX und Discovery) vorstellte. Die Plattform, die momentan unter dem Namen 7tv firmiert, soll im kommenden Jahr einen neuen Namen bekommen. Das Portal bündelt alle Sendungen der Free-TV-Sender von ProSiebenSat.1 und Discovery in einer Sender übergreifenden Mediathek. Diese soll künftig weiteren Partnern offen stehen.

Diese "Super-Mediathek" will Sport-Liveevents und attraktive lineare TV-Inhalte nutzen, um einen starken OTT-Brand in Deutschland zu schaffen. Die Online-Plattform ist bewusst offen für alle angelegt und entsprechende Einladungen erfolgten bereits an ARD, ZDF und RTL. Im Gegensatz zu früheren Plattform-Plänen, wie "Amazonas" und "Germany‘s Gold", die an Einwänden des Kartellamtes scheiterten, wurden beim Media Tasting diesmal einem deutsches Netflix oder Hulu angesichts der veränderten Marktbedingungen und der offenen Ausrichtung deutlich bessere Chancen eingeräumt. Allerdings bräuchte man zunächst ein Jahr Zeit um auszuloten, ob ein solches Vorhaben überhaupt realisierbar ist

Durchaus Sympathien für die neue Plattform hegt Thomas Laufersweiler von ARD.de und verweist mit Blick auf das Kartellamt auf "viel vertane Zeit und blutige Nasen" beim Aufbau einer entsprechenden Plattform. Für die ARD müssten allerdings vor einer möglichen Zusammenarbeit einige grundlegende Fragen geklärt werden, wie etwa das Verhältnis von Pay-Angeboten und mit Rundfunkgebühren finanzierten Inhalten oder der Umgang mit Empfehlungen.

Marktteilnehmer: Selbstbewusster gegen Netflix auftreten

Stephan Zech von der Funke Mediengruppe forderte alle Marktteilnehmer mit Blick auf Netflix auf, viel selbstbewusster aufzutreten. Eine Plattform alleine müsste nicht unbedingt die richtige Antwort sein. Plattformen sollten jedoch grundsätzlich überall nutzbar sein. Die große Herausforderung liegt für ihn im Wandel des Denkens: „Wir müssen Awareness für Produkte schaffen, anstatt auf Quoten zu schauen." Zudem müsse der Aufbau übergreifender Plattformen als Kollaboration beginnen und sollte sich erst im zweiten Schritt mit den gesellschaftsrechtlichen Beteiligungsfragen befassen. Dabei seien typische Fehler bei Kollaborationen unbedingt zu vermeiden, rät Ester Petri von der MFG Baden-Württemberg, mit Fokus auf die Kreativwirtschaft. "Nicht allein die Größe von Agenturen ist entscheidend." Es gelte, sich noch besser zu vernetzen, um adäquate Partner im Markt zu finden. "Man muss sich vor allem persönlich kennenlernen", so Petri.

Gute Inhalte werden der Schlüssel sein, um gegen Netflix und Co. zu bestehen. Dazu gehört unbedingt auch das lineare Fernsehen mit Live-Events wie Sport und Shows. Für Zech ist dabei eine gute Programmplanung elementar, die sich an interessanten Inhalten und nicht am Verwerten von TV-Konserven orientiert. Petri bestätigte, das bei jungen Leuten gute Inhalte, ob Dokumentationen oder Serien, egal über welche Plattform, immer gefragt seien. Dies steht auch für Laufersweiler außer Frage, der sich den Einsatz von Künstlicher Intelligenz bei Empfehlungen und On Demand Planungen durchaus vorstellen kann. Hier stünden die Sender allerdings erst am Anfang.

Starke Marken halten Einzug in Medienwelt

Wie starke Marken auch außerhalb des Kerngeschäfts Einzug in die Medienwelt halten können, demonstrierte Lars Wagner von Playmobil. Die Spielfiguren sind inzwischen Hauptakteure in Kino, TV und Plattformen wie YouTube. Sechs TV-Serien seien in Planung, eine werde bereits beim privaten Free-TV-Sender Disney Channel ausgestrahlt.

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