Kommentar

Die neue CEBIT: Ausstellung oder Quasselbude?

Die Messeleitung wollte die angestaubte CEBIT mit neuem Termin und neuem Konzept wieder zum Leben erwecken. Doch ist ihr das gelungen? In unserem Kommentar fragen wir, wen die CEBIT wirklich ansprechen soll.
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"Was, du fährst zur CEBIT? Gibts die noch?" - Derartige Fragen hörte man in den vergangenen Jahren öfter, und zwar nicht nur unter Journalisten, sondern auch unter Fachleuten aus der IT-Branche. Jahrelang war die CEBIT ein reines Business-Treffen, auf den Messeständen gab es nichts, was man anschauen oder gar anfassen konnte. Manch ein Messestand bestand nur aus hohen, ab­weisenden Wänden, hinter denen sich lang­weilige Be­sprechungs­räume für Ge­schäfts­ab­schlüsse befanden. Schul­klassen mit Stoff­beuteln und Papier­taschen ("Beutelratten") wollte man nicht auf der CEBIT - und so sanken nicht nur die Besucher- und Ausstellerzahlen, auch die Bedeutung der einstigen Leitmesse schwand.

Doch nun sollte im Jahr 2018 alles anders werden. Das neue Konzept der CEBIT brachte nicht nur eine neue Schreibweise der Abkürzung mit großem "E", sondern auch eine Terminkollision: Die Messeleitung legte den CEBIT-Termin weg von Anfang März, weg vom konkurrierenden Mobile World Congress in Barcelona. Doch der neue Termin kollidierte in dieser Juni-Woche dafür nun mit der mittlerweile ebenfalls beliebten Breitband- und Content-Messe Anga Com in Köln, viele Aussteller und Fachbesucher mussten sich entscheiden oder von der einen zur anderen Messe hechten. Denn namhafte Aussteller gab es tatsächlich.

Doch was bleibt nun von der neuen CEBIT? Wir fassen unsere Beobachtungen von der diesjährigen Messe zusammen.

Fazit zur CEBIT 2018
Fazit zur CEBIT 2018

Es gibt Highlights, doch kaum jemand sieht sie

Ja, Hannover besitzt das größte Messegelände der Welt, und für manche Messen wie die Hannover Messe ist es dringend notwendig, auch die CEBIT konnte früher mühelos alle 26 Hallen und Pavillons füllen. Doch diese Zeiten sind längst vorbei: Die CEBIT 2018 fand nur noch in zehn der 26 Messehallen zuzüglich einiger Pavillons statt. Und nicht nur auf dem Freigelände, sondern auch in den zehn "belegten" Hallen kamen wir uns an den ersten beiden Messetagen mitunter vor, wie in einer ausgestorbenen Stadt - vom "Messehype" der besten CEBIT-Jahre keine Spur.

Der Festivalgedanke ging nur vereinzelt auf - Feststimmung gab es nicht überall
Der Festivalgedanke ging nur vereinzelt auf - Feststimmung gab es nicht überall
Dabei müssen wir sagen, dass die CEBIT als Ausstellung in diesem Jahr tatsächlich wieder einen Besuch wert war. Viele Aussteller haben wieder interessante Stände mit Gadgets und Geräten zum Anfassen, Verlosungen und kompetenten Gesprächspartnern. Man sieht auch deutlich, dass die Messeleitung wieder ein jüngeres Publikum ansprechen möchte: In einer komplett für Drohnen reservierten Halle ließen Drohnenpiloten neuartige Flugobjekte aufsteigen, die gleichzeitig fliegen oder wie ein Gummiball auf dem Boden hüpfen können und dabei noch bunt leuchten. Doch wenn bei dieser Szene in der fast leeren Halle nur 10 Leute zuschauen, fragt man sich, ob und wie die Messeleitung überhaupt bei jungen Leuten Werbung für die Messe gemacht hat.
Zum Teil gähnend leere Messehallen, die immerhin durch willkommene Sitzgelegenheiten aufgefüllt wurden.
Zum Teil gähnend leere Messehallen, die immerhin durch willkommene Sitzgelegenheiten aufgefüllt wurden.

Vorträge und Konferenzen: Durchwachsene Bilanz

Selbst die benutzten Hallen konnte die Messeleitung manchmal nur zur Hälfte mit Ausstellern füllen. Die Folge waren große abgesperrte Bereiche, meterlange leere Flächen zwischen den Ständen und sehr breite Gänge - eine echte Messestimmung kam in manchen Hallen nicht auf.

Einige Aussteller konnten oder wollten sich auch offenbar nicht am neuen Konzept beteiligen und boten derart fantasielose Messestände, an denen man nur noch schnell vorbeigehen wollte, zumal dann, wenn das Standpersonal gelangweilt in einer Ecke saß und nur mit dem eigenen Smartphone herumspielte. Echten Andrang gab es allerdings bei Herstellern wie AVM, die einem größeren Publikum bekannt sind, oder auch bei den Autoherstellern, die interessante Zukunftskonzepte zeigten.

Typisches Bild dieser CEBIT: Durch Absperrung verkleinerte Messehalle
Typisches Bild dieser CEBIT: Durch Absperrung verkleinerte Messehalle
Ein Teil des neuen Messekonzepts war es auch, insbesondere den Montag, aber auch die restlichen Messetage, mit Vorträgen und Diskussionsrunden zu füllen. Dabei gab es sicherlich einige Schmankerl wie die Keynote des T-Systems-Chefs Adel Al-Saleh, zum Teil aber auch echte Langweiler, was die Zuhörer mit leeren Sitzreihen quittierten. Auch hier sollte die Messeleitung in der Zukunft etwas mehr auf Qualität statt Quantität achten. Abgedroschene Veranstaltungen zu Cloud-Computing, Security oder IoT, bei denen nur seit Jahren gehörte Allgemeinplätze herunter gerattert werden, ohne neuen Input zu geben, kann sich die CEBIT sparen.
Nur wenige Firmen schafften es, junge Menschen anzusprechen: Mitarbeiter-Recruiting bei AVM
Nur wenige Firmen schafften es, junge Menschen anzusprechen: Mitarbeiter-Recruiting bei AVM

Fazit: Hat die CEBIT noch eine Chance?

Erschwerend kam hinzu, dass in diesem Jahr viele Hersteller und Dienstleister, die sich auf IT für den industriellen Sektor konzentrieren, ihr Pulver bereits bei der Hannover Messe (Industrie) im April verschossen hatten (teltarif.de berichtete live). Die gute alte CEBIT bekommt nun also nicht nur durch MWC, IFA, Anga Com und kleinere Fachmessen Konkurrenz, sondern auch noch "im eigenen Haus" durch die eigene Messeleitung. Gerüchte über eine Wiederverschmelzung von Hannover Messe und CEBIT nach der Trennung im Jahr 1986 machen die Runde.

Zusammenfassend lässt sich sagen, was viele Messebesucher hinter vorgehaltender Hand tuscheln: Trotz vieler interessanter Aussteller, Produkte und Dienstleistungen ist auch die neue CEBIT weder Fisch noch Fleisch. Noch immer kann sie sich nicht entscheiden, ob sie Consumer- oder Business-Messe oder Branchenkonferenz sein will. Insbesondere beim Konferenzprogramm fehlen die wirklichen (jungen) Trendsetter der Branche, beispielsweise von jungen Startups.

Man kann der CEBIT für die Zukunft also nur wünschen, dass sie sich klarer fokussiert und vor allem auch innerhalb Deutschlands viel mehr Werbung macht für das, was sie zu bieten hat - für Besucher und Aussteller.

Alle unsere Berichte von der Messe finden Sie auf unserer Übersichtsseite zur CEBIT.

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