Sisyphus

Breitbandmessung: Schwerer Nachweis für lahmes Internet

Theo­retisch kann ein Inter­net­kunde bei zu lang­samer Geschwin­dig­keit sofort kündigen. Der Beweis wird aber viele Kunden ziem­lich über­for­dern. Wer will schon mindes­tens fünf Tage auf eine Inter­net­nut­zung verzichten?

Wer seinem Internetanbieter nachweisen will, dass das Netz zu langsam ist, sollte sich sehr viel Zeit dafür nehmen Wer seinem Internetanbieter nachweisen will, dass das Netz zu langsam ist, sollte sich sehr viel Zeit dafür nehmen
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Lang­sames Internet nervt viele Kunden. Beschwerden verhallten allzu oft im Kunden­ser­vice-Dschungel. Das neue Tele­kom­muni­kati­ons­gesetz bietet (theo­retisch) eine Hand­habe. Doch die Beweis­füh­rung ist eine echte Heraus­for­derung für den frus­trierten Kunden.

Lang­sames Internet zur Haupt­sen­dezeit

Wer seinem Internetanbieter nachweisen will, dass das Netz zu langsam ist, sollte sich sehr viel Zeit dafür nehmen Wer seinem Internetanbieter nachweisen will, dass das Netz zu langsam ist, sollte sich sehr viel Zeit dafür nehmen
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Wer sein Internet über einen Kabel-TV-Anbieter bezieht, wer in einem Miets­haus mit alten oder schlecht gewar­teten Koax-Kabel-TV-Systemen wohnt, wo es viel­leicht noch zu stark über­buchten "Clus­tern" kommen kann, kennt das Problem: Da kann es passieren, dass "zur Haupt­sen­dezeit" das Internet in die Knie geht oder komplett aussteigt. Aber auch bei älteren DSL-Instal­lationen und neuer­dings sogar bei Glas­faser­netzen oder beson­ders via Mobil­funk kann es leicht passieren, dass die verspro­chene Geschwin­dig­keit zeit­weise nicht gelie­fert wird, weil Teile des Netzes vor Ort schlicht und ergrei­fend über­lastet sind.

Seit heute stellt die Bundes­netz­agentur das neue Desktop-PC-Tool mit dem Namen "Breit­band­mes­sung" zur Verfü­gung, damit Kunden dem eigenen Anbieter nach­weisen können, dass die Internet-Leitung "schlecht" ist.

Mit deut­scher Gründ­lich­keit

Deutsch­land geht gründ­lich vor. Also werden nur die Messungen über die App vom Portal www.breitbandmessung.de aner­kannt. Mess-Ange­bote von anderen Inter­net­por­talen oder Test­zeit­schriften beispiels­weise sind außen vor.

Erster Schritt: Der PC-Nutzer muss sich eine App herun­ter­laden und soll dann damit Messungen durch­führen.

Zunächst dürfen die AGBs abge­nickt werden: "Die Breit­band­mes­sung Desktop-Appli­kation (im Folgenden "Desktop-App" oder "Angebot") ist ein Angebot der zafaco GmbH (im Folgenden: "Anbieter"). Im Rahmen des Ange­bots werden Daten erhoben, um zuver­lässig Aussagen bezüg­lich der zur Verfü­gung stehenden Daten­über­tra­gungs­raten treffen zu können. Die Daten­schutz­praxis des Anbie­ters steht im Einklang mit der EU-Daten­schutz-Grund­ver­ord­nung (DSGVO)." So weit, so klar.

App kann geladen werden

Die notwen­dige App steht auf www.breitbandmessung.de bereit, ist schnell herun­ter­geladen und instal­liert. Sie läuft wahl­weise unter Windows 8, 10 oder 11. Es gibt auch eine Version für macOS (ab Version 10.12) und selbst eine speziell für Linux (diese läuft dann unter Ubuntu ab Version 16.04 oder unter Debian ab Version 8).

App noch nicht voll­ständig?

Kurio­ser­weise kennt die App (noch?) nicht alle Markt-Tarife, man kann aber die Tarif­eck­daten auch selbst editieren. Die speziell von der Telekom ange­botene "Hybrid"-Technik, wo Fest­netz und Mobil­funk mitein­ander verkop­pelt werden, um als Nutzer stein­alter Kupfer­lei­tungen in den Genuss höherer Band­breiten wie LTE-Mobil­funk zu kommen, kennt sie kurio­ser­weise noch nicht, die webba­sierte Vorgän­ger­ver­sion kannte sie schon.

Vor dem Start müssen viele Fragen beant­wortet werden

Vor der ersten Messung gibt es erst einmal ausführliche Hinweise und Regeln zu beachten. Vor der ersten Messung gibt es erst einmal ausführliche Hinweise und Regeln zu beachten.
Breitbandmessung - Screenshot teltarif.de
Bevor es losgehen kann, muss ein umfang­rei­cher Krite­rien­katalog beant­wortet werden. Neben der Frage nach dem Tarif wird auch der Name des Anbie­ters und die Post­leit­zahl (bitte kein Post­fach) des Testers abge­fragt, weitere Daten wie Post­adresse, Tele­fon­nummer oder E-Mail sind nicht darunter.

Strenge Restrik­tionen

Vor jeder Messung müssen die Häkchen neu gesetzt werden. Insgesamt 30 mal. Vor jeder Messung müssen die Häkchen neu gesetzt werden. Insgesamt 30 mal.
Grafik: Breitbandmessung / Screenshot: teltarif.de
Die App stellt klar: Der PC oder Laptop muss per LAN-Kabel direkt am Router ange­schlossen sein, eine WLAN-Verbin­dung ist nicht erlaubt. Weitere LAN-Verbin­dungen am Router müssen getrennt sein, auch die WLAN-Funk­tion im Router ausge­schaltet sein. Ein parallel laufendes Smart-Strea­ming (z.B. über einen Receiver) - ausschalten. Ener­gie­spar­modi? Bitte ausschalten, auch die können bremsen. Mehr­per­sonen-Haus­halt? Während der Messungen gibt es kein Internet - basta. Home­office? VPN-Einstel­lungen und dies­bezüg­liche Verbin­dungen sind zu trennen.

Und schließ­lich: Ist das Daten­volumen des gebuchten Tarifs ausrei­chend? Wäre ja pein­lich, wenn die lang­same Geschwin­dig­keit vom gedros­selten Daten­ver­kehr her käme.

30 Messungen an drei Tagen, mit einem Tag Pause

Nach spätestens 13 Tagen und 8 Stunden sollte alles vorbei sein. Nach spätestens 13 Tagen und 8 Stunden sollte alles vorbei sein.
Grafik:Breitbandmessung Screenshot: teltarif.de
Und nun kommts: "Führen Sie an drei unter­schied­lichen Kalen­der­tagen jeweils 10 Messungen durch, wobei zwischen den einzelnen Mess­tagen jeweils ein zeit­licher Abstand von mindes­tens einem Kalen­dertag liegen muss. Zwischen der fünften und sechsten Messung eines Mess­tages ist darüber hinaus ein Abstand von mindes­tens 3 Stunden einzu­halten und zwischen allen anderen Messungen eines Mess­tages ein Abstand von mindes­tens 5 Minuten."

Das bedeutet: Wenn Sie mit schlechtem Internet gestraft sind, dürfen Sie sich Urlaub nehmen, nur um mathe­matisch wissen­schaft­lich exakt Ihrem Anbieter zu beweisen, dass sein Internet nichts taugt.

Der Lohn des Verzichts

Und die App gibt Hoff­nung: "Nach erfolg­rei­chem Abschluss der Mess­kam­pagne wird ein Mess­pro­tokoll erstellt. Dieses enthält eine Aussage über ggf. vorlie­gende erheb­liche, konti­nuier­liche oder regel­mäßig wieder­keh­rende Abwei­chungen mit Blick auf die vertrag­lich verein­barten Daten­über­tra­gungs­raten getroffen."

Auch Einzel­mes­sungen möglich

Zum Glück kann die Mess-Serie jeder­zeit abge­bro­chen werden, auch Einzel­mes­sungen ("einfach mal schauen") sind möglich.

Am Anschluss des Autors ist alles in Ordnung, dort kommen im Down­load mehr MBit/s an, als der Tarif hergeben müsste, auch der Upload ist deut­lich besser. Nach einer Messung kündigt das Tool an, in 5 Minuten die nächste Messung 2/10 Messungen durch­zuführen, danach ist dann ein Tag Pause. Für die gesamte Kampagne gibt das Tool 13 Tage, 8 Stunden und 16 Minuten an. Das ist aber nicht die gesamte Mess­dauer, sondern inner­halb dieser Zeit müssen die Messungen abge­schlossen sein. Sie müssen also nicht Ihr Feld­bett neben dem Computer aufschlagen und eine Kiste Getränke und Essen bereit stellen.

Beson­ders ärger­lich: Jede einzelne Messung muss von Hand erneut ange­stoßen werden, also PC und App starten und dann viel­leicht für ein paar Tage das Haus verlassen, fällt flach. Den Computer oder das Internet können Sie in dieser Zeit nicht ander­weitig benutzen, weil es ja die Messung "stören" könnte. Und jedes Mal müssen die Häkchen neu gesetzt werden, dass alle Vorgaben erfüllt wurden. Jedes Mal.

Eine Einschät­zung (von Henning Gajek)

Diese aktu­elle Breit­band­mes­sungs-App ist wieder ein typi­scher Fall von "gut gemeint, aber..."

Klar, wenn es nach­prüf­bare vergleich­bare Ergeb­nisse geben soll, müssen bestimmte Spiel­regeln sein. Es ist nun mal so, dass WLAN-Verbin­dungen mit zuneh­mender Funk­fre­quenz­bele­gung durch Kinder­spiel­zeug, Tasta­turen, Mäuse, andere Router im Haus gegen­über oder der Wohnung darunter mit zuneh­mender Entfer­nung beliebig schlecht werden können.

Also darf es nur ein LAN-Kabel zwischen Router und PC/Laptop sein. Ob aber ein geplagter Kunde zwischen mindes­tens fünf und maximal 13 Tage. 8 Stunden und eine Hand­voll Minuten, sein Internet daheim "sperren" kann oder will, nur um zu beweisen, dass der Anbieter ein Problem hat, darf stark bezwei­felt werden. Und das alles nur, um vorzeitig aus einem 24-Monats­ver­trag raus­zukommen, dessen Leis­tung vorüber­gehend oder dauer­haft nicht das einhält, was verspro­chen wurde.

Eine App, die einfach gestartet wird und unauf­fällig im Hinter­grund misst, könnte schon einigen Aufschluss bringen, ohne dass der Nutzer tage­lang vor dem PC gefes­selt bleibt.

Die eindeutig bessere Lösung wäre schlicht und ergrei­fend eine gene­rell monat­liche Kündi­gungs­frist gewesen. Der Kunde könnte dann leicht sagen "gefällt mir nicht" und gehen. Der Anbieter hätte auch was davon: Seine Kunden­hot­line müsste sich nicht mit dem Kunden herum­schlagen, um ihm am Ende dann doch ziehen lassen zu müssen. Wenn in einem Hoch­haus oder einer Sied­lung auf einmal die Mehr­zahl der Kunden "flüchtet", spätes­tens dann dürfte dem Anbieter doch klar werden, dass hier etwas zu tun ist.

Eigen­heim­besitzer, Vermieter und Haus­ver­wal­tungen sollten sich schon einmal darauf einstellen, ihre Inter­net­zugänge samt Haus­ver­kabe­lung auf den Prüf­stand zu stellen, und wo immer möglich, am besten durch­gehend auf Glas­faser umzu­rüsten oder wenigs­tens genü­gend Leer­rohre für künf­tige Umrüs­tungen der Internet-Versor­gung vorzu­sehen.

Die Anbieter sollten sich besser Gedanken über stabile zuver­läs­sige Netze zu fairen, nach­voll­zieh­baren Preisen machen, anstatt pausenlos Lock­vogel-Billig-Ange­bote mit allerlei Zugaben zu bewerben, die nach wenigen Monaten richtig teuer werden können und nur den Kunden frus­trieren.

Kunden und Verbraucher­schützer haben lange gekämpft, seit 1. Dezember gelten neue Regeln für Verbrau­cher­ver­träge. Auto­mati­sche Vertrags­ver­län­gerungen um ein ganzes Jahr sind auch bei Bestands­kunden tabu.

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