Ambitioniert

Haas: Aus Vergangenheit lernen - 4 Anbieter sind einer zuviel

Markus Haas leidet selbst unter den Funklöchern im Zug oder im Auto. "Wir müssen richtig Gas" geben sagt er im Interview mit dem Berliner Tagesspiegel
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Der CEO der Telefónica Deutschland, Markus Haas, ärgert sich wie viele andere Mobilfunknutzer über Funklöcher im Zug oder im Auto. Nachts schaltet er sein Handy aus und legt es auch nicht neben das Bett. Das hat er im Interview mit der in Berlin erscheinenden Tageszeitung "Der Tagesspiegel" verraten. „Ich brauche sieben Stunden Schlaf und die nehme ich mir auch“, sagte Markus Haas im Gespräch mit dem "Tagesspiegel Background Digitalisierung" einem neuen Newsletter der Tageszeitung.

Den guten Schlaf wird er brauchen, denn die nächsten Tage werden spannend. Es stehen wichtige Entscheidungen an. Am 24. September berät der Beirat der Bundesnetzagentur über den Entwurf der Regeln für die 5G-Frequenzauktion.

Noch kein 4G, sondern gleich 5G ?

Markus Haas erklärt dem Tagesspiegel, warum 4 Netzbetreiber 1 zuviel sindMarkus Haas erklärt dem Tagesspiegel, warum 4 Netzbetreiber 1 zuviel sind Viele Menschen in Deutschland können noch nicht einmal mit dem aktuellen LTE (4G) Standard mobil surfen. Sie verstehen kaum, warum jetzt so laut über die nächste Generation 5G diskutiert wird.

Das ist Haas bewusst: "Es geht hier nicht nur um die Telekommunikationsindustrie. An Netzausbau hängen Schlüsseltechnologien aus ganz Deutschland wie Chemie-, Automobil- oder Maschinenbau, die mit 5G effizienter, besser, digitaler und zukunftsfähiger werden können", dafür brauche Deutschland die beste mobile Infrastruktur. Dieses Ziel sieht Haas in den vorliegenden Eckpunkten und in der politischen Diskussion auf den ersten Blick verankert – und verbunden mit sehr ambitionierten Ausbauplänen.

Forderungen ambitioniert

Die Forderung, dass alle drei Anbieter bis 2022 unter anderem 500 neue 5G-Stationen in Betrieb nehmen soll und bundesweit 98 Prozent aller Haushalte mit mobilen Datengeschwindigkeiten von mindestens 100 Megabit in der Sekunde ausgestattet sein sollen, genauso wie die Autobahnen und Bundesstraßen, könne man nur erreichen, so Haas, wenn man auf bestehendes Flächenspektrum (Frequenzen für die Fläche) zurückgreifen kann. Deren Laufzeit müsste dafür dringend verlängert werden. Außerdem müssen alle Anbieter an einem Strang ziehen und ein investitionsfördernder Rahmen gesetzt werden. Daher sieht Haas in dem vorliegenden Papier noch viele offene Fragen.

300 MBit/s sind noch gar nicht realisierbar

Für die 300 MBit/s, die perspektivisch in Aussicht gestellt werden sollen, gebe es noch keine weltweit freigegebenen Frequenzbereiche, geschweige denn stünden diese in den nächsten Jahren den Mobilfunkunternehmen überhaupt zur Verfügung.

Der Tagesspiegel zitiert Bundesnetzagenturchef Jochen Homann, der erklärt hatte, dass man an der Autobahn entlang alle 300 Meter einen Mast aufstellen müsste, um bei 5G eine Komplettabdeckung für das autonome Fahren zu erreichen. Und stellt die Frage: Wieviele Masten braucht man für 100 MBit/s ?

Haas antwortet mit einer Gegenfrage: "Es kommt drauf an, welche Frequenzen man nutzen kann und über welches Anwendungsfeld wir reden. Wir müssen uns aber erstmal die Vorgaben ansehen. Bislang gibt es nur ein grobes Eckpunktepapier. Konkrete Angaben kann man auf der Basis noch nicht machen."

Viele Abbrüche, weil Sender fehlen

Auch dem Tagesspiegel ist klar, dass ohne 5G es auch kein autonomes Fahren geben wird, aber derzeit sei auf der Autobahn noch nicht einmal ein längeres Telefonat möglich, weil die Verbindung ständig abbreche.

"Ja", antwortete Haas: "das passiert heute tatsächlich sogar noch recht häufig, weil man entsprechend der Netzabdeckung heute ständig zwischen LTE und den alten Technologien 3G oder 2G hin und her springt, während man früher nur im 2G-Standard unterwegs war. Das ist eine Übergangsphase, mit einem wachsenden 4G-Ausbau wird die Sprachqualität deutlich besser."

Haas im Funkloch

Und so wollte der Tagesspiegel wissen, wann Haas das letzte Mal selbst im Funkloch gesteckt habe?

Haas ist da offen: "Ich bin im August mit Bahn und Auto viel durch Deutschland gefahren, da kam es durchaus vor, dass Telefonate plötzlich abgebrochen sind." Und er gibt offen zu: "Natürlich ärgert mich das. Das findet wahrscheinlich niemand toll." Und bedauert, dass geschätzt rund zwei Millionen Menschen täglich in Deutschland vom Mobilfunknetz abgeschnitten sind, "wir haben als Industrie erheblichen Nachholbedarf und müssen jetzt richtig Gas geben."

Ende 2021 bundesweit 99 Prozent?

Beim Mobilfunkgipfel im Juli im Infrastrukturministerium haben sich alle drei Netzanbieter verpflichtet, bis Ende 2021 bundesweit eine LTE-Abdeckung von 99 Prozent zu garantieren. Haas macht hier klare Einschränkungen: "Sicher werden wir diese Auflagen auch erfüllen, wenn die Rahmenbedingungen der 5G-Vergabe investitionsfreundlich sind. Das ist die Voraussetzung. Vorher müssen wir auf Basis bisheriger Auflagen bereits 98 Prozent der Bevölkerung mit LTE versorgen."

Die Kosten für die UMTS-Lizenz liegen noch schwer im Magen: "Die (deutschen) Netzbetreiber haben in den letzten 18 Jahren 60 Milliarden Euro allein in Frequenzen investiert. Wenn wir die in die Infrastruktur hätten stecken können, so wie in anderen Ländern, wären wir sicher deutlich weiter in Deutschland."

Wenig Hoffnung für ein Prozent?

Für die weiterhin nicht versorgten ein Prozent der Bevölkerung, die oft in ländlichen Gebieten leben, kann Haas keine Versprechungen machen. "Natürlich ist es unser Ziel, möglichst alle Bürgerinnen und Bürger zu versorgen. Aber dass das klappt, kann ich nicht versprechen. Es geht auch darum, was unternehmerisch machbar und wirtschaftlich vertretbar ist. Es spricht aber viel dafür, dass wir das Ziel durch Infrastrukturwettbewerb erreichen, denn die Anbieter haben ja nicht komplett überlappende Netzabdeckungen, sodass es dann defacto mehr als 99 Prozent sein werden. Der teuerste Teil ist, eine Station aufzubauen und zu erschließen. Je nach Lage kommen da pro Mast schnell mehrere 100.000 Euro zusammen. Deshalb haben wir heute schon eine Mitnutzungsquote von fast 70 Prozent. Es macht auch mehr Sinn, einen Mast gemeinsam mit Wettbewerbern zu nutzen, als drei nebeneinander zu bauen. Diese und weitere Kooperationskonzepte wollen wir noch weiter intensivieren."

Was Haas vom vierten Netz hält

Natürlich hat der Tagesspiegel nach dem heiß diskutierten "vierten Netz" gefragt: "Warum sind Sie aber trotzdem gegen ein viertes Netz, das United Internet aufbauen möchte?"

Die Antwort ist klar: "Da hilft der Blick in die Vergangenheit. Wir hatten 2000 sechs Lizenznehmer, am Ende waren nur drei überlebensfähig. Ich habe ja selbst damals mit o2 ein viertes Netz aufgebaut und kenne die Erfahrungen wie kein anderer. Wenn sie nicht genügend Kunden haben, können sie nicht mit den gleichen Skaleneffekten wirtschaftlich produzieren. Und jetzt geht es um eine effiziente, große Netzabdeckung in Deutschland als gesellschaftliche Herausforderung. Als vierter Anbieter würden Sie aber nie die Schwachstellen beheben, sondern opportunistisch in den Städten aufbauen. Ganz Deutschland wartet jetzt auf Flächenabdeckung im Datennetz, noch ein halbes Netz in die Landschaft zu stellen, hilft da nicht."

Spätfolgen der UMTS-Versteigerung

Die UMTS Versteigerung im Jahre 2000 war so hoch, erinnert sich Haas, weil es um eine komplett neue Technologie, den Einstieg ins Datenbusiness und um Neueinsteiger ging. Zuletzt waren es 2015 rund fünf Milliarden Euro. Es ist schwer zu spekulieren, wie teuer es diesmal wird, denn wir kennen das Auktionsdesign noch nicht. Ein wichtiger Indikator werden die Einstiegsgebote und die Bietschritte pro Block, die die Bundesnetzagentur in den nächsten zwei, drei Wochen veröffentlichen möchte." Die deutschen Netzbetreiber müssen in den nächsten Jahren mindestens 1.000 Stationen aufbauen, in China werden derzeit 460 Antennenanlagen aufgestellt – pro Tag. Auf 10.000 Menschen kommen dort 14,1 Mobilfunkmasten, in Japan sind es sogar 17,4, in Deutschland dagegen nur 8,7. Wird Deutschland gerade nicht in rasantem Tempo abgehängt?

Haas dazu: "In China gibt es natürlich ganz andere Voraussetzungen – politisch und rechtlich. Wenn Sie sich dort zum Beispiel die baulichen Sicherheitsabstände anschauen oder wie Kabel verlegt werden. Die gehen halt staatlich organisiert, pragmatisch und daher mit viel höherem Tempo vor. Da wird ein Standort festgelegt und morgen angefangen zu bauen. Bei uns gibt es andere Spielregeln und Genehmigungsverfahren. Da muss einiges passieren, damit wir auch schneller bauen können." Haas kritisiert, das für den Aufbau einer Antenne Vorläufe von mehr als einem Jahr notwendig sind, das müsste viel schneller gehen. Es sei erkannt worden, dass beschleunigte Genehmigungsverfahren gebraucht werden und der Ausbau oberste Priorität habe. Diese Verfahren müssten auch bis auf die kommunale Ebene umgesetzt werden. "Sonst werden wir nicht so schnell sein, wie andere Länder. Ich will nicht abgehängt werden."

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