Spirale

Editorial: Das große Kryptowährungs-Schlachtfest

Alle Kryptowährungen liegen stark im Minus. Eine Bodenbildung, ab der die Kurse wieder aufwärts gehen könnten, ist derzeit nicht absehbar.
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Krypto-WährungenDie Kurse von Bitcoin und Co sind stark am Fallen Seit Wochen befinden sich alle Kryptowährungen im Sinkflug: Der Marktführer Bitcoin hat beispielsweise im Januar auf Dollarbasis gerechnet fast 30 Prozent an Wert verloren. Der Ableger Bitcoin Cash hat im selben Zeitraum über 40 Prozent verloren, die nicht Mining-fähige Währung Ripple gar über 50 Prozent. Einzig Ethereum konnte sich gegen den Trend stemmen und im Januar um ca. 47 Prozent von 750 US-Dollar auf 1100 US-Dollar zulegen. Nur: Im Vergleich zum Höchststand von gut 1400 US-Dollar, der Mitte Januar erreicht worden war, hat Ethereum bis Ende Januar ebenfalls gut 20 Prozent an Wert verloren.

Dennoch sah es bis gestern so aus, als ob Ethereum sich vom Abwärtstrend der anderen Kryptowährungen abkoppeln können würde. So hat Ethereum im Vergleich zu Bitcoin kontinuierlich an Wert gewonnen und es gab zeitweise Phasen, da ging es mit Ethereum aufwärts, mit Bitcoin aber abwärts. Spätestens gestern Abend drehte sich jedoch der Trend und Ethereum reihte sich in das allgemeine Abwärtskarussell ein. In den 24 Stunden von 1. Februar, 8:40 Uhr, bis 2. Februar, 8:40 Uhr hat Bitcoin zusätzlich zu den Verlusten vom Januar weitere 15 Prozent an Wert verloren, Ethereum 20 Prozent, Ripple 30 Prozent. Beim Bitcoin scheint es jedoch einen gewissen Widerstand gegen weiteren Kursverfall rund um 6800 Euro / 8500 US-Dollar zu geben. So erholte sich der Bitcoin-Kurs gestern Abend binnen Minuten bei hohen Volumina von 6750 auf 7350 Euro, aber nur, um in der Nacht danach bei wieder niedrigerem Handelsvolumen nach und nach erneut auf unter 6800 Euro abzubröckeln. Solche plötzlichen Kurssprünge zurück nach oben können übrigens durch Gewinnmitnahmen und Stop-Loss-Absicherungen von Händlern ausgelöst werden, die Short-Positionen halten - also Bitcoin verkauft haben, die sie gar nicht besitzen - um auf fallende Kurse zu wetten.

Angesichts dessen, dass es für Kryptowährungen an anerkannten Bewertungsprinzipien mangelt, ist die Frage, wo die Talfahrt enden wird, vollkommen offen. Viele Bitcoin-Fans haben durch Verkäufe aus den Zeiten der Höchststände große Dollar- oder Euro-Reserven, die sie jetzt wieder investieren könnten. Doch die Bullen werden sich angesichts der nachhaltigen und ununterbrochenen Talfahrt so gut wie aller Kryptowährungen in den letzten zwei bis drei Wochen erst dann wieder aufs Parkett trauen, wenn eine Bodenbildung absehbar ist.

Wert durch Schwarzhandel

Fakt ist aber auch: Bitcoin, Ethereum und Co. haben sehr wohl einen inneren Wert. Denn sie werden täglich für Geschäfte verwendet. Allerdings sind viele dieser Geschäfte, die unbedingt mit Kryptowährungen und nicht mit Fiatwährungen (Dollar, Euro etc.) abgewickelt werden sollen, doch eher fragwürdiger Natur: Drogenhandel im Darknet, Geldwäsche und Steuervermeidung. Entsprechend sind Kryptowährungen um so wertvoller, je freier und unregulierter sie gehandelt werden können. Die Spekulation mit den Kryptowährungen bläht dann den Wert zusätzlich auf, aber nicht beliebig und schon gar nicht auf Dauer. Schließlich kommt bei jedem Spekulanten irgendwann der Punkt, an dem er "Kasse machen" will.

Regulierung steht bevor

Die Meldungen der letzten Wochen zeigen, dass sich inzwischen regelrecht eine Industrie rund um Kryptowährungen gebildet hat. Das beginnt damit, dass die Rechenzentren der "Miner", die laufend sämtliche durchgeführten Kryptowährungs-Überweisungen in der Blockchain bestätigen und dabei zugleich neue Coins erzeugen, inzwischen so viel Strom verbrauchen wie die Bevölkerung eines mittelgroßen Landes wie Irland. China, wo ein großer Teil des Bitcoin-Minings mit billigem Kohlestrom stattfindet, sieht dieses Geschäft aber zunehmend kritisch und hat mehrere große Miner zum geordneten Rückzug aufgefordert. Sie müssen sich einen anderen Standort suchen. Sah es Mitte Januar noch so aus, als ob die Miner schnell neue Standorte mit billigem Strom finden würden, insbesondere an Orten mit großen Mengen an billiger Wasserkraft, mehren sich inzwischen die Absagen. So wurde gestern bekannt, dass Europas größter Stromversorger Enel ausdrücklich Verträge mit Bitcoin-Minern abgelehnt hat. Das Firmenziel der Dekarbonisierung lässt sich nicht erreichen, indem immer mehr Billigstrom an Miner verkauft wird.

Hinzu kommen Berichte über Manipulationsverdacht. So kommt zunehmend Zweifel daran auf, dass die Dollarbestände, mit denen die Krypto-Währung "Tether" abgesichert sein soll, tatsächlich vorhanden sind. Zwar notiert Tether weiterhin nah an dem Wert von 1 US-Dollar, der hinterlegt sein soll, aber sie notiert nun leicht unter diesem Wert, nachdem sie lange Zeit leicht darüber lag.

Schließlich belasten Meldungen über zunehmende Regulierung des Krypto-Geschäfts selber den Markt: So gut wie alle Regierungen verlangen inzwischen von den Tauschbörsen, dass sie die Nutzer eindeutig identifizieren, die Fiatwährungen einlegen oder auszahlen lassen. Zunehmend werden auch Nachweise von denen verlangt, die "nur" mit Krypto-Währungen handeln. Sollte gar an die Tauschbörsen die Auflage ergehen, auch das Ziel von Krypto-Überweisungen immer eindeutig zu identifizieren, dann droht sofort das nächste Blutbad.

Die Meldungen zeigen: Angesichts einer Marktkapitalisierung von 830 Milliarden US-Dollar (in der Spitze, erreicht am 7. Januar 2018) bzw. 400 Milliarden US-Dollar (aktuell) haben sich die Kryptowährungen zu einer Industrie entwickelt, die sich staatlicher Regulierung und Kontrolle nicht mehr entziehen kann. Genau diese Kontrolle und Regulierung treibt derzeit die Kurse nach unten. Nur: Würden die Regierungen jetzt nicht eingreifen, wären die Schmerzen, wenn sie es dann in drei oder sechs Monaten tun, einfach nur noch größer.

P.S.: Der beim Beginn des Schreibens für diesen Artikel noch gültige Widerstand gegen den Abwärtstrend bei 6800 Euro ist inzwischen auch gebrochen. Aktuell wird der Bitcoin zwischen 6250 und 6600 Euro gehandelt.

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