Abgestürzt

Editorial: Die neue Zockerwährung

Bitcoin zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Wie alle digitalen Bezahlsysteme hat auch das Bitcoin-System ein großes Problem damit, Transaktionen eindeutig zu protokollieren. Ein Angreifer könnte beispielsweise auf die Idee kommen, einen Bitcoin zweimal auszugeben oder kurzerhand das Eigentum an einem Bitcoin für sich zu behaupten. Damit das nicht passieren kann, gibt es ein weltweit eindeutiges Verzeichnis aller Transaktionen. Immer dann, wenn beim Mining eine neue Gruppe von Bitcoins gefunden wurde (derzeit sind es 25 auf einmal), wird dieses Verzeichnis fortgeschrieben. Derjenige, der ein neues Bitcoin-Nugget findet, bestätigt damit jeweils alle ihm bekannten Transaktionen und verwirft bzw. verzögert gleichzeitig alle ihm nicht bekannten. Nicht bestätigte Transaktionen können natürlich in der jeweils nächsten Runde bestätigt werden.

Editorial: Die neue Zockerwährung Bitcoin zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Bild: ulifunke.com / bitcoin.de
Dass eine solche weltweit eindeutige Transaktionsliste das genaue Gegenteil von Vertraulichkeit darstellt, sollte einleuchten. Zwar ist es problemlos möglich, sein Bitcoin-Vermögen auf viele unterschiedliche Bitcoin-Konten (diese werden als Adressen bezeichnet) aufzuteilen. Das verhindert aber nicht die Nachverfolgung von Überweisungen. Ein Arbeitgeber, der seinem Arbeitnehmer den Lohn in Bitcoin zahlt, könnte zum Beispiel problemlos einsehen, welchen Teil des Gehalts dieser wieder ausgibt, in welchen Teilbeträgen er das tut, und wie viel er am Ende des Monats noch übrig hat. Dies gilt unabhängig davon, ob der Lohn in einer großen Summe an eine Bitcoin-Adresse oder in vielen kleinen Teilen an viele Bitcoin-Adressen übertragen wird. Solche Informationen könnten bei der nächsten Gehaltsverhandlung durchaus von Interesse sein.

Zwar könnte der Arbeitnehmer seinereits weitere Bitcoin-Adressen schaffen und zur Verschleierung auch laufend Beträge zwischen eigenen Konten hin- und hertransferieren. Der Arbeitgeber kann dann nicht mehr wissen, welche Überweisung eine solche Verschleierungstransaktion ist und bei welcher das Geld wirklich ausgegeben wurde. Doch belasten solche Verschleierungs-Überweisungen das aufgrund seiner zentralen Datensammlung eh schon anfällige Bitcoin-System zusätzlich. Und je mehr der Nutzer solche Überweisungen einer Software anvertraut, desto höher steigt auch die Gefahr, dass er einem Trojaner zum Opfer fällt, der sein virtuelles Bitcoin-Konto real leerräumt.

Für manche Zwecke ist die hohe Transparenz aber auch von Vorteil: Ein Treuhandservice wie PayPal kann beispielsweise für jede Transaktion eine eigene Bitcoin-Adresse einrichten. Der Käufer zahlt dorthin, der Verkäufer verschickt die Ware, der Käufer bestätigt dem Treuhänder den Eingang der Ware und der Treuhänder leitet die Zahlung an den Verkäufer weiter. Unterschlägt der Treuhänder hingegen das Geld, ist das sofort für Käufer wie Verkäufer transparent.

Wegen Geldwäsche geschlossen

Innerhalb des Bitcoin-Systems sind die Geldströme also wenig bis gar nicht anonym. Wie sieht es nun an den Eingängen aus? Kann man X Euro oder Dollar auf den Tisch legen und dafür anonym Bitcoins erhalten, die sich dann an einen Empfänger weiterschieben lassen, der diese anderswo dann wieder in Bargeld tauscht? Nun, wie wenig die Staaten bereit sind, derartiges zu dulden, sieht man gut an der aktuellen Reglementierung: Das US-Finanzministerium stellt den Handel mit Bitcoin seit etwa einem Monat ausdrücklich unter die Kontrolle des Geldwäschegesetzes. In den vergangenen Tagen wurden zudem zwei Bitcoin-Handelsplattformen, auf denen man die virtuelle Währung gegen Dollar oder Euro tauschen konnte, von den Behörden wegen Geldwäsche-Verdacht geschlossen. Der Bann traf sowohl Bitfloor aus den USA als auch Bitcoin24 aus Polen.

Etwas Gutes gibt es doch

Zum Schluss soll aber nicht verschwiegen werden, dass der Bitcoin auch etwas Gutes hat: Er zeigt auf einer Spielwiese, was passiert, wenn man eine Währung komplett den Zockern überlässt. Er wird damit zum abschreckenden Beispiel dafür, wie man es eben besser nicht machen sollte. Für reale Währungen setzt sich dann hoffentlich die Ansicht durch, dass mehr Kontrolle und Reglementierungen zum Vorteil der Gemeinschaft sind: Der Staat verdient an Transaktionssteuern, die Banken werden vor ihrer eigenen Gier geschützt, und die Bürger können wieder Hoffnung schöpfen, dass ihre Münzen, Scheine und Kontoguthaben auch in zehn Jahren noch einen Wert haben.

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