Silver Surfer

Projekt Mobil50+: Handy-Anwendungen für ältere Menschen

Kritiker: "Technologie kann menschliche Zuwendung nicht ersetzen."
Von ddp / Ralf Trautmann
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Elfriede K., 76, mag nicht mehr selber kochen. Um ihr Mittagessen beim Pflegedienst zu bestellen, muss sie nur ihr Handy auf den Speiseplan legen. Manfred L., 68, geht gerne wandern. Die Stempel im Wanderpass sammelt er, indem er sein Handy in der Berghütte an einen Chip hält. Helmut Z., 78, liebt die Oper. Vor dem Kartenkauf berührt er mit seinem Mobiltelefon im Opernhaus ein Poster und erfährt, wie andere Theatergänger die Aufführung bewerteten. Hinterher gibt er hier per Handy selbst seine Meinung ab.

Science Fiction? Ja, noch. Aber wenn es nach Professor Jan Marco Leimeister geht, nicht mehr lange. Der 34-Jährige ist Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik an der Universität Kassel und hat sich der Entwicklung neuer Dienstleistungen für Handy-Nutzer verschrieben.

In dem kürzlich gestarteten Forschungsprojekt Mobil50+, das von der Bundesregierung über drei Jahre mit insgesamt 1,2 Millionen Euro gefördert wird, geht es um spezifische Angebote für die Generation der über 50-Jährigen. Nicht nur, um moderne Technologien auch für ältere Menschen nutzbar zu machen, sondern auch, weil damit viel Geld zu verdienen sein könnte. "Wir glauben, dass es gute Vermarktungschancen gibt", sagt Leimeister. Schließlich sei die Zielgruppe der sogenannten Silver Surfer "relativ finanzstark", sorge bislang aber nur für ein Drittel der Umsätze beim Mobilfunk.

Anwendungen sollen von über 50-Jährigen in der Praxis getstet werden

Die Hemmschwelle scheint bisher also zu hoch zu sein. Leimeister und seine Mitstreiter wollen daher Anwendungen entwickeln, die möglichst einfach zu bedienen sind. Um eine Dienstleistung abzurufen, wird das Handy auf den entsprechenden Chip gelegt, der in einem Kinoplakat genauso untergebracht werden kann wie an Busfahrplänen. Anschließend braucht es nur noch einen einzigen Tastendruck zur Bestätigung. "Das ist der Charme", sagt der Wissenschaftler. Statt lange auf den Telefontasten herumzufummeln, müsse man in einer Weise handeln, wie man es von klein auf gewöhnt sei: "Das kleine Kind, das etwas will, greift danach."

"Intuitive Techniken" nennt das Herbert Plischke vom Generation Research Program der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Sein Institut gehört neben der Münchner Technischen Universität und zwei IT-Unternehmen zu den Projektpartnern. Es soll dafür sorgen, dass sich die Ideen der Informatiker nicht zu weit von den wirklichen Bedürfnissen der Generation entfernen. "Wir werden diese ganze schöne Technik in Feldversuchen evaluieren", sagt der Elektrotechnik-Ingenieur und Mediziner. Jede einzelne Anwendung soll von einer Gruppe über 50-Jähriger in der Praxis getestet werden.

RFID soll Trend im Mobilfunk werden

An der grundlegenden Technologie muss dagegen nicht mehr geforscht werden: Genutzt werden sollen sogenannte RFID-Marken - winzige Chips mit Informationen, die überall angebracht und von einem Lesegerät etwa im Mobiltelefon angesteuert werden können. Noch gibt es zwar kaum Handys mit integrierten RFID-Readern. "Aber das ist einer der am wahrscheinlichsten kommenden Trends beim Mobilfunk", sagt Leimeister.

RFID ("Radio Frequency Identification") funktioniert im Prinzip auch über "größere" Entfernungen und damit ohne aktive Beteiligung des Handy-Besitzers - oder sogar ohne sein Wissen. Bei einigen Datenschützern ist die Technik daher heftig umstritten. Die Beteiligten bei "Mobil50+" setzen jedoch ausdrücklich auf "Near Field Communication" (NFC), bei der die Daten über eine Distanz von höchstens zwei Zentimetern übertragen werden können. "Bei uns läuft nichts heimlich im Hintergrund", betont Leimeister. "Es geht uns nicht darum, die Privatsphäre aufzuweichen."

Rena Tangens vom Bürgerrechtsverein FoeBud in Bielefeld, der alljährlich den Big-Brother-Award für Datenschutzverstöße verleiht, ist trotzdem skeptisch: Wenn immer mehr Dienstleistungen per Handy abgerufen würden, könnte sich aus den Daten ein "gewisses Bewegungsprofil" der Nutzer erstellen lassen. Außerdem, warnt sie, dürfe gerade bei der Versorgung älterer Menschen nicht allein auf Effizienz und technischen Fortschritt gesetzt werden: "Technologie kann menschliche Zuwendung nicht ersetzen."

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