Notruf

Hausnotruf - Hilfe auf Knopfdruck

Hausnotruf funktioniert zuverlässig nur mit analogem Telefonsignal oder ISDN
Von Mario Gongolsky
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Dreizehn Prozent der Bundesbürger setzen beim Telefonieren bereits auf das Internet. Das ist bei weitem nicht die Mehrheit, doch die Entwicklung schreitet voran und macht dabei weder vor Senioren, noch vor Haushalten in denen Menschen mit Handycap leben, halt. Damit stehen die Hausnotrufdienstleister vor einigen Probleme, denn der Hausnotruf funktioniert zuverlässig nur mit einem analogen- oder ISDN-Telefonsignal.

Das sogenannte Hausnotruf-Gerät, ist eigentlich ein sehr zuverlässiger Lebensretter. Im Notfall: Hausnotrufgeräte für Senioren
Bild: Bosch
Ein kleiner Funksender, am Handgelenk oder um den Hals getragen, löst bei Bedarf einen Notruf aus. Die Basistation, ausgestattet mit einem kräftigen Lautsprecher und einem hochempfindlichen Mikrofon, ruft automatisch eine Servicezentrale an und stellt so eine Sprechverbindung her. 350 000 Hausnotrufgeräte sind in deutschen Haushalten installiert, die Hilferufe werden von 180 Servicezentralen entgegen genommen. Angeboten wird der Hausnotruf von allen namhaften Wohlfahrtsverbänden und einer ganzen Reihe von Privatanbietern. Diese sehen sich nun allesamt mit Problemen konfrontiert, die sich aus der wachsende Anzahl an DSL-Zugängen ergibt, die immer öfter auch für das Telefonieren benutzt werden.

Internet-Telefonie ist störungsanfällig

"Der Hausnotruf benötigt ein analoges Telefon oder einen ISDN-Anschluss, um 100-prozentige Funktionstüchtigkeit zu gewährleisten", führt Matthias Krause, Leiter der Hausnotruf-Service-Zentrale der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V in Linden aus. Dabei sehen sich Anbieter wie die Johanniter gleich einer ganzen Reihe von Problemen gegenüber: Schwierigkeiten beim Rufaufbau, der Übertragung von Teilnehmerdaten, der Priorisierung des Notrufs und im Falle eines Stromausfalls. In der Zwischenzeit werden Hausnotruf-Anfragen in Verbindung mit Voice-over-IP, also der Internettelefonie, mit spitzen Fingern angefasst. "In den Geschäftsbedingungen der Internettelefonieanbieter steht", warnt Krause, "dass die einwandfreie Funktion von Telefonanwahlgeräten nicht garantiert werden kann."

Die Internettelefonieanbieter versichern ihren Kunden 97 Prozent Durchwahl-Wahrscheinlichkeit. Bei 98,5 Prozent Verfügbarkeit kommt man rechnerisch auf 5 Tage im Jahr, die das Hausnotruf-System nicht zur Verfügung steht, zuzüglich der drei aus einhundert Anwahlversuchen, die laut VoIP-Anbieter ins Nirwana gehen können, summieren sich so die Risiken.

Eine ganze Reihe von Schwierigkeiten

Die Probleme, so wird erklärt, ergeben sich in der Umsetzung der Doppeltonmehrfrequenz (DTMF)-Wählsignale in das Internetwahlverfahren SIP: Nach dem Rufaufbau befindet man sich in der paketorientierten IP-Datenübertragung. Das Hausnotruf-Gerät überträgt Teilnehmerdaten über eine analoge FSK-Modulation, die in der Praxis mehr Bandbreite benötigt, als die IP-Telefonie bisweilen liefert. Üblicherweise benutzt VoIP ebenso wie ISDN meist den G.711-Codec, aber Mängel im AD-Wandler, Rauschunterdrückung, und Paketverluste bringen das Hausnotrufsystem aus dem Tritt. Bei Analog- und ISDN-Anschlüssen war das Hausnotrufgerät der Chef im Ring, sodass andere aktive Leitungen kurzerhand gekappt wurden. Eine solche Vorrangschaltung gibt es am DSL-Router nicht mehr. Zudem sind Hausnotrufgeräte per Akku gegen Stromausfall abgesichert. Sollte es bei einem Hausunfall zugleich zu einem Stromausfall gekommen sein, kann ein Hausnotrufgerät am Analoganschluss immer noch Hilfe herbei holen. Ist der DSL-Router jedoch stromlos, hilft das beste Hausnotruf-Akku nichts mehr. Dabei wird diese Notstromeigenschaft sogar von der gesetzlichen Pflegeversicherung gefordert. Diese zahlt im Falle der Pflegebedürftigkeit nämlich die Gerätemiete und die Erreichbarkeit einer rund-um-die-Uhr besetzten Notrufzentrale mit 18,36 Euro pro Monat.

"Für die Internettelefonie noch nicht gerüstet..."

"Wir haben immer damit geworben, dass der Hausnotruf eine absolut sichere Einrichtung ist. Doch das gilt so nicht mehr", klagt Michael Schnepel, Vorsitzender des Bundesverband Hausnotruf [Link entfernt] in Bremen. Zwar gibt es bereits Mobilfunklösungen, doch sind diese erheblich teurer. Die Internettelefonie hält auch bei den Hausnotrufkunden Einzug: "Uns droht die Situation zu entgleiten", warnt Schnepel. "Wir sind für die Internettelefonie im Moment noch nicht gerüstet." Doch das soll sich ändern, weil es dem Bundesverband Hausnotruf gelang, die Gerätehersteller, TK-Anbieter und Hausnotrufdienstleister an den Runden Tisch zu holen und intensiv an einer Lösung zu arbeiten. Die Telekommunikationsanbieter untersuchen nun Hausnotrufgeräte auf ihre IP-Tauglichkeit und werden, falls nötig, Lösungsansätze für eine sichere Notrufauslösung aufzeigen. "Wir können nicht von jetzt auf gleich 350 000 Endgeräte austauschen", umreißt Schnepel das Wunschergebnis.

Mit SIP und SIM in die Zukuft

Die Industrie arbeitet ihrerseits an neuen IP-fähigen Hausnotrufgeräten. Recht weit gediehen ist diese Entwicklung beim schwedischen Hersteller CareTech. Deren Hausnotrufgerät "CareIP" soll ab Jahresanfang 2009 zu haben sein. Statt eines TAE-Steckers wird es mit einem RJ-45-Stecker geliefert, statt DTMF baut es die Verbindung zur Notrufzentrale gleich per SIP auf. Dem Stromausfallproblem am Router begegnen die Ingenieure mit einem eigens verbauten Handy-GSM-Modul. "Dafür wird es dann SIM-Karten geben, ähnlich einer Prepaid-Karte, aber ohne das sonst übliche Verfallsdatum", versichert Dietmar Gottschalk, Vertriebsleiter von CareTech in Deutschland. Aus der IP-Technik könnten sich zudem neue Dienstmerkmale entwickeln. Im Prinzip könnte das IP-Gerät ja always-on sein - also eine permanente Verbindung halten - und so auch im Bereich telemedizinischer Anwendungen einsetzbar sein.

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