entzogen

Editorial: Nummer weg

Bundesnetzagentur verärgert web.de-Nutzer
AAA
Teilen

Vor gut sieben Jahren verkündete web.de stolz, die eigene Ortsvorwahl 01212 zugeteilt bekommen zu haben. Mittlerweile sind nicht nur die großen Portalträume ausgeträumt, mit Google und Yahoo konnte web.de nie wirklich mithalten. Auch die eigene Nummer wird demnächst abgeschaltet. Bestehende Nutzer des Unified-Messaging-Dienstes müssen auf die VoIP-Nummer 032 migrieren.

Mit der Entscheidung zur 01212 macht sich die für die Rufnummernverwaltung zuständige Bundesnetzagentur nicht nur Freunde. Wer den UMS-Dienst intensiv genutzt und die von web.de zugeteilte 01212-Nummer an Familie, Freunde und Geschäftspartner kommuniziert hatte, muss nun kurzfristig umstellen: Visitenkarten und Briefpapier ändern, allen bestehenden Kontakten die neue Nummer mitteilen und sich dabei unter Umständen doofe Fragen nach dem Warum der Nummernänderung anhören.

Der Umstellungs-Frust wird nicht gerade dadurch gemildert, dass man erfährt, dass die Bundesnetzagentur den auf die 01212 geschalteten UMS-Dienst nicht mehr für innovativ genug hält, um die Nutzung der "innovativen Diensten" vorbehaltenen 012 zu rechtfertigen. Schließlich bestimmen die Innovationen von gestern den Alltag von heute. Jede 012xy-Zuteilung wird damit zur Zeitbombe; Unternehmen kann nur dringend geraten werden, nicht noch einmal bezüglich dieses Blocks bei der Bundesnetzagentur vorstellig zu werden.

Zur Ehrenrettung der Bundesnetzagentur sei auch gesagt, dass es sich hier nicht um "kalten Entzug" der Rufnummer handelt, sondern nur um die Nichtverlängerung einer von vornherein befristeten Zuteilung. Und aus Gründen der Übersichtlichkeit des Nummernraumes spricht einiges für die Abschaffung der 01212: Sie wurde eh kaum genutzt, und die 032 erreicht fast den gleichen Zweck.

Doch muss sich die Bundesnetzagentur auch fragen lassen, warum sie überhaupt befristete Rufnummernzuteilungen durchführt. Schließlich beantragt ein Unternehmen einen Nummernblock, um daraus Nummern an Teilnehmer vergeben zu können. Nicht nur das Unternehmen, sondern auch dessen Kunden sind später vom Auslaufen der Zuteilung betroffen. Und da das Unternehmen die Befristung nie sonderlich offen kommunizieren wird, kommt der Entzug für die Teilnehmer entsprechend überraschend.

Eine Alternative wäre beispielsweise gewesen, anfangs nur einen kleinen Rufnummernblock zu vergeben, gerne auch an weniger "prominenter" Stelle im Nummernraum, und den Block jeweils nach Nachweis der Nutzung sukzessive zu vergrößern. Dann hätte man auch bei nur geringer Nutzung die Zuteilung weiter aufrecht erhalten können.

Für wen arbeitet die Bundesnetzagentur?

Leider reiht sich die 01212-Entscheidung somit in eine Liste von Entscheidungen zu Rufnummern ein, in denen die Bundesnetzagentur wenig Sensibilität für Verbraucherinteressen beweist. So kontrolliert sie die Gasse 0180X kaum, so dass die eigentlich zur "Kostenteilung" zwischen Anrufer und Angerufenem eingeführten Nummern nach und nach zur 0900 light verkommen.

Andererseits stellt die Bundesnetzagentur hohe Anforderungen an die Registrierung ganz normaler Ortsnetzrufnummern, indem sie einen Ortsbezug fordert. Dienste, insbesondere VoIP-Provider und Fax-Weiterleiter, die für ihre Kunden Rufnummern in einem fremden Ortsnetz registrieren, werden regelmäßig zur Abschaltung gezwungen.

Mit der 032 ist zwar mittlerweile eine ortsnetzunabhängige Rufnummerngasse als Ersatz etabliert, deren Anwahl funktioniert jedoch auch heute noch mitnichten nicht so zuverlässig wie bei normalen Ortsnetzrufnummern. Etliche Anbiete verlangen zudem höhere Minutenpreise für Telefonate zu 032 als für andere Telefonate ins Festnetz und/oder exkludieren entsprechende Verbindungen aus ihren Festnetz-Flatrates. Kein Wunder, dass Kunden, die günstig und von überall erreichbar sein wollen, möglichst normale Festnetzrufnummern wünschen.

Somit muss sich die Bundesnetzagentur fragen, wessen Interessen sie vertritt: Die der großen Unternehmen, die sich auf Bundesebene einen möglichst einfachen Nummernraum wünschen, den sie dann netzintern hübsch mit eigenen Sonderrufnummern und Diensten anreichern können, die der kleinen Unternehmen, die vielleicht auch eigene Nummernblöcke möchten, oder die der Verbraucher, die ihre jeweilige Wunschrufnummer erhalten und dann möglichst lange behalten wollen?

Weitere Editorials

Teilen