Ausschalten

Editorial: Das war's für DVB-H

Kommerzielles Handy-TV ohne Perspektive in Deutschland
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Ursprünglich sollte es zur letzten WM kommen: Handy-TV über speziell auf den mobilen Empfang optimierte Technologien. Es kam dann sogar doch noch pünktlich, wenn auch mit der Technologie DMB statt dem erwarteten DVB-H. Mehr als eine Art besserer Testbetrieb vor stark eingeschränktem Publikum wurde aber nie daraus: Ein paar Kanäle in ein paar Städten. Auch die Endgerätesituation blieb sehr überschaubar.

Für Handy-TV via DMB ist in Deutschland mittlerweile die Vermarktung eingestellt worden und das Sendernetz wegen Lizenzentzug abgeschaltet. Um so erstaunlicher, dass Dr. Rudolph Gröger in der Öffentlichkeit weiterhin Zuversicht zeigt und behauptet: "Fernsehen über Handys wird Standard". Aber als Chef von Mobile 3.0, die die Lizenz für DVB-H in Deutschland erhalten haben, muss er wohl Optimismus zeigen.

Mehr als zu einem DVB-H-Testbetrieb in einigen Städten hat es Mobile 3.0 bisher nicht gebracht, und das, obwohl inzwischen die EM läuft, nicht die WM, zu der DVB-H mal starten sollte. Wäre Gröger realistisch, würde er diesen Testbetrieb schnellstmöglich abschalten und die Firma liquidieren. Die Chancen, dass sich DVB-H in Deutschland in irgendeiner Weise doch noch kommerziell rechnet, stehen einfach zu schlecht.

Größer statt kleiner! Umsonst statt teuer!

Da ist zunächst der Trend bei den Fernsehern: Flach und groß. Der Kunde verlangt 50 Centimeter und mehr, nicht 5 Centimenter und weniger. Gut, niemand wird einen Riesen-Plasma inklusive dickem Strom-Aggregat mitschleppen, um auch unterwegs die Nachrichten sehen zu können. Doch in welcher Unterwegs-Situation soll Handy-TV funktionieren? Fährt man selber Auto, darf man aus gutem Grund nicht. Fährt man U-Bahn, geht's nicht. Fährt man Zug, geht's vielleicht ein paar Minuten lang, bis man aus dem Stadtzentrum raus ist.

Vor allem aber gibt es bereits ein Fernsehsignal in der Luft, welches sich mit einfachen Antennen empfangen lässt: DVB-T. Zu der Zeit, als DVB-H entwickelt wurde, galt das DVB-T-Signal aufgrund hoher Bitrate, vergleichsweise simpler Vorwärts-Fehlerkorrektur und in der Regel zu geringer Feldstärke für mobile Zwecke als unbrauchbar. Doch inzwischen hat sich die Elektronik weiterentwickelt und es sind erste vollwertige DVB-T-Handys verfügbar.

Für DVB-H muss ein extra Sendernetzwerk aufgebaut und betrieben werden, während DVB-T-Handys einfach das nehmen, was schon da ist. Da die TV-Stationen in der Mehrzahl nicht bereit sein werden, für ein paar Handy-TV-Nutzer zusätzliche Sender zu bezahlen, müssen das die Handy-TV-Nutzer selber. Doch warum sollten die Kunden somit zum abopflichtigen DVB-H greifen, wenn es das - bis auf die so oder so anfallende GEZ-Gebühr - kostenlose DVB-T gibt?

Andere Bezahlsender außer den öffentlich-rechtlichen sind in Deutschland hingegen nicht sonderlich erfolgreich. Premiere brauchte Jahre bis zum wirtschaftlichen Durchbruch. Damit ist Mobile 3.0 bzw. DVB-H praktisch auch der Weg abgeschnitten, Nutzer über den Exklusivvertrieb bestimmter besonders begehrter Programme zu akquirieren.

So bleibt als Fazit, Vodafone-Chef Joussen beizupflichten: Kostenpflichtiges Handy-TV hat in Deutschland keine Chance. Selbst das kostenlose Handy-TV wird es als "running gag" schwer haben.

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