Neue Studie

Lukrativer "Telefonterror": Beschwerden über Werbeanrufe

Verbraucherschützer fordern schärfere Gesetze
Von / mit Material von ddp und AFP
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Telefontarif oder ein Zeitungsabo - ständig bekam der ältere Herr Anrufe von windigen Unternehmen, die ihm am Telefon ihre Produkte schmackhaft machten. Der 82-Jährige ließ sich überrumpeln. Nach ein paar Monaten hatte er Kaufverträge in Höhe von insgesamt 150 000 Euro abgeschlossen. Nichts davon hatte er wirklich haben wollen.

Das sei kein Einzelfall, berichtet der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv). Jede Woche gingen bei den Verbraucherschützern bundesweit tausende Beschwerden über unerlaubte Werbeanrufe ein. Besonders häufig würden ältere Menschen zu Opfern. Hunderte Rechtsverfahren haben die Verbraucherzentralen bereits angeschoben, doch das Geschäft mit unlauterer Telefonwerbung boomt weiter.

"Das ist eine Seuche", sagt Günter Wallraff. Mit ein bisschen Schminke, Perücke und falschem Lebenslauf ist der Enthüllungsjournalist selbst für einige Zeit in die Rolle des Call Center-Agenten geschlüpft und hat unwissenden Verbrauchern am Telefon Lottoscheine verkauft. Lange ausgehalten hat er es nicht. Nach ein paar Tagen brach er den Selbstversuch ab. "Ich habe mich sehr schwer damit getan", erzählt der 64-Jährige. Gesehen hatte er genug: Drückermethoden, Provisionsdruck, psychologische Tricksereien in den Verkaufsgesprächen.

Call-Center-Mitarbeiter unter Druck

Den Druck kennt auch Sabine. Die 25-Jährige hat vier Wochen für eine Telekommunikationsfirma im Call Center gearbeitet. Dann hat auch sie aufgegeben. Acht Verträge für neue Telefontarife sollte sie pro Stunde mindestens verkaufen. "Auf seriösem Weg ist das nicht zu schaffen", erzählt die Studentin. "Aber wer die Quote nicht schafft, wird rausgeschmissen." Die Lösung: nachteilige Tarifdetails verschweigen, schmeicheln, ablenken, Kunden im Unwissen lassen.

Besonders Senioren würden auf diese Weise häufig geködert, sagt Gerd Billen, Vorstand des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen. Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Verbandes haben 64 Prozent der Deutschen in den vergangenen Monaten ohne ihre Einwilligung einen Werbeanruf bekommen, bei den Verbrauchern über 65 Jahren waren es sogar 78 Prozent. "Das ist eine der größten Landplagen des 21. Jahrhunderts, mit der sich Verbraucher herumschlagen müssen", sagt der Verbandschef.

Die große Mehrheit der Deutschen ärgert sich über ungebetene Werbeanrufe. 86 Prozent der Bundesbürger fühlen sich von den nicht bestellten Angeboten per Telefon genervt, wie eine heute in Berlin vorgelegte Forsa-Umfrage im Auftrag des Dachverbandes der Verbraucherzentralen (vzbv) ergab. Obwohl ungebetene Werbeanrufe schon seit Mitte 2004 verboten sind, wurden demnach zwei von drei Deutschen kürzlich ohne Einwilligung angerufen. Knapp die Hälfte der Befragten gab an, heute mehr unaufgeforderte Anrufe zu erhalten als vor zwei Jahren. Angesichts dieser Zahlen haben Verbraucherschützer ein härteres Vorgehen der Bundesregierung angemahnt.

Keine Anrufe ohne Einwilligung

Per Gesetz dürfe niemand ohne seine Einwilligung von einem Call Center angerufen werden, berichtet Billen. Paradoxerweise seien Verträge, die in diesen Gesprächen mündlich geschlossen würden, trotzdem gültig. Das muss sich seiner Meinung nach schnellstens ändern. Verträge, die Kunden bei illegalen Werbeanrufen untergeschoben würden, dürften ohne schriftliche Bestätigung nicht wirksam sein, forderte vzbv-Chef Gerd Billen. "Gesetzesverstöße dürfen nicht länger belohnt werden." Die Sanktionen könnten bei der anstehenden Reform des Wettbewerbsrechts umgesetzt werden, erklärte er.

Die Pläne der Bundesregierung, in Zukunft ein Bußgeld für unerlaubte Werbeanrufe einzuführen, reichten nicht aus, kritisiert Ronny Jahn, Rechtsexperte bei der Verbraucherzentrale Berlin. Schon heute ließen sich Unternehmen durch Vertrags- und Ordnungsstrafen nicht von ihren Methoden abbringen. Das zeige, wie lohnend das Geschäft sei. "Um den schwarzen Schafen unter den Call-Centern das Geschäft zu verderben, sind saftige Geldbußen bis zu 50 000 Euro nötig", forderte Grünen-Vize Bärbel Höhn. "Nur wenn sich illegale Werbeanrufe nicht mehr auszahlen, wird der alltägliche Telefonwerbungsterror ein Ende nehmen."

300 Millionen unaufgefordere Werbeanrufe in 2006

"Wir wollen nicht eine komplette Branche ins Zwielicht rücken", sagt Billen. Viele Firmen gehen seiner Ansicht nach sehr verantwortungsvoll mit dem Telefonmarketing um. Trotzdem sei die Zahl der schwarzen Schafe groß. Die Zahl unaufgeforderter Werbeanrufe in Deutschland habe Schätzungen zufolge im vergangenen Jahr bei 300 Millionen gelegen.

"Ich habe den Eindruck, dass der Staat gar nicht so daran interessiert ist, die Gesetze für die Branche zu verschärfen", sagt Wallraff. Die Call Center schafften viele Arbeitsplätze, davon profitiere auch der Staat. "Es müsste eigentlich verdeckte Ermittler in Call Centern geben", schlägt er vor. Seine eigenen versteckten Mitarbeiter hat Wallraff dort bereits zur Recherche im Einsatz, wie er sagt.

Billen rät Verbrauchern indessen, Gewinnspiele zu meiden. Mit dem Versprechen auf tolle Preise würden windige Firmen Menschen ihre Telefonnummern entlocken und weiterverkaufen. "Vielen ist nicht bewusst, dass sie mit Gewinnspielen einen Freifahrtschein für Telefonterror erteilen", sagt der Verbraucherschützer. Sein zweiter Ratschlag: "Bei Werbeanrufen sofort auflegen.

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