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Editorial: Der Machtkampf beginnt

Streik bei der Telekom könnte andauern
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Es ist der erste Arbeitskampf bei der Deutschen Telekom seit der Privatisierung des Konzerns, und er verheißt nichts Gutes: der aktuelle Streik. Dank verhärteter Fronten könnte er länger als gewöhnlich dauern. Zudem stehen die Gewerkschaften unter Druck, nach Jahren der Skandale und der Anbiederung an die Unternehmen wieder Erfolge zu verzeichnen.

Vor allem aber geht es nicht um das übliche ein Prozent hin oder her bei der jährlichen Lohnerhöhung. Vielmehr fordern die Telekom eine erhebliche Lohnkürzung bei gleichzeitiger Arbeitszeitverlängerung und Statusverschlechterung der Arbeitnehmer, nämlich der Auslagerung in eine Servicegesellschaft. Im Gegenzug bietet die Telekom bis jetzt lediglich eine Verlängerung des bestehenden Kündigungsschutzes um zwei bis drei Jahre an, sowie die Zusage, während des Kündigungsschutzzeitraums auch die Servicegesellschaft nicht zu verkaufen. Selbst, wenn die Gewerkschaft die Notwendigkeit einer gewissen Gehaltsanpassung einsehen sollte - das Gesamtpaket ist einfach zu harter Tobak und den Gewerkschaftsmitgliedern nicht vermittelbar. Andererseits ist davon auszugehen, dass die Telekom auch zu weiteren Zugeständnissen bereit ist, wenn die Gewerkschaft ihr bei zumindest zwei der drei Forderungen (Lohnkürzung, Arbeitszeitverlängerung, Auslagerung) entgegenkommt.

Zwar gab es in der Vergangenheit immer wieder Fälle, in denen die Gewerkschaften auch erheblichen Einschnitten zustimmten. Durch die Presse gingen etwa die Vereinbarungen bei den Verkehrsbetrieben in Berlin (BVG), wo ver.di vor knapp zwei Jahren erheblichen Lohnkürzungen zustimmte, aber im Ausgleich für eine 15-jährige Bestandsgarantie. Ebenfalls bekannt wurde "5000 x 5000" bei Volkswagen, wo 5000 neu eingestellte Mitarbeiter deutlich unter Tarif bezahlt wurden. Doch später wurde ruchbar, dass das Verhältnis zwischen Peter Hartz (auf Arbeitgeberseite) und Klaus Volkert (auf Arbeitnehmerseite) wohl etwas zu eng gewesen war. Auch die jüngsten Durchsuchungen und Verhaftungen bei Siemens, wo es ebenfalls dubiose Geschäfte zwischen dem Konzern und einem Betriebsrat gab, machen eine plötzliche spektakuläre Einigung, ausgehandelt beim gemeinsamen Luxusbordellbesuch, zwischen Telekom und ver.di unwahrscheinlich.

Laufendes Geschäft hängt kaum von den Mitarbeitern ab

Somit droht ein längerer Streik. Vorteil der Telekom: Ihr laufendes Geschäft hängt kaum vom Einsatz der Mitarbeiter ab. Während bei einem Automobilhersteller schon der Ausstand vergleichsweise weniger Mitarbeiter bei einem wichtigen Zulieferer den Stillstand der Bänder und damit den Verlust der Umsätze bewirken kann, funktioniert das Telefonnetz auch ohne Mitarbeiter erstmal weiter. Lediglich das Schalten neuer Anschlüsse und das Beheben von Störungen wird behindert. Und selbst für diese Tätigkeiten hat die Telekom eine gewisse Reserve, insbesondere die Mitarbeiter mit Beamtenstatus, die nicht streiken dürfen. Hinzu kommen natürlich auch Streikbrecher, die der Konzern auch vergüten will. Gelingt es der Telekom, den Betrieb trotz Streik weitgehend ungestört aufrecht zu erhalten, wäre sie in der komfortablen Position, sogar Kosten zu sparen. Am Schluss wäre die Gewerkschaft gezwungen, klein beizugeben.

Das vorgenannte Szenario wäre aber eine wahnsinnige Kraftanstrengung. Wahrscheinlicher ist es, dass es durch den Streik erhebliche Einschnitte beim Service und somit verärgerte Kunden gibt. Damit würde sich der Kundenverlust weiter beschleunigen. Die Telekom könnte gezwungen sein, wieder auf versöhnlichere Töne gegenüber ihren Mitarbeitern zu setzen.

Der Streik steht erst am Anfang, das Ergebnis ist offen. Entscheidend wird sein, wie gut der Chef Obermann den Konzern auf das plötzliche Fehlen einer großen Zahl von Mitarbeitern vorbereitet hat. An diesem Ergebnis wird sich auch die Zukunft Obermanns entscheiden. Ein langdauernder Streik mit erheblichem Kundenverlust, gefolgt von einem Einknicken vor den Gewerkschaften, würden die aktuellen Investoren jedenfalls kaum akzeptieren.

Weitere Informationen zum Streik der bei der Telekom angestellten ver.di-Mitglieder sowie zu möglichen Folgen auf den Kundendienst erhalten Sie auf unseren speziellen Streikseite.

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