zeitlos unglücklich

Editorial: Vom Handy und der verlorenen Zeit

Ein paar Bits, die wirklich fehlen

Es ist wieder mal der letzte Sonntag im März - und alle Uhren müssen eine Stunde vorgestellt werden: Mikrowelle und Herd in der Küche, einige Wanduhren, Armbanduhr, Handy, Wecker. Hoppala, letzterer stimmt ja schon, er hat sich in der Nacht dank DCF 77, dem bekannten Signal für Funkuhren, bereits selber neu eingestellt.

Doch warum kann das nicht auch das Handy? Viele Smartphones stellen zwar automatisch um (dazu siehe unten), doch die Massenmarktgeräte können das nicht. Dabei wäre es gut, wenn alle Handys die sekundengenaue Uhrzeit automatisch erhalten, so wie Funkuhren eben auch. Nein, ich fordere jetzt nicht, dass man in die Handys auch noch eine schwere DCF-77-Antenne oder einen teuren GPS-Empfänger einbaut. Doch sind die Handys in einem Funknetz eingebucht, welches viele tausend (GSM/GPRS) oder gar Millionen (HSDPA) Bit pro Sekunde übertragen kann. Warum haben da die paar Dutzend Bits, die für ein Zeitsignal benötigt würden, keinen Platz? Dieses würde den Komfort weiter erhöhen, sowohl beim Erwerb eines neuen Handys, bei dem man fast immer die Zeit neu einstellen muss, bei der Reise in eine andere Zeitzone oder eben zweimal im Jahr zur Sommer-/Winterzeitumstellung.

Die Mobilfunknetze müssten das Zeitsignal ja nicht einmal kontinuierlich senden. Es würde reichen, den Handys z.B. beim Einbuchen die genaue aktuelle Zeit mitzuteilen. Bevorstehende Umstellungen könnten dabei gleich mitkodiert werden, so dass zum festgelegten Zeitpunkt alle Handy-Uhren automatisch korrigiert werden. Eine andere Möglichkeit wäre, das Zeitsignal in den eh regelmäßig ausgesendeten Träger einzubetten, in Analogie zu oder unter Verwendung des Cell Broadcast-Dienstes.

Diverse andere elektronische Geräte vom Fernseher (per Videotext) bis zum ISDN-Telefon (per Signalisierung bei eingehenden Anrufen) können die aktuelle Zeit ebenfalls automatisch empfangen. Warum hier gerade die so modernen Handys relativ rückständig sind, ist nicht erklärlich.

Automatische Umstellung nach Kalender reicht nicht

Wie oben schon angerissen: Diverse Handys, vor allem solche der Oberklasse, haben einen hochwertigen Kalender einprogrammiert, der für die wichtigsten Länder die Sommerzeitregeln kennt. Bei vielen Geräten erkennt die Software anhand der Netz- und Länderkennung sogar die anzuwendende Zeitzone. Mit diesen Informationen kann das Handy dann zwischen Sommer- und Winterzeit umschalten. Doch diese Lösung kann eine Zeit aus dem Netz nicht ersetzen: Sie verkompliziert die Software des Gerätes deutlich, sie hilft nichts bei unbekannten Zeitzonen und Netzen, und vor allem verhindert sie nicht, dass die Handy-Uhr ungenau geht, und ohne regelmäßige Stellung immer mehr von der echten Zeit abweicht.

Schließlich führt die einprogrammierte Sommerzeit vollkommen in die Irre, wenn sich die Sommerzeitregel mal ändert, wie jüngst in den USA geschehen. Dann muss man künftig die Handy-Uhr gleich zweimal umstellen, nämlich einmal zum Umschaltzeitpunkt nach neuer Regel und einmal zum Umschaltzeitpunkt nach alter Regel, um die zu diesem Zeitpunkt falsche automatische Umstellung rückgängig zu machen.

Klar kann die "Zeit im Netz" auch zu Problemen führen. Nutzer, die an der Grenze zwischen zwei Zeitzonen wohnen, könnten dauernd eine andere Zeit angezeigt bekommen, je nachdem, bei welcher Basisstation sich das Handy gerade einbucht. Andererseits ließen sich diese Probleme durch eine Konfigurationsoption "Zeit aus dem Netz nicht verwenden" und Rückkehr zur gewohnten manuellen Zeiteinstellung relativ leicht beheben. Für alle anderen wäre eine präzise Zeit im Netz hingegen ein Vorteil.