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Editorial: Mobile Abzocke Auslandstelefonate

EU-Vorschläge zur Preissenkung ungeeignet

Es gab einmal eine Zeit, da richteten sich die Telefontarife aus gutem Grund nach der Entfernung. Für eine Wählverbindung nach Australien mussten beispielsweise mehrere Satelliten-Kanäle hintereinander geschaltet werden. 2 Mark pro Minute und mehr waren daher durchaus nachvollziehbar, eine gewisse Gewinnspanne des anbietenden (Staats-)Unternehmens eingerechnet.

Inzwischen spielt Entfernung keine Rolle mehr. Ein Call-by-Call-Gespräch um die halbe Welt bis nach Australien kostet kaum mehr als ein Ortsgespräch. Installation und Betrieb der modernen weltumspannenden Glasfaserkabelsysteme sind zwar ähnlich teuer wie der Start von Telekommunikations-Satelliten. Doch bieten die Glasfasern die hundert- oder gar tausendfache Kapazität im Vergleich zu Satelliten, so dass sich die Kosten pro Gesprächsminute im Bereich von Bruchteilen von Cent bewegen. Die Verbindungskosten werden somit selbst bei internationalen Telefonaten überwiegend durch die IC-Entgelte bestimmt, die die beiden Telefonfirmen berechnen, bei denen die Anschlüsse von Anrufer und Angerufenem geschaltet sind.

Was fehlt, ist der Wettbewerb

Während im Festnetz die Preise für Auslandstelefonate dank intensivem Wettbewerb seit der Deregulierung massiv gefallen sind, sind sie in den Handynetzen auf gleichbleibend hohem Niveau geblieben. Die wenigen Ausnahmen, wie Alo Vatan für die Türkei oder blauworld für Osteuropa, bestätigen die Regel der teuren Auslandstarife. Wer in München weilt, hat mehrere Dutzend Handy-Tarife zur Wahl, mit denen er für 15 Cent oder weniger zu einem Hamburger Festnetzanschluss telefonieren kann. Ins Festnetz von Wien oder Zürich, obwohl geographisch näher, gibt es ein einziges Angebot für 58 Cent, welches jedoch mit hoher monatlichen Entgelten gekoppelt ist. Die "regulären" Preise beginnen bei 69 Cent - dem mehr als Vierfachen!

Die hohen Auslandspreise sind weder durch technische Gegebenheiten, noch durch rechtliche Zwänge bedingt, sondern schlicht und einfach durch den fehlenden Wettbewerb. Das "Kartell" steht perfekt. Doch das Kartellamt ist dagegen machtlos: Illegale Preisabsprachen, die Grundlage für ein Einschreiten, dürften sehr schwer nachzuweisen sein. Endkundenpreise im Mobilfunk sind ja veröffentlicht. Wenn Anbieter A für X Cent anbietet, fällt es Anbieter B nicht schwer, gleichzuziehen. Da Kunden nun beim Vertragsabschluss kaum auf die Auslandspreise achten (die meisten sind ja schon damit überfordert, die Tarife im Inland zu verstehen!), hat das günstiger anbietende Unternehmen keinen Vorteil. Damit bleibt es beim für den Kunden teuren Patt: Keiner rührt sich.

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