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Editorial: Das Ende der Kabel

Wann schlägt der Mobilfunk das Festnetz endgültig?
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Fast eine halbe Milliarde neuer Mobilfunkkunden zählten die Netzbetreiber letztes Jahr. Auch wenn einige dieser "Neukunden" in Wirklichkeit Kunden mit Zweit- und Dritthandy in den Industrieländern sind: Der weit überwiegende Teil des Zuwachses geht auf Menschen zurück, die zum ersten Mal überhaupt ein Telefon erwerben. Bereits vor gut drei Jahren überstieg die Zahl der Mobilfunkanschlüsse erstmalig die Zahl der Festnetzanschlüsse. Seitdem ist die Zahl der Mobilfunknutzer rasant weiter gestiegen, während das Festnetz nur noch langsam wächst, und in den Industrieländern sogar wieder zurück geht.

Die Gründe für den Siegeszug des Handys sind vielfältig. Unterwegs ist es unbestreitbar bequemer als die Nutzung von Münztelefonen oder das "Ausleihen" von fremden Festnetztelefonen. Für Wenignutzer ist ein Handyvertrag günstiger als die hohen Grundgebühren eines herkömmlichen Festnetzanschlusses - wenn es überhaupt einen solchen gibt. In vielen Ländern mit schlecht ausgebauter Infrastruktur sind auch Telefonkabel Mangelware. Diejenigen, die dort einen der begehrten Anschlüsse ergattern konnten, müssen fürchten, dass der Nachbar die Leitung anzapft und dann auf ihre Kosten telefoniert. Handys sind hier dank schwer fälschbarer persönlicher SIM-Karte und wirkungsvoller Authentifizierung derselben viel sicherer.

Absehbare Folgen der Kostenentwicklung

Die bereits dargelegte Entwicklung wird sich weiter fortsetzen. Die nach dem Mooreschen Gesetz exponentiell steigende Leistungsfähigkeit von IT-Komponenten drückt die Kosten pro Teilnehmer oder Gesprächsminute in den Mobilfunknetzen immer weiter nach unten. Der Aufbau eines Festnetzes wird hingegen eher teurer als billiger, wegen steigender Rohstoff- und Personalkosten. Somit werden die Verbindungsentgelte im Mobilfunk weiter sinken, die Grundentgelte im Festnetz voraussichtlich weiter steigen.

Die Folgen der beschriebenen Kostenentwicklung sind absehbar: Immer mehr Kunden wechseln von den Fest- in die Mobilfunknetze. Sobald aber die große Kündigungswelle im Festnetz einsetzt, verteilen sich dessen Betriebskosten auf immer weniger Teilnehmer. Damit wird es für die verbleibenden Teilnehmer noch teurer. In zehn bis zwanzig Jahren wird ein Festnetzanschluss somit zum Luxusgut. Nur dort, wo sehr hohe Bitraten oder sehr hohe Verfügbarkeit benötigt werden, wird die kabelgebundene Telekommunikation weiterhin nachgefragt werden - womöglich dann per direktem Glasfaseranschluss an Stelle des heute noch vorherrschenden Kupfers. Auch die Backbone-Netze der Netzbetreiber bleiben sicher kabelgefunden.

Für die Versorgung der Endnutzer sorgen in absehbarer Zeit Mobilfunkdienste der vierten Generation, die 100 MBit/s, 300 MBit/s oder gar 1000 MBit/s erreichen. Zwar wird diese Bandbreite nicht pro Nutzer bereit stehen - das Tempo von V-DSL (bis zu 52 MBit/s) sollte aber allemal erreichbar sein.

Für den Anwender wird der Umstieg von Festnetzen zu Mobilnetzen zwar eine Verschlechterung der Dienstqualität bringen: Mehr oder weniger häufig brechen die Bitraten ein oder reißen Sprachverbindungen ab, wegen Übertragungsfehlern oder Netzüberlastungen. Doch die Anwender werden diese Nachteile in Kauf nehmen, weil für sie die Vorteile überwiegen, insbesondere die zu erwartenden günstigeren Kosten und die mobile Nutzung.

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