Direkt-Marketing

Editorial: "Guten Tag, wir sind von der Deutschen Telekom"

Von fragwürdigen Methoden, an der Haustür Kunden zu gewinnen
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Berlin im Oktober 2005: Zwei aufgestylte junge Herren gehen durch den Innenhof eines Wohngebäudes, öffnen die Tür zum Treppenhaus und klingeln an den Wohnungen. "Guten Tag, wir sind von der Firma Alice. Kennen Sie schon unsere günstigen Telefontarife?", wird die alleinstehende Rentnerin begrüßt. Ein Szenario, das Redakteure von teltarif - allesamt in Berlin wohnhaft - in den vergangenen Wochen häufiger beobachten konnten. Allein vor unserer Redaktion standen die Alice-Haustürverkäufer in den vergangenen Monaten bereits fünf Mal mit der Frage, ob man denn Alice kennen würde.

Diese Art des Verkaufens ist noch harmlos. Auf Wunsch lassen die Haustürverkäufer Informationsmaterial da, niemand wird zu einer Umstellung gezwungen. Dennoch ist man bei dem einen oder anderen Verkäufer irgendwie froh, wenn man die Tür wieder geschlossen hat und der Haustürverkäufer sich auf der anderen Seite der Haustür befindet. Dass es auch ganz andere Formen des Haustürgeschäftes gibt, zeigen E-Mails unserer Leser sowie diverse Einträge im Forum.

"Unterschreiben Sie, sonst klemmt die Telekom Sie ab"

Da heißt es, die Vertreter geben sich beispielsweise als Mitarbeiter der Deutschen Telekom aus und gaukeln den nicht informierten Kunden vor, es gebe bei der Telekom eine Tarifumstellung, wodurch Telefonieren teurer werde. Wenn man das nicht wolle, solle man doch gerade mal hier unterschreiben. Eine andere Variante: Die Telekom stelle ihre Kunden auf Alice um. Wenn man nicht unterschreibe, könne man womöglich bald nicht mehr telefonieren.

teltarif liegen Informationen eines - nach eigenen Angaben - ehemaligen Mitarbeiters einer solchen so genannten Strukturvertriebs-Firma vor. Hier beschreibt er weitere Machenschaften der Vertriebler. Nachdem sich ein Kunde zu einem Auftrag entschlossen habe, käme es nach seinen Angaben durchaus vor, dass er ganz andere Tarife bekommt als ursprünglich vereinbart. Des Rätsels Lösung: Der Vertreter hatte offenbar auf seiner Version des Anmeldeformulars noch ein bis zwei Kreuze mehr gemacht, um seine Provision zu steigern.

Seit Frühjahr gibt es noch eine andere Vermarktungsmasche, die vor allem zum Vertrieb von Pre-Selection-Tarifen genutzt wird. Hier heißt es dann, dass die Telekom entweder Call by Call sperren werde oder aber für jedes Call-by-Call-Gespräch einen zusätzlichen Betrag von zwei Cent in Rechnung stellen werde. Im letzteren Fall greifen die Vertriebspartner eine Zahl auf, die bei der Telekom in der Tat als Zuschlag existiert, verschieben aber die Kommastellen und verdrehen die Tatsachen um 180 Grad. Gemeint ist wahrscheinlich ein Zuschlag von 0,2 Cent pro Minute, wenn man mit einem T-Com-Tarif ohne Call by Call zu einem anderen Vollanschlussanbieter telefoniert - ein Szenario, über das teltarif mehrfach berichtet hat. Mit einem Call-by-Call-Zuschlag hat das nicht einmal im Entferntesten zu tun.

Unseriöse Haustürverkäufer sind fast immer Auftragsfirmen

Hinter fast allen schwarzen Schafen stecken Direkt-Vermarkter, die im Auftrag der Telefongesellschaften unterwegs sind, um Kunden zu akquirieren. Ein Vermarktername, der immer wieder auftaucht, ist Ranger Marketing. Ein Direkt-Vermarkter, der unter anderem für Arcor, die Deutsche Telekom aber auch yello strom und Premiere aktiv ist. Über die Methoden von Ranger hat bereits 1999 die Wochenzeitung "Die Zeit" berichtet. Auch das ARD-Magazin PlusMinus hat erst diesen Sommer über Ranger einen Beitrag gesendet. Dass sich die Verkaufsmethoden offenbar nicht geändert haben, zeigen die Beiträge und die Schilderungen der Leser. Aber auch andere Vermarkter sind aktiv. So sucht Janson & Wittig in Berlin seit Wochen "in Kooperation mit der Firma Alice" nach Mitarbeitern im Außendienst. Bemerkenswert ist, dass es keine Firma Alice gibt, sondern Alice lediglich der Markenname der Telefongesellschaft Hansenet ist.

Angesichts dieser Machenschaften wären die Telefongesellschaften eigentlich gut bedient, sich von Vertriebspartnern zu trennen, die solch unseriöse Vertriebsmethoden anwenden. Denn zur guten Mundpropaganda tragen solche Vertriebsmethoden nicht bei. Die Mitarbeiter vor der Haustür erzählen schließlich nicht, dass sie von einem Direktvertrieb kommen, sondern geben sich als Mitarbeiter der Telefongesellschaften aus, in deren Auftrag Sie nach neuen Kunden suchen. So kann ganz schnell ein großer, schwarzer Schatten auf eine noch so gute Telefongesellschaft fallen. Dass die Telefongesellschaften oftmals keine Ahnung von dem haben, was durch die Drittfirmen bei den Kunden vor Ort passiert, kritisiert auch die Verbraucherzentrale. Deshalb hat sie in dieser Woche die Deutsche Telekom vor dem Landgericht Bonn verklagt.

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