Ausblick

Funkstille bei UMTS

Einschätzung: Betreiber vermarkten das mobile Internet am Bedarf vorbei
Von Björn Brodersen

Zum vergangenen Weihnachtsgeschäft hatte der Mobilfunknetzbetreiber Vodafone den kommerziellen Massenvertrieb für UMTS gestartet. Doch anders als erhofft blieb die Gesamtlast der Vermarktung an den Düsseldorfern hängen, die anderen Netzbetreiber sprangen nicht mit auf den Zug auf. Inzwischen ist es um UMTS recht still geworden: Zwar kommen in regelmäßigen Abständen neue UMTS-fähige Mobiltelefone auf den Markt und steht mit HSDPA bereits eine bedeutend schnellere Nachfolgeversion bereit, doch noch konnten die Mobilfunkprovider die Kunden nicht so recht für das mobile Internet begeistern. Was fehlt, sind attraktive Anwendungen, sagt Nick Jones, Vice President des internationalen Marktforschungsunternehmens Gartner, in einem Interview mit dem Handelsblatt.

"Bei den Betreibern herrscht ein Ungleichgewicht zwischen dem, was sie verkaufen wollen - nämlich Anwendungen wie MMS oder Telefonie, für deren Technologie sie teures Geld bezahlt haben - und dem, was die Leute kaufen wollen", zitiert die Wirtschaftszeitung den Branchenbeobachter. Als Beispiel für eine solche Vermarktung am Bedarf vorbei führt Jones das Fernsehen auf dem Handy an, das von manchen zur kommenden Fußball-Weltmeisterschaft 2006 als Killerapplikation gesehen wird. "Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Mehrheit über das Mobiltelefon fernsehen will", erteilt er solchen Prognosen eine Absage. Vielmehr gebe es ein Nebeneinander an Applikationen, die von Anwender zu Anwender verschieden sind. Wirtschaftlich gesehen würden die klassische Sprachkommunikation und der SMS-Versand die Top-Anwendungen bleiben.

Jones: In zehn Jahren sind wir stets online

Gravierende Entwicklungen erwartet der Vizepräsident von Gartner in der Art der Nutzung des mobilen Internets. Die europäischen Handybesitzer werden seiner Ansicht nach in zehn Jahren permanent online sein, sei es über überdrahtlose Geräte oder beispielsweise über intelligente Kleidung. Dadurch könnten etwa ständig Daten über den Gesundheitszustand kontrolliert und gegebenenfalls an einen Arzt geschickt, beim Shoppen online Preisvergleiche durchgeführt oder der jeweilige Aufenthaltsort überprüft werden. Damit würde allerdings auch die Privatsphäre des voll vernetzten Bürgers eingeschränkt werden.

Wie der mobile Internetzugang realisiert wird, brauche den Nutzer nicht mehr zu interessieren, meint Jones. Zur Verfügung würden neben UMTS fünf oder mehr Netzwerktechnologien stehen, die von entsprechenden Endgeräten unterstützt würden. Weitere Entwicklungen bei der Hardware: Die Hersteller werden nach Ansicht von Jones schnellere Prozessoren und größere Speicher mit bis zu vielen Gigabyte einsetzen. Verbesserungen müsste es damit auch bei der Stromversorgung und der Akkulaufzeit geben. Hier arbeiten die Entwickler bereits an Treibstoffzellen, Jones hält auch exotische Technologien wie Mikroturbinen für möglich.