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Editorial: Bitte schalten Sie Ihr Handy jetzt wieder an!

Mobil telefonieren über den Wolken

Handys sind starke Störquellen: Die meisten kennen das rhytmische Piepsen, das man in Analogtelefonen hört, wenn in der Nähe sich gerade ein Handy ins Netz einbucht oder einen Anruf durchführt. Bei einigen älteren Monitoren flackert sogar das Bild, wenn ein Handy in der Nähe liegt und im wahrsten Sinn des Wortes dazwischenfunkt. Kein Wunder also, dass Fluggesellschaften ihre Passagiere anweisen, vor dem Start alle Handys auszuschalten. Ohne Zweifel wäre es fatal, wenn das Flugzeug durch die Handys der Passagiere gestört würde, und beispielsweise die Steuerklappen anfangen, im Rhythmus der GSM-Pulse zu vibrieren.

Insofern verwundern die immer konkreter werdenden Pläne der Mobilfunk-Ausrüster und Flugzeug-Hersteller, die Handy-Nutzung auch an Bord zu ermöglichen. Anfang der Woche stellte etwa Ericsson eine spezielle Flugzeug-Basisstation vor. Letztes Jahr schloss bereits Airbus entsprechende Tests mit einem positiven Resümee ab. Schon im nächsten Jahr könnten die ersten Systeme an Bord installiert werden.

Sicherheit gesichert

Die Sicherheit dürfte übrigens gewährleistet sein: Kommerzielle Radio- und Fernsehsender arbeiten mit der zigtausendfachen Leistung eines einzelnen Handys. Radargeräte strahlen extrem kurze, energiereiche und gebündelte Radioimpulse ab, um das diffuse Echo auch aus etlichen Kilometern Entfernung noch empfangen zu können. Ein Flugzeug, dass sich von einem Handy stören lassen würde, dürfte auch durch die genannten anderen Funkquellen massiv gefährdet sein.

Bei 200 und mehr Passagieren pro Flug ist es schon heute so, dass bei vielen Flügen mindestens einer der Passagiere vergisst, seine Handys auszuschalten. Mir wurde sogar einmal gegenüber behauptet, dass mehrere Prozent der Passagiere entsprechend unachtsam seien, so dass es auf praktisch jedem Flug mehrere eingeschaltete Handys gäbe. Trotzdem gab es meines Wissens nach in den letzten Jahren keinen Flugzeugabsturz, der auf ein Versagen der Bordelektronik zurückzuführen war.

Aus Unachtsamkeit eingeschaltete Handys bleiben übrigens in der Regel unbemerkt: Schon kurz nach dem Start verlieren diese die Netzversorgung, unter anderem deswegen, weil mit zunehmender Flughöhe immer mehr Basisstationen vom Flugzeug aus "sichtbar" werden, deren Signale sich dann gegenseitig stören. Erst kurz vor der Landung, sobald das Flugzeug wieder ausreichend bodennah ist, kann das Handy wieder eindeutig den Träger der am besten empfangbaren Basisstation erkennen, und versucht anschließend, sich dort einzubuchen. Somit stören die eingeschalteten Handys die Flugzeuge gerade in der empfindlichsten Flugphase - dem Landeanflug.

Basisstationen an Bord hätten nun zwei Effekte: Vor dem Start und vor Beginn des Landeanfluges könnten diese prüfen, ob wirklich alle Handys (wieder) ausgeschaltet sind. Alternativ könnten sie auch während Start und Landung zumindest bewirken, dass eingeschaltete Handys keine Verbindungen aufbauen können, und sich die Funkbelastung somit reduziert. Im Flug würden die Basisstationen dafür sorgen, dass die Handys nur mit der minimal möglichen Leistung senden, und so die funktechnischen Störungen ebenfalls gering sind.

Zwischenmenschliche Störquellen

Somit verbleibt als größtes Problem die Störung der nicht telefonierenden Fluggäste, etwa in akustischer Form durch allzu schräge oder laute Klingeltöne. Ebenso ist zu erwarten, dass sich die Erkenntnis, dass Handys an Bord doch nicht so schlimm sind, nur langsam verbreitet. Passagiere, die um ihre Sicherheit besorgt sind, könnten den telefonierenden Zeitgenossen folglich das Leben ebenso schwer machen, wie hohe Roaming-Tarife. Somit kann es sogar so weit kommen, dass die großen Fluglinien den Telefonie-Dienst gar nicht anbieten, aus Sorge, dass sicherheitsbesorgte Passagiere künftig diese Fluglinie meiden.

Technisch ist die Handy-Nutzung an Bord also machbar. Aber ein wirtschaftlicher Erfolg ist sie aus den vorgenannten Gründen noch lange nicht.