Testbericht

Telefonieren über das Internet - ein Erfahrungsbericht

sipgate erleichtert Laien den Zugang zur neuen Technik
Von Björn Brodersen

Telefonieren über das Internet Anfang Februar gab die Düsseldorfer Internet-Telefongesellschaft sipgate ihre ersten Tarife bekannt. Seitdem können ihre Kunden für 1,79 Cent pro Minute ins deutsche Festnetz, für 22,9 Cent pro Minute in die deutschen Mobilfunknetze und kostenlos im sipgate-Netz telefonieren. Bis vor kurzem bot sipgate ihren Kunden nur Nummern mit Düsseldorfer Vorwahl an, inzwischen hat das Unternehmen allerdings sein Netz erweitert. Ab sofort erhalten sipgate-Kunden auch Rufnummern aus den Ortsnetzen Essen (0201), Hamburg (040) und Nürnberg (0911).

Die Technik

Bei der Internet-Telefonie - kurz VoIP - werden Sprachinformationen digitalisiert und in nummerierte Datenpakete verpackt. Diese werden dann mit der IP-Adresse des Empfängers versehen und an ihn abgeschickt. Das Empfängergerät wandelt die eintreffenden digitalisierten Datenpakete wieder in Sprachinformationen um. Um über das Internet zu telefonieren, braucht der Nutzer neben einem IP-Telefon einen DSL-Anschluss und einen Router (ab 40 Euro). Das IP-Telefon BT-100 von GrandStream

IP-Telefone müssen den gängigen SIP-Standard und das Protokoll STUN unterstützen. Kunden sollten bei der Wahl des IP-Telefons wegen möglichen Kompatibilitätsproblemen auf die Empfehlungen des Anbieters achten. Das GrandStream-Internet-Telefon BT-100 (Preis: 99 Euro) besitzt eine Adresszuweisung über DHCP, eine Rufnummernanzeige, Wahlwiederholung, Stummschaltung und eine Freisprecheinrichtung. Neuerdings hat der Düsseldorfer Anbieter auch einen Adapter ebenfalls für 99 Euro im Sortiment, mit dem sich auch Analogtelefone an den Router anschließen lassen. Die Adapter weisen die gleichen Einstellungen auf wie das IP Telefon und verrichten die gleichen Funktionen, nur Hörer, Sprechmuschel und Display werden vom Analogtelefon gestellt.

Das Telefonieren

Auf der Webseite des Anbieters wird der Kunde durch einen Anmeldebutton zur Registrierung weitergeleitet. Dort muss er sich für ein Land als Standort entscheiden und eine der angebotenen Rufnummern auswählen. Nach Eingabe der persönlichen Daten ist die Anmeldung abgeschlossen, der Kunde kann die Internet-Telefonie starten. sipgate stellt dabei nur die Telefonanlage bereit, um den DSL-Zugang muss der Kunde sich selbst kümmern. Das Bezahlen funktioniert im Prepaid-Verfahren: Erst lädt der sipgate-Kunde ein Konto per Überweisung oder per Kreditkarte auf, dann kann er das Guthaben abtelefonieren. In den nächsten Wochen soll das Konto auch im Lastschriftverfahren aufladbar sein. Der Adapter Handytone-286 von GrandStream

Nun muss der Kunde noch das Telefon anschließen, was für Laien angesichts der vielen englischen Fachausdrücke und Kürzel auf der Verpackung schwierig anmutet. Bei dem an uns ausgelieferten Modell liegt zudem noch keine Bedienungsanleitung dabei - eine Ausnahme, wie uns sipgate versicherte. "Plug, Dial and Save!" wirbt aber der Hersteller, und zumindest den ersten beiden Aufforderungen kann der Nutzer problemlos Folge leisten. Das IP-Telefon wird per Netzwerkkabel mit dem Router verbunden, danach kommt noch der Netzstecker in die Steckdose - das Gerät ist einsatzbereit. Alle anderen notwendigen Einstellungen am Telefon hat sipgate bereits vorgenommen.

Auch das Telefonieren geht vonstatten wie bei einem normalen Telefon. Interessant wird es bei der Sprachqualität: Bei Verbindungen ins deutsche Festnetz oder ins deutsche Mobilfunknetz geschieht die Anwahl ohne Verzögerung, die Stimme des Gesprächspartners klingt klar und deutlich. Nur am anderen Ende der Verbindung klagt der Angerufene über ein kontinuierliches Knacken in der Leitung sowie über hohle Akustik. Demgegenüber ist ein Mobilfunkgesprächspartner in Japan erstaunt über die gute Verbindung.

Die unterschiedlichen Hörerfahrungen hängen wohl mit der Netzlast zusammen. Herrscht viel Traffic im Netz, wirkt sich das auf die Upstream-Seite in asymmetrischen DSL-Zugängen stärker aus als auf die Downstream-Seite. Bei starken Belastungen des Internetzugangs kann es schon mal zu Problemen bei der Sprachübertragung kommen, erklärt Tim Mois, Geschäftsführer der Indigo Networks. Diese Probleme sollen aber bald der Vergangenheit angehören, wenn der Anbieter wie geplant so genannte QoS-Router (QoS = Quality of Service) einsetzt. Bei den Routern müssen Internet-Telefonierer sowieso aufpassen: Zurzeit sind nicht alle der im Handel erhältlichen Geräte für VoIP geeignet.

Der Kundenservice

Der Kundenbereich auf der sipgate-Homepage Neue Kunden können bei der Internet-Telefonie allerdings auf ein anderes Problem stoßen. So ließ sich zum Beispiel unser IP Telefon zunächst nicht anrufen. Der Grund: Die Firewall. Auf der sipgate-Homepage findet der Nutzer keinen Hinweis darauf, wie er dieses Problem beheben kann. Bedingte Abhilfe schafft ein Anruf bei der Hotline. Ein freundlicher und kompetent wirkender Mitarbeiter für den technischen Support erklärt, dass VoIP eigentlich nicht hinter einer Firewall funktioniere. Damit es doch funktioniert, bedarf es aber wegen der aufwändigen Einstellungen an der Firewall administrativer Erfahrung.

Die sipgate-Hotline ist zu den üblichen Geschäftszeiten werktags zwischen 9 und 19 Uhr zu erreichen. Kunden können sich aber auch per E-Mail über die Adresse technik@support.sipgate.de an den Anbieter wenden. In einem passwortgeschützten Bereich auf der Homepage des Anbieters finden die Kunden zudem ihre jeweiligen Kundendaten wie etwa einen Einzelverbindungsnachweis in Echtzeit, den Kontostand oder eine Liste verpasster Anrufe. Hier können Nutzer auch ein eigenes Telefonbuch anlegen, Verbindungskosten für Telefonate in die ganze Welt abrufen oder Installationshinweise nachlesen. Weiterer Clou: Durch einen Mausclick auf einen Telefonbucheintrag kann der User die jeweilige Nummer anwählen. Nach der Anwahl klingeln dann beide Telefone, das eigene und das des Angerufenen.

Das Fazit

Pluspunkte sammelt sipgate sicherlich mit der Bedienerfreundlichkeit: Dank der Vorkonfiguration des Telefons und der kompetenten Beratung durch die Hotline können auch unerfahrene Nutzer über das Internet telefonieren. Probleme können allerdings durch nicht kompatible Hardware, durch eingeschaltete Firewalls oder durch starken Traffic im Internetzugang entstehen. Die Sprachqualität fiel gegenüber herkömmlichen Verbindungen nicht bemerkenswert ab, Verzögerungen bei der Anwahl stellten wir nicht fest. Wovor manche wohl zurückschrecken werden, sind die hohen Anschaffungskosten (DSL-Anschluss, IP-Telefon und Router).

Internet-Telefonie lohnt sich beispielsweise für denjenigen, der sich viel im Ausland aufhält und dort auch Zugang zu einem DSL-Anschluss hat. Er kann sein IP-Telefon überall mit hinnehmen und dort anschließen und ist so unter seiner deutschen Rufnummer erreichbar. Auch für WG-Bewohner, die schon über einen DSL-Anschluss verfügen, aber keinen Festnetzanschluss besitzen, könnte sich die VoIP bezahlbar machen.