Retourkutsche

Doppelte Attacke auf ICANN

VeriSign und eine Gruppe von Registraren verklagen das oberste Internet-Verwaltungsorgan
Von Christian Horn
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Die Fehde zwischen VeriSign und ICANN geht in eine neue Runde: Am Donnerstag reichte der .com- und .net-Registry-Monopolist VeriSign bei einem Bezirksgericht in Los Angeles eine Klage gegen die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) ein. VeriSign beschuldigt ICANN, die ihr zugewiesene Kompetenz als rein technischer Verwalter des Internet zu überschreiten, sich den Rang des Internet-Regulierers anzumaßen, von VeriSign geplante Internet-Dienste unrechtmäßig zu boykottieren und somit seine Geschäftstätigkeit zu behindern. Ganz oben auf der Liste der kontroversen Dienste stehen der SiteFinder und der Wait List Service (WLS).

Tags darauf, am Freitag, legte dann eine Gruppe Top-Level-Domain (TLD)-Registraren eins nach und verklagte ICANN und VeriSign. Die Gruppe von acht kleineren Internet-Adresshändlern will ICANN gerichtlich dazu zwingen, die Einführung von VeriSigns WLS zu unterbinden. Nach den Plänen von VeriSign müssten Registrare, die Rechte an erloschenen Domain-Namen erwerben wollen, an VeriSign eine Vorschussgebühr zahlen, um auf die Warteliste eingetragen zu werden. Die Gebühr würde nach den Vorstellungen von VeriSign auch fällig, wenn der gefragte Domain-Name zukünftig gar nicht erlöschen würde.

ICANN und VeriSign, die beiden Protagonisten in diesem Streit, genießen unter kritisch eingestellten Mitgliedern der Internet-Gemeinde kein besonders hohes Ansehen.

VeriSign, gerade von der britischen Internet Service Provider's Association (ISPA) zum 'Internet-Bösewicht' des Jahres gekürt, werden unlautere Geschäftspraktiken und der Missbrauch seines .com- und .net-Registry-Monopols vorgeworfen. VeriSign betreibt den A-Root-Server, der weltweit die höchtste Instanz bei der Auflösung von URLs in IP-Adressen darstellt.

Die Non Profit-Organisation ICANN, 1998 von der US-Regierung mit der technischen Verwaltung des Internet beauftragt, eilt der Ruf voraus, nicht demokratisch eingesetzt worden zu sein und auch nicht allzu transparent und mustergültig demokratisch zu agieren.

Die Räuberpistole SiteFinder

Die aktuelle Eskaltion geht auf die Räuberpistole zurück, die sich VeriSign im vergangenen Herbst mit der Installation des SiteFinder-Dienstes geleistet hatte. Ohne jegliche Vorwarnung sahen sich Internet-Nutzer, die sich bei der Eingabe der URL vertippt oder einen nicht existenten Domain-Namen abgefragt hatten, auf die SiteFinder-Website von VeriSign umgeleitet. Dort erwartete sie eine Suchmaschine - und eine Menge Werbung.

Blankes Entsetzen war die allgemeine Reaktion. Internet-Verbände, Verbraucherschützer und Medien forderten unisono die sofortige Einstellung des Dienstes, 'Typosquatting' und Domain-Kidnappig dürften nicht geduldet werden, die für das Internet existentiell wichtige Stabilität des Domain Name System (DNS) stehe auf dem Spiel.

Die Tatsache, dass durch SiteFinder nicht-existente Domain-Namen quasi doch existierten, machte viele Anti-Spam-Tools untauglich, lokale Fehlermeldungen waren ausgeschaltet. Das führte zu einem erhöhten Datenverkehr, dessen Kosten Nutzer und Provider zu tragen hatten. Verzögerungen oder gar der Ausfall der Rückmeldung von fehlgeleiteten E-Mails waren die Folge. Die Gegenwehr war prompt: Weltweit wurden Patches für DNS-Server geschrieben, die SiteFinder-Antworten blockieren sollten.

VeriSign zeigte sich gänzlich unbeeindruckt: Der SiteFinder verbessere die Web-Navigation, die Anwender würden nur profitieren, den SiteFinder mehrheitlich begrüßen, und auf technischer Seite wären keine Probleme auszumachen.

Dass VeriSign allen Aufforderungen, SiteFinder freiwillig einzustellen, nicht nachkam, verwundert nicht weiter. Es wurde geschätzt, VeriSign hätte mit dem SiteFinder-Dienst Werbeeinnahmen im dreistelligen Millionenbereich verbuchen können. Zwei Wochen blieb die Vertipper-Umleitung am Netz, begleitet von einem anwachsenden Proteststurm. Aber erst die ultimative Drohung der ICANN, VeriSign den exklusiven - und lukrativen - Vertrag zur Verwaltung der .com- und .net-Domain-Namen zu kündigen, bewog das Unternehmen, den SiteFinder wieder abzustellen.

VeriSign hat die Idee SiteFinder allerdings nie in den Wind geschrieben; der Relaunch war immer geplant. Es kann vermutet werden, dass die Anwälte von VeriSign in der Zwischenzeit die Verträge mit der ICANN auf alle Schwachstellen abgeklopft haben und sich nun für die gerichtliche Auseinandersetzung gewappnet fühlen - umsonst würde das Unternehmen vernünftigerweise seine Retourkutsche für den SiteFinder-Verweis nicht auf den Weg bringen.

ICANN lehnt bislang jeden Kommentar zu den Klagen von VeriSign und der Gruppe der Internet-Registrare ab - die betreffenden Klageschriften würden noch nicht vorliegen.

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