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Editorial: Gefährlicher Optimismus

Die Mobilfunkbranche schaut wieder nach vorn
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Wie berichtet blickt die Mobilfunkbranche wieder positiv in die Zukunft. Hauptauslöser dafür dürfte sein, dass seit Mitte 2003 die Handyverkaufszahlen wieder steigen. Doch angesichts des neuen Optimismus ist natürlich die Frage angebracht, ob die grundsätzlichen Probleme wirklich nachhaltig gelöst wurden, oder ob die Branche sofort wieder in die nächste Krise stolper kann. Bedenken gibt es nämlich genug:

Selbstüberschätzung

Das Maut-Desaster rund um Toll Collect zeigt, dass aus UMTS anscheinend nicht gelernt wurde - zumindest nicht bei der Deutschen Telekom. Denn dann wäre sie nicht der Selbstüberschätzung erlegen, binnen kürzester Zeit ein technisch sehr anspruchsvolles System auf die Beine stellen zu können. Eigentlich hätte der Deutschen Telekom die Erfahrungen mit UMTS (nicht vorhandene Endgeräte, Inkompatibilitäten, komplizierte Software-Entwicklung etc.) Warnung genug sein müssen.

Unsichere Einführung neuer Produkte

Zwar sind alle zuversichtlich, dass UMTS jetzt endlich kommt, und bald zur Selbstverständlichkeit wird. Doch noch werden die neuen Netze lediglich von einer Minderheit genutzt, wenn der kommerzielle Start überhaupt schon erfolgt ist. Der große Test am Mark steht noch aus. Man kann für die Branche hoffen, dass dieser gut geht. Eine Sicherheit dafür gibt es aber nicht.

Ressourcen- und Frequenzzuteilung

Das Problem der gerechten und wettbewerbsfördernden Vergabe von zentralen Ressourcen ist weiterhin komplett ungelöst. Der Frequenzraum ist nunmal knapp, und somit ist der Kampf um besonders begehrte Frequenzen groß. Derzeit gibt es nur drei Alternativen für die Zuweisung der Frequenzen, die alle gravierende Nachteile haben:

  • Vergabeverfahren versuchen, die Frequenzen umsonst oder gegen eine nominelle Gebühr den jeweils leistungsfähigen Unternehmen zu übergeben. Problem: Hierdurch werden bereits etablierte Unternehmen oft bevorzugt, da diese die Leistungsfähigkeit einfacher nachweisen können. Ist die Ressource besonders begehrt, wird die Vergabe zum politischen Kräftemessen. Wichtige, jedoch schwer verständliche technische Details dürften kaum noch eine Rolle spielen, wenn die Vergabediskussion den Stammtisch erreicht hat.
  • Versteigerungen haben sich, siehe UMTS, als sehr problematisch herausgestellt. Zwar kann sich der Staat unter Umständen über etliche zusätzliche Milliarden freuen. Diese werden jedoch den Unternehmen als Investitionskapital entzogen. Letztendlich bezahlt der Kunde am Schluss das Wettsteigern durch überhöhte Preise.
  • Wird die Ressource lizenzfrei zur Nutzung für Jedermann vergeben, kann Chaos die Folge sein. Bei W-LAN ist schon jetzt die Tendenz zu beobachten, dass sich an zentralen Punkten die Netze drängeln. Auch gegenseitige Störungen zwischen verschiedenen Diensten, die dieselbe Frequenz nutzen, wurden schon beobachtet, so zwischen W-LAN-Netzen und dem Kurzstreckenfunk Bluetooth. Diese Probleme können dem kommerziellen Nutzen von freien Frequenzressourcen begrenzen.
In den USA stehen wir vor der Situation, dass wegen des Streits um die Frage, wie die UMTS-Lizenzen vergeben werden, diese bisher nicht vergeben worden sind. In anderen Ländern verzögerte sich zumindest die UMTS-Lizenz-Vergabe, weil der Staat mehr Einnahmen aus den Versteigerungen wollte.

Neue Frequenzen für UMTS

Durch neue Technologien und effizientere Nutzung könnten bisher mit anderen Diensten belegte Frequenzen für den Mobilfunk freigeräumt werden, insbesondere solche mit niedriger Frequenz, als derzeit für GSM oder UMTS benutzt. Dieses hätte viele Vorteile. So werden Funkwellen mit niedriger Frequenz weniger stark absorbiert, wenn sie durch Mauerwerk, Gewebe oder Luft dringen. Das verbessert die Versorgung innerhalb von Gebäuden, verringert die Nebenwirkungen der Handystrahlen beim Menschen, und erhöht die Reichweite von Basisstationen.

Insbesondere analoge Fernsehprogramme belegen einen großen Teil des Frequenzspektrums unter einem Gigahertz. Der digitale Nachfolger DVB-T bringt drei bis vier Fernseh-Programme auf einem analogen Fernseh-Kanal unter. Zudem ermöglicht DVB-T den Gleichwellenfunk, so dass benachbarte Fernsehsender ohne störende Interferenzen auf demselben Kanal arbeiten können, wenn sie dasselbe Programm ausstrahlen. Das erhöht die Effizienz abermals, denn bisher mussten räumlich benachbarte Sender immer unterschiedliche Frequenzen verwenden. Erst in einer gewissen Mindestentfernung konnte eine Frequenz wiederverwendet werden.

Würde man konsequent das Analogfernsehen mit DVB-T ablösen, könnte man einige Fernsehkanäle bundesweit oder sogar weltweit freiräumen, die dann an die Mobilfunkfirmen vergeben werden. Aus den oben genannten Gründen des Streits um die richtige Vergabemethode und die vom Staat zu erzielenden Einnahmen könnte es jedoch noch lange dauern, bis dieser Schritt vollzogen wird. Wir werden also weiterhin mit diversen Funklöchern leben müssen.

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