gefährlich?

Editorial: Verdirbt WLAN den UMTS-Erfolg?

Wireless Local Area Network transportiert Daten mit bis zu 54 Megabit/s

Glaubt man manchem Artikel aus der Wirtschafts- oder Fachpresse, ist der Bankrott manches Mobilfunk-Netzbetreibers unvermeidbar. Während nämlich die UMTS-Milliarden schwer in den Bilanzen liegen, befindet sich eine alternative Funktechnologie - WLAN - den Berichten zufolge bereits auf der Siegerspur. Den Angaben zufolge ist WLAN nämlich schneller (zur Zeit bis zu 11 MBit/s, bald bis 54 MBit/s) und preisgünstiger (unter einem Euro pro Megabyte übertragenen Daten; WLAN-Karten gibt es ab ca. hundert Euro) als UMTS. Welche Chance soll da UMTS noch haben?

Nun, ganz so einfach ist die Situation nicht. Wagen wir einen detaillierten Vergleich:

  • WLAN ist ein Kurzstrecken-Turbo
    Die vollen Datenraten werden nur über kurze Distanzen erreicht. Innerhalb von Gebäuden sinken die Datenraten oft bereits merklich, wenn sich ein oder zwei Wände zwischen Basisstation und mobilem Endgerät befinden. Bei mehr als ca. 50 Metern im Gebäude geht nichts mehr. Auch im Freien beträgt die maximale Reichweite ca. 500 Meter, direkte Sichtverbindung zwischen Basisstation und Endgerät vorausgesetzt.

    Folglich sehen die Konzepte der WLAN-Verfechter meist eine Versorgung an HotSpots wie Hotels, Flughäfen, Bahnhöfen, Kongresszentren oder Innenstädten vor. Außerhalb dieser HotSpots, etwa im Taxi, wird der Geschäftsreisende aber weiterhin nicht von mobiler Telekommunikation abgeschnitten sein wollen, wie sie per GSM oder UMTS bereitgestellt wird.
     

  • Es gibt noch keine WLAN-Handys
    In den WLAN-Beispielanwendungen ist in der Regel vom mobilen Geschäftsmann mit Laptop und WLAN-Funkkarte die Rede. Aber welcher Anteil der Geschäftsleute schleppt wirklich immer einen schweren Laptop mit sich herum? Also braucht man für einen durchschlagenden Erfolg von WLAN auch integrierte Endgeräte. Ein Weg dahin könnte sein, bestehende PDAs zusätzlich mit WLAN-Schnittstelle auszurüsten.
     
  • WLAN unterstützt Telefonie nur mäßig
    WLAN überträgt alle Daten in Paketen (Ethernet-Frames). Um weltweite Verbindungen zu ermöglichen, wird die jeweilige WLAN-Basisstation an das Internet angebunden. Will man daher über WLAN telefonieren, muss man folglich auf Voice over IP (kurz VoIP) zurückgreifen. Nun funktioniert VoIP nach den Erfahrungen der Redaktion immer dann sehr gut, wenn sich der Endnutzer und der VoIP-Gateway (der die Sprache zurück in die "normalen" Telefonnetze bringt) innerhalb desselben, gut ausgebauten Teils des Internets befinden. Je mehr Internet-Knotenpunkte aber passiert werden müssen, desto öfters kommt es zu Sprachverzerrungen und Aussetzern.

    Um eine sehr gute Sprachqulität zu garantierten, müssten alle Internet-Provider, die WLAN-Basisstationen anbinden, immer auch gleich einen geeigneten VoIP-Gateway mitbetreiben. Beim Einloggen ins WLAN würde dann auch gleich der VoIP-Gateway mit festgelegt werden. Zur Zeit gibt es aber weder die Gateways, noch ist bei er WLAN-Anmeldung die Übergabe der Gateway-Daten vorgesehen.
     

  • Messaging-Empfangsbereitschaft kostet Geld
    SMS ist eine der Anwendungen, die aus dem Mobilfunkbereich nicht mehr wegzudenken ist. Um nun eine ähnliche Funktionalität auch bei WLAN sicherzustellen, ist erforderlich, dass der WLAN-Nutzer eine Software installiert, die sich automatisch bei einer Messaging-Zentrale anmeldet und dieser jeweils die aktuelle IP-Adresse mitteilt. Die IP-Adresse ändert sich ja, wenn der Nutzer sich zwischen verschiedenen Hotspots bewegt.

    Nun wird - anders als in der Telefonie - im Internet in der Regel nicht zwischen Steuerungs- und Nutzdaten unterschieden. Folglich dürften diese Datenpakete, die zur Anmeldung bei der Messaging-Zentrale dienen, jeweils auf der Monatsrechnung erscheinen. Hat man das Pech, dass sich die WLAN-Karte dauernd zwischen zwei etwa gleichstarken Basisstationen hin- und herbucht, können hier schnell erkleckliche Datenmengen zusammenkommen.

    Ähnliche Überlegungen gelten übrigens auch bezüglich der Entgegennahme von Telefonanrufen. Bei diesen stellt sich sogar noch ein weiteres Problem, nämlich die Weiterleitung zum besten geeigneten VoIP-Gateway.

Gilt also Entwarnung für die Netzbetreiber? Ist WLAN wirklich keine Konkurrenz? Nun, so ist es auch wieder nicht. Denn in bestimmten Bereichen konkurrieren beide Technologien sehr wohl. Wenn man im Zug eine E-Mail mit einem 1 Megabyte großen Attachment erhält, stellt sich die Frage: "Soll ich diese sofort abrufen? Oder warte ich lieber, bis ich am Zielbahnhof bin, und nutze dort dann ein öffentliches WLAN?"

Nach den aktuellen GPRS-Tarifen für Profi-Nutzer kostet der Download von einem Megabyte je nach Netz zwischen 6 und 20 Mark. Bei den GRPS-Tarifen für Privatnutzer wären es sogar bis zu 69 Mark. Bei WLAN dürften die Kosten hingegen eher im Bereich von 1 bis 2 Mark liegen. Es lässt sich also in dem beschriebenen Szenario viel Geld sparen, wenn man mit nicht ganz so wichtigen Datentransfers wartet, bis man beim nächsten Hotspot ist. Je mehr Kunden diesen Spartrick nutzen, desto mehr Umsatz geht natürlich den Netzbetreibern verloren.

Wie könnten die Netzbetreiber reagieren? Eine Möglichkeit wären Datentarife, die günstiger werden, wenn man viele Daten innerhalb kurzer Zeit überträgt. Eine andere wären "angemeldete Downloads", bei der man den Wunsch, größere Datenmengen zum Sonderpreis zu übertragen, auf einem geeigneten Weg (PC-Software, Web-Formular, WAP-Formular usw.) eingibt. Das System teilt einem dann vorhandene freie Kapazitäten zu und nennt einen Preis - oder lehnt den Antrag ab, wenn nichts frei ist.

Auf jeden Fall müssen die Netzbetreiber erkennen, dass "Daten nicht gleich Daten" sind. Für 1 Megabyte kann man entweder 300 normale Text-E-Mails übertragen, oder eine E-Mail mit einem durch Bitmap-Grafiken aufgeblähten Word-Dokument im Anhang. Es ist davon auszugehen, dass die 300 Text-E-Mails für die meisten Anwender zusammen einen viel größeren Wert haben, als die eine dicke, obwohl beide dasselbe Datenvolumen belegen. Daher gilt als Fazit: Sollten die Netzbetreiber bei UMTS dieselben rein linearen "Datenuhren" einbauen, wie sie zur Zeit bei GPRS üblich sind, dann haben öffentliche WLAN-Zugänge in der Tat eine gute Zukunft vor sich.