Zukunftsfragen

Streit über UMTS-Vergabepraxis

In einigen Ländern sind die Lizenzen kostenlos, in anderen müssen astronomische Summen gezahlt werden
Von Christopher Paun / AFP
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Der Hammer ist gefallen. Für die astronomische Summe von 75,45 Milliarden Mark versteigerte die britische Regierung am Donnerstag fünf Mobilfunklizenzen des neuen UMTS-Standards. Die fünf Sieger - darunter die Deutsche Telekom und die Mannesmann-Mutter Vodafone-AirTouch - zeigten sich über den Zuschlag erleichtert, haben aber allen Grund, sich über den hohen Preis zu ärgern.

Telekom-Chef Ron Sommer hat die Unterschiede bei der Lizenzvergabe in Europa scharf kritisiert. Während die Lizenzen in Spanien - wo Sommer leer ausging - kostenlos vergeben werden, muss man in anderen Ländern Milliardensummen auf den Tisch legen. Es sei unglaublich, dass sich die EU-Kommission mit diesen "Megafragen" noch nicht befasst habe, sagte Sommer und forderte die Politiker auf, ihre Vergabepraxis zu überdenken.

Auch in Frankreich will die Regierung die Lizenzen nicht an den meistbietenden verhökern. Dort soll die Vergabe der UMTS-Lizenzen mit einem Lastenheft verknüpft werden, in dem die Kandidaten die Netzabdeckung festlegen und andere Qualitätszusagen machen. Bei dem von Insidern "Schönheitswettbewerb" genannten Verfahren sollen die eigentlichen Lizenzgebühren weit hinter den astronomischen Auktionssummen zurückbleiben. Heimliches Ziel dieser Vorgehensweise ist der Schutz der nationalen Telefongesellschaften, die mit den kapitalkräftigen Telekom-Multis teilweise nicht mithalten könnten.

Auch Italien hatte ursprünglich ein solches Verfahren geplant. Der neue Ministerpräsident Guiliano Amato erklärte aber bei seinem Regierungsantritt am Donnerstag, die Regierung werde nun auch auf eine Auktion umschwenken und erwarte Einnahmen von mindestens 25,3 Milliarden Mark.

Erst recht die Verlierer der britischen Auktion übten Kritik an den schwindeleregend hohen Summen. Die UMTS-Lizenzen sind überlebenswichtig für Telekom-Unternehmen, die künftig in Europa in der ersten Reihe mitspielen wollen. Der Mobilfunkstandard Universal Mobile Telecommunications Systems (UMTS) soll ab ca. 2002 Handy-Telefonieren in bedeutend besserer Sprachqualität, mit schnellerer Datenübertragung und einer Fülle mobiler Multimedia-Anwendungen erlauben. Ist eine Telefongesellschaft bereits in einem Land vertreten, so braucht sie diese Lizenz, um weiter im Geschäft bleiben zu können - und für Neueinsteiger gilt sie als einzige Eintrittskarte. "Misslingt der Einstieg, so kann der Börsenwert von einem Tag auf den anderen drastisch fallen", warnt der Chef des zweitgrößten französischen Telekomkonzerns Cegetel, Philippe Germond. Cegetel schnappte vor kurzem seinem Konkurrenten France Telecom eine Lizenz für Spanien vor der Nase weg.

France Telecom hat in Großbritannien möglicherweise bereits seine Zukunft als gesamteuropäischer Konzern verspielt. Das Unternehmen stieg angesichts der astronomischen Preise als Bieter aus. Der französische Konzern hat jetzt nur noch die Chance, den Anbieter Orange zu kaufen, der eine UMTS-Lizenz ersteigerte. Orange gehört noch zum Mannesmann-Konzern, muss aber angesichts der Übernahme durch Vodafone aus Kartellgründen abgegeben werden. Sollte der Einstieg misslingen, sieht die europäische Zukunft von France Telecom düster aus.

"Wer bei UMTS nicht mitmacht, ist in ein paar Jahren weg vom Fenster, den gibt's einfach nicht mehr, der schrumpft auf Null", bringt Hermann Reith von der BHF-Bank die Stimmung in der Branche auf den Punkt. Nach dem Handy-Boom der 90-er Jahre gilt es nun, den nächsten Quantensprung nicht zu verpassen.

Fantasiepreise bei den UMTS-Lizenzen lösen auch bei Branchenkennern Kopfschütteln aus. Wann die Ausgaben für die Lizenzen wieder hereingeholt werden sollen, steht in den Sternen. In Großbritannien wurden - vom Kleinkind bis zum Greis - umgerechnet fast 1300 Mark je Einwohner allein für die Lizenzen hingelegt. Ob die Kunden bereit sind, entsprechend hohe Telefongebühren zu zahlen, ist fraglich. Die Kosten können nicht deutlich über dem angesiedelt werden, was heute üblich ist. Ein höherer Preis ist nur für Datendienste gerechtfertigt, wo UMTS einen deutlichen Mehrwert gegebüber den bisherigen GSM-Netzen bietet.

In naher Zukunft dürfte UMTS also keine Lizenz zum Gelddrucken werden: Neben den hohen Kosten für die Zulassung müssen noch Milliarden in die Aufrüstung der Netze gesteckt werden. Zumindest für kleinere Mobilfunk-Anbieter dürfte es deshalb schwer werden, die Kosten für den UMTS-Einstieg schnell wieder hereinzuholen. Ein gutes Finanzpolster ist gefragt. Es könnte bis zum Ende des Jahrzehnts dauern, bis bei UMTS schwarze Zahlen geschrieben werden.

Doch der Blick der Konzernlenker richtet sich in die Zukunft: Nach Zahlen des Handy-Herstellers Nokia, werden schon 2003 weltweit 600 Millionen Internet-fähige Handys verkauft sein. Die Telefonfirmen hoffen auf ein Riesengeschäft, wenn Millionen Handy-Kunden rund um den Globus im Internet surfen, Musik und Videofilme aus dem Datennetz herunterladen, Reisen buchen oder Einkäufe und Bankgeschäfte tätigen.

Das britische Beispiel zeige "auf eindrucksvolle Weise, welchen extremen wirtschaftlichen Wert die Frequenzen haben", sagt Harald Dörr, Sprecher der Bonner Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post, die demnächst vier bis sechs deutsche UMTS-Lizenzen versteigern wird. Branchenkenner rechnen für Deutschland mit Geboten von bis zu 20 Milliarden Mark für jede UMTS-Zulassung. Damit wären bis zu 120 Milliarden Mark denkbar, die Finanzminister Hans Eichel (SPD) in seinem Haushalt verbuchen kann. Aufkeimende Begehrlichkeiten seiner Kabinettskollegen weist er beharrlich zurück. Für ihn hat die Abkürzung UMTS nur eine Bedeutung: Unerwartete Mehreinnahmen zur Tilgung von Schulden.

Die Bonner Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post hat sich zum Start der milliardenschweren Auktion eisernes Schweigen auferlegt. Die Meldefrist lief am Freitagnachmittag um 15 Uhr ab, erst am kommenden Dienstag will Behördenchef Klaus-Dieter Scheurle zumindest die Zahl der Bieter nennen. In die Karten blicken lassen sich längst nicht alle Bewerber, manche kommen eher auf Umwegen zum Vorschein wie das Marabu-Konsortium der spanischen Telefonica, der finnischen Sonera und der britischen Mannesmann-Tochter Orange: Weil sie bisher nicht zusammenarbeiten, musste das Bundeskartellamt ihr Vorhaben absegnen - was es auch tat, wie ein Kartellamtssprecher bestätigte und den Plan damit öffentlich machte.

Hinter dem Rätselraten steckt mehr als bloße Geheimniskrämerei: Die Bonner Regulierer müssen nach dem Eingang der Bieter-Meldungen zunächst sichten, ob die eingereichten Unterlagen vollständig sind. Hier könnten bereits erste Interessenten durchfallen, wenn sie den Milliardenpoker nicht sorgfältig vorbereitet haben. Mit einem solchen Fall rechnet in Bonn zwar keiner; aber eine Blamage wie jüngst France Telecom soll den Bietern erspart bleiben. Schlechte Vorbereitung machte das Pariser Unternehmen im Februar zum öffentlichen Gespött, als es ein Lizenzverfahren für Richtfunk in Frankreich um zwei Minuten verpasste und von der Auktion ausgeschlossen wurde.

Zuverlässig, leistungsfähig und fachkundig haben die Bieter für die Mobilfunk-Lizenzen im UMTS-Standard zu sein; so steht es im Gesetz. Die Regulierungsbehörde muss dies eigentlich bei allen Interessenten genau prüfen. In vielen Fällen hat sie sich diese Arbeit aber schon gemacht wie bei den vier Mobilfunk-Platzhirschen Telekom, Mannesmann, e-plus und VIAG Interkom. Auch andere Firmen, die bereits Telefon-Lizenzen in Deutschland besitzen wie MCI Worldcom aus den USA, brauchen die Prüfung nicht zu fürchten.

Haben die Aspiranten die erste Stufe überstanden, müssen sie noch eine "Trockenübung" absolvieren: Zwei Mobilfunk-Experten und zwei Ersatzleute aus jedem Konsortium werden dann je einen Tag lang in die Filiale der Regulierungsbehörde nach Mainz geladen, wo die Lizenzen für einen bis zu dreistelligen Milliardenerlös versteigert werden sollen. Zunächst wird der Ernstfall in einem kleinen PC-Netzwerk durchgespielt, Dabei versuchen die von der Außenwelt fast vollständig abgeschnittenen Repräsentanten ihre zunächst noch Behördenmitarbeitern gespielten Konkurrenten bei einer Test-Auktion zu übertrumpfen. Nach diesem Testlauf soll dann voraussichtlich im Juli die Bundeskasse klingeln.

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