App-Test

Apple Notfallpass ausprobiert: Lebensretter auf dem iPhone

An der Unfallstelle gibt es Verletzte und Bewusstlose: Viele haben für diesen Fall einen Notfallpass in der Tasche. Apple hat diese Funktion auch in iOS versteckt. Wir haben sie ausprobiert - doch was taugt der Apple Notfallpass?
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Wer eine verletzte oder bewusstlose Person findet, ist zur Hilfeleistung gesetzlich verpflichtet. Selbst wenn das Wissen um stabile Seitenlage, Mund-zu-Mund-Beatmung und Herz-Lungen-Wiederbelebung nicht ausreicht: Einen Notruf per 112 absetzen kann jeder, am Telefon sollten dann der Unfallort und die Situation genau beschrieben werden. Wer nicht hilft und wegsieht, macht sich nach § 323c Strafgesetzbuch wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar.

Ersthelfer an der Unfallstelle und eintreffende Rettungssanitäter wissen erst einmal gar nichts über die Person. Welche Blutgruppe hat der Verletzte, muss auf Allergien und Unverträglichkeiten geachtet werden oder leidet der Patient gar an chronischen Krankheiten und wird medikamentös behandelt? Welche Angehörigen müssen verständigt werden?

Hilfsorganisationen halten für diesen Zweck Vordrucke für Notfallpässe bereit, die man sich in den Geldbeutel oder die Brieftasche stecken kann. Als elektronische Alternative gibt es in Apples Health-App seit iOS 8 eine Funktion namens Notfallpass. Doch funktioniert diese auch, wenn das Handy gesperrt ist? Wir haben den Notfallpass getestet.

Die Health-App auf dem iOS-Homescreen
Die Health-App auf dem iOS-Homescreen

Diese Daten lassen sich im Notfallpass hinterlegen

Zu finden ist der Apple Notfallpass in der Health-App, die normalerweise Gesundheitsdaten anzeigt. Diese können auch von Drittanbieter-Apps oder Smartwatches erhoben worden sein. Ganz rechts unten befindet sich das Icon für den Notfallpass.

Bereits auf dem Startbildschirm verrät Apple, dass der Notfallpass auch auf dem "Notrufbildschirm" abgerufen werden kann, ohne das iPhone zu entsperren. Anders wäre das Feature auch recht sinnlos.

Tippt man auf "Notfallpass erstellen", kann man in ein Formular einige Daten eintragen. Der Name des iPhone-Besitzers stand bei uns schon im Formular, diesen holt sich die App offensichtlich aus dem Apple-Konto. Außerdem kann ein Foto in den Notfallpass hochgeladen werden. Über dem Formular gibt es einen Schieberegler, mit dem der Anwender festlegen kann, ob der Notfallpass im Sperrzustand angezeigt werden soll oder nicht. Diese Funktion ist standardmäßig eingeschaltet.

Eingetragen werden können folgende Daten: Geburtsdatum, Erkrankungen & Befunde, medizinische Aufzeichnungen, Allergien & Unverträglichkeiten, Medikation, Notfallkontakt, Blutgruppe, Organspender, Gewicht und Größe. Über einen Button lassen sich eingetragene Daten auch wieder löschen.

Apple Notfallpass in der Health-App
Apple Notfallpass in der Health-App

Einige Funktionen nicht ausgereift

Schlecht gelöst ist der Punkt "Notfallkontakt", denn beim Antippen öffnet sich hier lediglich das Adressbuch, aber kein freies Textfeld. Außerdem kann an dieser Stelle kein neuer Kontakt im Adressbuch angelegt werden. Ist die betreffende Person noch nicht in den Kontakten, muss man jetzt erst einmal die Eingabe beenden, den Notfallpass verlassen und die Person mit Telefonnummer in den Kontakten anlegen. Wer oft im Ausland ist, sollte die Nummer im internationalen Format mit +49 am Anfang abspeichern. Wählt man dann den Kontakt im Notfallpass aus, ist anzugeben in welchem Verhältnis man zu dieser Kontaktperson steht. Hier gibt es nicht nur alle möglichen Verwandtschaftsverhältnisse, Partner und Freunde zur Auswahl, sondern auch Arzt, Vorgesetzter oder Assistent.

Bei der Blutgruppe gibt es alle Blutgruppen (A, B, AB und 0) bereits zur Auswahl, und zwar entweder mit einem Plus oder Minus dahinter. Dieses bezeichnet den Rhesusfaktor, wobei hier das Pluszeichen für Rhesus-positiv und das Minuszeichen für Rhesus-negativ steht.

Nicht so komfortabel ist der Punkt "Organspender" gelöst, denn hier gibt es nur ja und nein zur Auswahl. Der deutsche Organspendeausweis [Link entfernt] nach § 2 des Transplantationsgesetzes lässt viel weitergehende Regelungen zu, zum Beispiel die Entnahme von Organen und Gewebe mit Ausnahmen, oder dass nur für die im Ausweis explizit genannten Organe die Entnahme erlaubt ist. Außerdem gestattet es der Ausweis, im Organspendefall eine andere Person mit der Entscheidung zu beauftragen.

Das Gewicht muss in ganzen Kilogramm angegeben werden und die Größe in Zentimeter. Unter dem Formular schreibt Apple, dass die im Notfallpass gemachten Angaben nicht in die Gesundheitsinformationen übernommen und auch nicht für andere Apps freigegeben werden. Später lassen sich einzelne Punkte im Notfallpass ändern oder der Pass kann als ganzes gelöscht werden.

Kompliziert: Der Weg zum Notfallpass führt über mehrere Bildschirme
Kompliziert: Der Weg zum Notfallpass führt über mehrere Bildschirme

Aufruf vom Sperrbildschirm und Fazit

Trägt ein Apple-Nutzer nun den ausgefüllten Notfallpass in seinem Gerät mit sich herum, muss er darauf vertrauen, dass die Helfer diesen auch finden. Ist der Bildschirm des iPhone gesperrt, muss der Finder zuerst einmal nach dem Wegwischen des Sperrbildschirms auf dem ersten Touch-ID-/Code-Bildschirm auf "Notfall" tippen. Auf dem nun folgenden Bildschirm kann entweder ein Notruf abgesetzt werden oder unten links der Notfallpass aufgerufen werden. Hier sind nun alle Informationen zu sehen.

Vom Antippen des Powerknopfes bis zum Anrufen des hinterlegten Kontakts sind das immerhin fünf Bedienschritte. Wir konnten in unserem Kurztest die hinterlegte Nummer problemlos anwählen.

In unserem Test stellte sich der Apple Notfallpass als nettes Gimmick heraus, das aber Schwächen aufweist. Zuerst einmal müsste die Öffentlichkeit besser darüber informiert sein, dass es die Funktion überhaupt gibt - und auf einem Apple-Gerät sollte man nicht fünf Schritte benötigen, um ans Ziel zu kommen.

Ersthelfer und Rettungssanitäter können die Richtigkeit der Angaben im Notfall nicht überprüfen. Und wenn der Akku des Telefons leer ist, hat ohnehin niemand Zugriff auf den Notfallpass. Dies trifft auch zu, wenn ein halb ertrunkener Patient aus dem Wasser gefischt wird und das iPhone einen Wasserschaden hat. Ein papierner Notfallpass wäre in dem Fall aber wahrscheinlich auch durchgeweicht und unleserlich.

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