Wettrennen

Editorial: Wer kopiert von wem?

Apple und Huawei kündigen beide Force Touch an: Wer kann die Erfindung für sich beanspruchen? Und wer wird es besser machen?

Editorial: Wer kopiert von wem? Editorial: Wer kopiert von wem?
Bild: Apple, Huawei, Montage: teltarif.de
Huawei hat vergangene Woche das Smartphone Mate S mit einer neuen Touchscreen-Generation vorgestellt, die nicht nur auswertet, wo ein Finger das Display berührt, sondern auch, mit wie viel Kraft das geschieht. Diese Force Touch genannte Technologie soll sogar genau genug sein, um das Smartphone als Waage zu verwenden. Das Smartphone wird also immer mehr zur sprichwörtlichen eierlegenden Wollmilchsau, das bzw. die unzählige Funktionen auf sich vereinigt, die früher spezialisierten Geräten vorbehalten waren: Navigationsgerät, Surfterminal, mobile Spielekonsole, Kamera, Uhr, Wecker, Messenger, Küchenwaage. Ach ja, telefonieren soll mit den Geräten auch möglich sein.

Datenblätter

Angesichts der immer weiter wachsenden Zahl an Sensoren und Funktionen ist es sehr positiv, dass es den Herstellern gelingt, die durchschnittlichen Verkaufspreise konstant zu halten. Denn mehr Sensoren bedeutet ja auch höheren Aufwand für Entwicklung und Herstellung. Zudem werden auch die Sensoren selber immer besser.

Wer hat Force Touch erfunden?

Editorial: Wer kopiert von wem? Editorial: Wer kopiert von wem?
Bild: Apple, Huawei, Montage: teltarif.de
Mit dem Mate S stiehlt Huawei in gewisser Weise Apple die Show, denn deren neue Generation von Smartphones - wahrscheinlich ebenfalls mit Force-Touch-Display - wird erst kommenden Mittwoch vorgestellt.

Um so mehr verwundert, dass zahlreiche Kommentatoren in den Medien Huawei vorwerfen, dreist bei Apple abgeschaut zu haben. Nur ein paar Zitate: "Von Apple geklaut" (Focus online), "Apple Force Touch von Huawei kopiert" (Curved), "Huawei trollt Apple" (Zeit online).

Nun ist es so, dass Apple vor allem ein Integrator ist: Sie kaufen Prozessoren, Displays, Touchscreen-Sensoren, Graphikeinheiten, Akkus, Kameramodule und vieles, vieles mehr von den jeweils besten Herstellern, und lassen daraus - ebenfalls von einem Dritten - ihre Produkte fertigen. Zweifellos waren bzw. sind diese Produkte in vielen Fällen wegweisend. Mit iPod, iPhone und iPad ist Apple in den vergangenen Jahren dreimal der große Wurf gelungen.

Andererseits: Warum sollen nicht auch andere Hersteller die im Markt verfügbaren Komponenten und Ideen aufgreifen, um daraus innovative elektronische Geräte zusammenzustellen? Je mehr Hersteller neue Produkte bringen, desto größer ist die Chance, dass sich darunter auch was Gutes und Nützliches findet. Und je schneller nach der Implementation einer neuen Hardware-Funktion (wie hier Force Touch) sich verschiedene Hersteller um die beste Software-Unterstützung und Integration ins Gesamtsystem bemühen, desto schneller wird auch hier die Konkurrenz zur Reifung der Systeme führen.

Die zweite wichtige Schiene: Marketing

Zwar gab es in der Vergangenheit oft auch andere innovative Hersteller, die nah dran waren, Apple die Show zu stehlen, so Neonode mit einem Touchscreen-Phone noch vor dem iPhone. Hier kommt die zweite Stärke von Apple ins Spiel: Deren perfektes Marketing, und das Vertrauen eines über Jahrzehnte gewachsenen Kundenstamms. Damit gelingt es Apple, ihren Kunden die Vorteile eines neuen Produkts - zum Beispiel Touchscreen-Smartphones - zu kommunizieren. Vielen anderen Newcomern und Innovatoren leider nicht. Am Schluss folgen dann alle Apple.

Wie weit das Vertrauen geht, zeigt sich an vorgenannten Kommentaren. Noch weiß die Öffentlichkeit nicht, welche Force-Touch-Implementation besser ist, ob Huawei oder Apple die Nase vorn hat. Doch Foristen - beispielsweise auf Golem - sind sich sicher: "Apple muss halt zuerst vorführen was man mit Force touch alles machen". So loyale Anhänger hätten die anderen Hersteller gerne auch!

Apple kann nicht überall den Vorsprung halten

Die Realität ist freilich, dass Samsung und Pebble beispielsweise in Sachen Smartwatch deutlich schneller waren als Apple. Und als Apple mit der Apple Watch nachzog, konnten sie die Fachwelt nicht davon überzeugen, dass sie um Längen besser als die Konkurrenz sind. Auch Force Touch, das bereits in die Apple Watch integriert ist, konnte nicht den Unterschied machen.

Die Verkaufszahlen des iPad sind sogar rückläufig. Dafür greifen die Kunden immer häufiger zu einem 2-in-1-Gerät der Windows-Konkurrenz: einem zum Tablet konvertierbaren Laptop. Es gibt zahlreiche Gerüchte, dass Apple ebenso ein solches Gerät in der Entwicklung hat. Aber es sind bis jetzt nur Gerüchte.

Apples Startvorteil und Huaweis Integrations-Probleme

Im Smartphone-Bereich konnte Apple hingegen den Vorsprung zuletzt sogar ausbauen. Sie verkaufen so viele iPhones wie nie zuvor. Auch bei unserer Hardware-Umfrage bekam Apple Bestnoten.

Bei der Integration von Force Touch ins Nutzerinterface hat Apple zudem bessere Startvoraussetzungen als Huawei: Apple kontrolliert das eigene Smartphone-Betriebssystem, während Huawei bekanntermaßen auf Android von Google setzt, und folglich die Force-Touch-Erweiterung in ein fremdes System einpatchen muss. Entsprechend ist Force Touch bei Huawei wahrscheinlich weniger tief im System verankert. Zugleich macht der Stufen-Prozess die Update-Versorgung schwieriger: Kommt eine neue Android-Version heraus, muss Huawei erneut die Force-Touch-Funktion einpatchen, bevor sie auch ihrerseits das Update für das Mate S bereitstellen können.

Ebenso ist es wahrscheinlich, dass Apple der erste Hersteller sein wird, der Force-Touch-Smartphones in großen Stückzahlen ausliefert. Denn die Force-Touch-Funktion soll nur in der größten Variante des Mate S (mit 128 GB Speicher) verbaut sein, und die kommt später als die beiden kleineren Modelle. Huawei hat also voraussichtlich nur bei der Ankündigung die Nase vorn.

All das genannte lässt vermuten, dass Force Touch bei Apple besser sein wird als bei Huawei. Aber ist es deswegen nötig, Huawei schon vorab einer schlechten Kopie zu verdächtigen? Noch bevor wir iPhone 6S und Mate S 128 GB überhaupt in den Händen hielten?

Weitere Editorials