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Editorial: Smartphones: Immer größer, dünner, zerbrechlicher?

Auch andere große Smartphones und Phablets neigen viel stärker zum Bruch als die kleineren Smartphones der ersten Generationen. Muss die Branche hier umdenken?
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Dass der Ärger der User über sich in der Hosentasche verbiegende Smartphones über Apple entlädt, ist wahrscheinlich Zufall: Sie sind ja nicht die einzigen, die in den letzten Jahren ihre Smartphones in mehreren Schritten vergrößert, und zugleich die Dicke reduziert haben. Dass darunter die Festigkeit leidet, ist so gut wie unvermeidlich.

Besonders am Fall des Apple iPhone 6 Plus ist, dass sich das Gehäuse dauerhaft verbiegt, noch bevor das Display bricht. Der Knack- bzw. Knickpunkt scheint dabei am unteren Ende der Lauter-Leiser-Taste zu liegen: Dort befinden sich für die Tasten wahrscheinlich Aussparungen im Gehäuserahmen. Entsprechend ist der Rahmen dort schwächer, so dass die Gefahr steigt, dass Belastungen die Stabilitätsgrenze des Materials überschreiten. Wahrscheinlich ist die von Apple eingesetzte Aluminium-Legierung besonders hart - und damit auch besonders anfällig, sollte die Grenze für elastische Verformung überschritten werden.

Apple steht mit den Schwachstellen nicht alleine da: Bei der Sony-Xperia-Z-Serie besteht die Vorder- wie Rückseite aus Glas. Während aber vorne das besonders bruchfeste Gorillaglas Einsatz findet, ist es hinten "nur" Mineralglas. Letzteres ist auf der Geräteinnenseite mit einer in Gerätefarbe gehaltenen Plastikfolie verklebt, die offensichtlich neben der Farbgebung dazu dient, bei Druck auf das Glas von außen die dann auf der Innenseite auftretenden Zugkräfte (die Glas besonders schlecht aushält, siehe meinen Artikel zu Saphirglas) aufzunehmen. An der Stelle des Kamerablitzes hat diese Folie eine kleine Aussparung, und genau dort reagiert das Rückglas auf Druck von Außen sehr empfindlich, und zersplittert dann von dort ausgehend schon bei mittlerer Beanspruchung in tausend Teile, wie der Autor dieser Zeilen leider vor einigen Monaten persönlich erlebte.

Dürfen Smartphones in Hosentaschen?

Das iPhone 6 PlusDas iPhone 6 Plus htc legte in der Vergangenheit bei einigen günstigeren Windows-Smartphones einen Warnhinweis mit in die Packung, das Gerät nicht in die Hosentasche zu stecken. Dort war noch nicht einmal das Frontglas besonders gehärtet. Letzendlich haben wir hier aber ein modisches Problem: Viele Männer tragen nunmal nur ungern Hemden oder Sakkos, und erst recht keine Handtaschen. Also werden die wichtigsten Utensilien - Schlüssel, Geldbeutel und Smartphone - auf die Hosentaschen verteilt.

Dass Smartphones in Hosentaschen besonders hohen Belastungen ausgesetzt sind, liegt nahe. Andererseits gibt es zahlreiche Modelle, die nicht bei der ersten Gelegenheit gleich knicken oder splittern: Samsung Wave oder Nokia Lumia 820 haben beim Autoren dieser Zeilen jahrelang durchgehalten. Auch die iPhones vor der 6er-Serie gelten als robust. Um so größer ist natürlich der Ärger der User, die jahrelang iPhones in Hosentaschen getragen haben, wenn das neue Modell dieses "Feature" plötzlich nicht mehr unterstützt.

Nutzer geben für Smartphones im Vergleich zu Laptops oder PCs teils deutlich mehr Geld für weniger Leistung aus. Die Nutzer sind dazu bereit, weil die Smartphones besonders kompakt und robust sind. Doch die Robustheit leidet nun mit den immer größeren Bauformen.

Biegen statt Brechen?

"Biegen statt brechen" lautet die Device beim G-Flex von LG: Gehäuse, Display, Akku und Board sind aus Materialien, die zumindest ein gewisses Verbiegen erlauben. Zudem ist das Gerät von vornherein gekrümmt, was dem Tragen in hinteren Hosentaschen entgegen kommt. Vielleicht springen weitere Hersteller auf diesen Zug auf und bringen künftig weniger starre und zerbrechliche Geräte auf den Markt.

Die Geräte, die weiter starr gebaut werden, sollten von den Herstellern ausgiebig getestet werden. Und das nicht nur für die Minderheit der Hosentaschenträger, sondern für die breite Masse, der ab und zu auch mal ein Missgeschick passiert, und sei es, dass sie sich auf eine Handtasche setzt oder ein Sakko mit Handy drin.

Besonderes Augenmerk sollte bei diesen Tests auf Schwachstellen gelegt werden: Das iPhone 6 Plus scheint im Bereich des Lautstärkereglers besonders biegeanfällig zu sein. Vielleicht ist dieser Schwachpunkt bei Biegetests, die ihre Kräfte an anderen Stellen ansetzen, nicht aufgefallen. Moderne finite-Elemente-Software - die sich seit Jahrzehnten für Crashtest-Simulationen in der Autoindustrie bewährt hat - kann aber Abermillionen Belastungsszenarien durchrechnen, ohne, dass immer wieder teure Prototypen zerbrochen werden müssen. Am Ende sind die neuesten Modelle dann vielleicht einen Millimeter dicker oder 10 Gramm schwerer - aber auch dreimal robuster.

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