Sicherheits-Placebo

Editorial: Registrierungswahn

Die Erfassung der Nutzer von Prepaid-Karten bringt nur wenig Sicherheitsgewinn. Denn die Täter, auf die es ankommt, werden es auch künftig schaffen, die Registrierung zu vermeiden.
AAA
Teilen (3)

Erfassung der Prepaid-Karten-Inhaber bringt kaum SicherheitsgewinnErfassung der Prepaid-Karten-Inhaber bringt kaum Sicherheitsgewinn Donald und Dagobert Duck aus 12345 Entenhausen sind wahrscheinlich die wichtigsten Kunden der großen Mobilfunk-Discounter wie Aldi Talk oder Lidl Mobile. Schließlich muss man die im Supermarkt erworbene SIM-Karte zu Hause kurz per online-Formular registrieren, bevor man sie benutzen kann. Und da nicht jeder seine tatsächlichen Daten eingeben möchte, dürften die beiden Comic-Figuren neben "Erika Mustermann" zu den am häufigsten genutzten Fantasie-Namen gehören.

Klar kann man im online-Formular prüfen, dass die Adresse in sich stimmig ist, also insbesondere Postleitzahl, Stadt, Straße und Hausnummer zueinander passen. Aber auch das bietet keine Gewähr dafür, dass überhaupt eine Person mit dem angegebenen Namen an der angegebenen Adresse wohnt, und diese Person auch noch identisch mit dem tatsächlichen Registranden ist. Registrierungen unter Pseudonym sind somit auch bei Adressprüfung grundsätzlich möglich.

Gründe, seine echten Daten nicht anzugeben, gibt es viele. Die allgemein zu empfehlende Datensparsamkeit ist einer davon. Schauspieler oder andere Künstler haben zudem ein Interesse daran, eine im Rahmen der künstlerischen Tätigkeit genutzte SIM auch unter dem Künstler- statt dem echten Namen anzumelden. Und wenn man einem wildfremden Menschen ohne festen Wohnsitz hilft, indem man ihm oder ihr ein altes Smartphone samt neuer SIM-Karte schenkt, dann möchte man die auch nicht auf sich registrieren. Man weiß am Ende ja doch nicht, was der Beschenkte damit tut. Man hofft zu helfen, möchte für den Empfänger der Hilfe aber nicht die Hand ins Feuer legen.

Sicher hat es auch Vorteile, eine Prepaid-SIM-Karte auf den echten Namen zu registrieren. Hat man zum Beispiel die PIN-Nummer dreimal falsch eingegeben, die Originaldokumente zum Prepaid-Paket verlegt oder gar weggeworfen und keinen Zugang zum online-Administrations-Konto eingerichtet oder die Daten dafür ebenfalls nicht zur Hand, dann kann man sich vom Provider die PUK per Brief zusenden lassen - aber nur an die bei der Registrierung hinterlegte Adresse, nicht irgendwohin. Auch sonst riskiert jeder, der falsche Registrierungsdaten verwendet, dass der Service kurzfristig und ohne Vorwarnung eingestellt werden, zum Beispiel, wenn aus gegebenem Anlass alle "Donald Duck" aus der Datenbank geworfen werden. Daher erfolgt die Mehrzahl der Kartenregistrierungen mit korrekten Daten.

Placebo-Registrierungs-Gesetz

Nach dem Telekommunikationsgesetz ist es bereits heutzutage vorgeschrieben, dass die Mobilfunkanbieter korrekte Adressdaten der Nutzer erfassen. Dort, wo die Anbieter aber kaum Vorteile aus der korrekten Registrierung haben, insbesondere im Bereich der Prepaid-Karten, wird diese Pflicht von den Anbietern aber nicht sonderlich ernst genommen. Schließlich würde es erhebliche zusätzliche Arbeit bedeuten, wenn künftig beim Verkauf einer SIM-Karte an der Supermarktkasse immer auch die Vorlage eines Ausweises gefordert wird, und dieser Ausweis geprüft und gescannt bzw. die wichtigsten Daten daraus notiert werden müssen.

Für Kriminelle ist es damit natürlich extrem einfach, an anonyme SIM-Karten zu kommen. Andererseits fällt es schwer, eine SIM-Karte wirklich anonym zu verwenden. Die im Zuge des Netzausbaus immer weiter verdichteten Netze der Mobilfunkanbieter bewirken auch eine immer genauere Ortung der SIM-Karten - auch dann, wenn man gerade aktiv keine Sprach- oder Datendienste nutzt, aber mit dem eingeschalteten Handy mit eingelegter SIM-Karte unterwegs ist. In Verbindung mit der immer umfangreicheren öffentlichen Video-Überwachung ergeben sich hier zahlreiche Ermittlungsansätze. Der berüchtigte Autobahn-Sniper, der von 2009 bis 2013 immer wieder auf Autotransporter geschossen und dabei auch 2010 fast eine Frau erschossen hatte, konnte durch das Scannen von Kennzeichen und die Verknüpfung derselben mit Mobilfunkdaten überführt werden. Dabei kam es nicht darauf an, auf wen eine SIM-Karte registriert war - sondern welche SIM überhaupt immer wieder in Tatort-Nähe war.

Aber selbst, wenn man künftig verhindert, dass unregistrierte SIM-Karten an der Supermarkt-Kasse verkauft werden, wird es für kriminelle Banden weiterhin kein Problem sein, an falsch registrierte SIM-Karten zu kommen. Es reicht ja, dass sie einen Mobilfunkhändler dazu besticht oder nötigt, für sie einen Stapel SIM-Karten falsch zu registrieren, dann ist die Bande erstmal wieder versorgt. Zudem bleibt immer die Möglichkeit, anonyme SIMs aus einem beliebigen Drittland zu importieren. Die dadurch entstehenden Roaming-Kosten dürften eine Bande, die Millionen mit illegalen Geschäften verdient, nun wirklich kaum jucken. Und auch in Sachen Terror-Abwehr gilt: Einer Gruppe, der es gelingt, an Sturmgewehre und Sprengstoff zu kommen, der wird es sicher auch gelingen, an falsch registrierte und somit faktisch anonyme SIM-Karten zu kommen.

Aus den genannten Gründen haben in den letzten Jahren zahlreiche EU-Länder die Registrierungspraxis für SIM-Karten gelockert. So war es zum Beispiel lange Jahre für Urlauber in Spanien kaum möglich, eine lokale SIM-Karte zu erwerben, weil dazu ein spanischer Ausweis vorgelegt werden musste. Doch inzwischen ist es kein Problem mehr, in Spanien Prepaid-SIMs zu erwerben. Selbst direkt am Flughafen werden sie für 10 bis 20 Euro angeboten - Registrierungsservice und sofortige Freischaltung inklusive.

Die aktuell von der deutschen Bundesregierung geplante Maßnahme, von den Prepaid-Anbietern künftig mehr Einsatz beim Registrieren der Daten ihrer Kunden zu verlangen, ist somit ein reines Sicherheits-Placebo. Gegen die Schwerkriminalität wird diese Maßnahme - wie auch die umstrittene Vorratsdatenspeicherung - kaum etwas ausrichten können. Sie erhöht aber die Kosten für die Anbieter, und damit die Preise, die wir alle künftig für Mobilfunkdienste bezahlen werden.

Teilen (3)

Weitere Editorials