Frequenzauktion

Editorial: Droht der nächste Milliardenpoker?

Dobrindt erwartet Frequenzerlöse im zweistelligen Milliardenbereich: Ist das wirklich realistisch? Und was würden derart hohe Lizenzkosten für die Mobilfunkkunden bedeuten?
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Bundesinfrastrukturminister Dobrindt erwartet, bei der kommenden 5G-Mobilfunkauktion einen zweistelligen Milliardenbetrag zu erlösen. Auch wenn eine solche Riesensumme gut für das Staatssäckel wäre, für die Allgemeinheit wären so hohe Preise für die Mobilfunklizenzen der fünften Generation keine gute Nachricht: Denn die Netzbetreiber wären dann gezwungen, die Preise für Datenverträge entsprechend zu erhöhen oder ihre Investitionen an Ein Wettbieten mit Milliardenbeträgen ist bei der kommenden Frequenzauktion nicht zu erwartenEin Wettbieten mit Milliardenbeträgen ist bei der kommenden Frequenzauktion nicht zu erwarten anderer Stelle - Stichwort Netzausbau - entsprechend auf ein Minimum zu beschränken. Deutschland ist schon heute beim Preis-Leistungs-Verhältnis für Datenverträge eines der Schlusslichter weltweit, und würde bei hohen 5G-Lizenzkosten entsprechend weiter zurückfallen.

Schaut man genauer auf die Eckdaten der kommenden Frequenzauktion, erkennt man allerdings, dass die Multimilliardenträume Dobrindts sich ganz schnell in Luft auflösen könnten. Das beginnt schon damit, dass einer der wichtigsten Frequenzbereiche für 5G, nämlich der um 700 MHz, bereits bei der letzten Frequenzauktion versteigert wurde, dort aber pro Frequenzblock geringere Erlöse erzielte als die für 2G und 4G genutzten Bereiche bei 900 und 1800 MHz. Warum sollten die Netzbetreiber jetzt bereit sein, für den zweiten und dritten Bereich der 5G-Frequenzen, nämlich die Bänder um 3,6 GHz und um 26 GHz, das Vielfache zu investieren wie für das 700-MHz-Band?

Kein Wettbieten um 3,6 GHz wahrscheinlich

Zwar werden im Bereich von 3,6 GHz bundesweit dreimal 100 MHz versteigert, im Vergleich zu dreimal 2x10 MHz im 700-MHz-Band. Der insgesamt fünffachen Bandbreite steht jedoch die schlechtere Ausbreitungscharakteristik der Wellen im 3,6-GHz-Band gegenüber. Es gab schon zahlreiche Versuche mit diversen Technologien, allen voran WiMAX, im 3,6-GHz-Band verlässliche Funknetze als Festnetzersatz aufzubauen. Keiner dieser Versuche war von Erfolg gekrönt.

Zudem wird ungepaartes Spektrum, bei dem im Zeitschlitzverfahren (TDD) auf derselben Frequenz abwechselnd im Upstream und im Downstream gesendet wird, bisher noch von keinem Netzbetreiber in Deutschland in größerem Umfang eingesetzt. So verfügen alle Netzbetreiber im erheblichen Umfang über ungenutztes ungepaartes Spektrum in den Bändern um 1,5 GHz, 2,0 GHz und 2,6 GHz. Dass es nun einen preistreibenden Run auf weitere ungepaarte Frequenzbänder bei 3,6 GHz geben wird, ist also unwahrscheinlich.

Zwar bewerben die Ausrüster das 5G-Reichweitenwunder: Dank zahlreicher technologischer Verbesserungen (empfindlichere Empfänger, aktive Interferenzunterdrückung, Massive MIMO in den Basisstationen) sollen sich 5G-Netze bei 3,6 GHz in demselben Raster aufbauen lassen, wie anfangs (ohne diese ganzen Verbesserungen) UMTS-Netze bei 2,0 GHz. Doch steht zum einen der Beweis für dieses Versprechen in der Praxis noch aus. Und zum anderen war die UMTS-Netzversorgung anfangs am Zellenrand alles andere als optimal, und das nicht nur bei den "billigen" Anbietern. Aber selbst, wenn das Reichweitenwunder tatsächlich eintritt, und sich auf 3,6 GHz mit den bestehenden 2G/3G/4G-Standorten ein dichtes 5G-Netz aufbauen lässt: Die dafür nötige Mobilfunkzellen-Technologie wird mit Sicherheit komplex und teuer sein. Entsprechend könnte die Bereitschaft der Netzbetreiber leiden, viel Geld für Lizenzen bei 3,6 GHz auszugeben.

Schließlich werden im 3,6-GHz-Band insgesamt 300 MHz Bandbreite zur bundesweiten Nutzung versteigert. Diese lassen sich auf 3 x 100 MHz aufteilen, so dass jeder Netzbetreiber ein gleich breites Band erhält. Mehr als 100 MHz werden zudem zumindest anfangs nur von geringem Zusatznutzen für den jeweiligen Netzbetreiber sein, da die 5G-Endgeräte keine höhere Bandbreite verarbeiten werden können. Wenn es eine solche "natürliche" Aufteilung gab, wirkte sich das in der Vergangenheit bei den Frequenzauktionen zumeist preisdämpfend aus.

Besonders preistreibendes Wettsteigern gab es hingegen meist dann, wenn sich die Frequenzen nicht glatt aufteilen ließen, oder mehr Interessenten an der Auktion teilnahmen, als überhaupt Lizenzen vergeben werden konnten. Ein vierter Anbieter, der eigene Frequenzen ersteigert, um ein 5G-Netz in Deutschland aufzubauen, ist aber nicht in Sicht. Selbst wenn ein neuer Betreiber Ambitionen in Deutschland hätte, könnte er bei der kommenden Auktion keine Frequenzbänder aus den Bereichen um 700, 800 oder 900 MHz erwerben, die er aber für die Grundversorgung in der Fläche unbedingt benötigen würde.

Unklarer Nutzen der Frequenzen um 2,0 GHz

Besonders teuer war die UMTS-Frequenzauktion im Jahr 2000. Damals steigerten sich sechs Netzbetreiber (von denen dann nach der Auktion überhaupt nur noch vier über genügend Finanzmittel verfügten, um das UMTS-Netz aufzubauen) gegenseitig auf 50 Milliarden Euro hoch. Diese Frequenzen werden bei der kommenden Auktion ebenfalls neu vergeben. Es ist aber nicht zu erwarten, dass sich das Wettbieten von damals wiederholt. Zum einen sind nach der Fusion von Telefónica/o2 und E-Plus nur noch drei Netzbetreiber verblieben. Zum anderen ist 3G/UMTS bei allen Netzbetreibern inzwischen ein Auslaufmodell, in das nur noch wenig investiert wird. Entsprechend wird kein Netzbetreiber bereit sein, hohe Beträge für die reine Verlängerung der UMTS-Nutzung zu bezahlen.

Theoretisch ist zwar denkbar, dass ein einzelner Netzbetreiber bei der Auktion im 2,0-GHz-Bereich angreift, um 20 MHz (gepaart) zusätzlich zu den jeweils 10 bis 15 MHz zu ersteigern, die für den 3G-Weiterbetrieb pro Netzbetreiber nötig sind. Dieser Netzbetreiber würde dann zum Beispiel 35 MHz erwerben, die anderen beiden jeweils 15 bzw. 10 MHz. Würde der Netzbetreiber, der die 20 MHz zusätzlich kauft, diesen Vorteil mit 3 Milliarden Euro bewerten, könnte das den Preis für die 60 MHz gesamte Bandbreite bei 2,0 GHz auf bis zu 9 Milliarden Euro (3 x 3 Milliarden Euro) treiben. Doch dürfte zusätzlicher Netzausbau mit neuen Antennen auf den bestehenden Frequenzen deutlich günstiger sein als der genannte 3-Milliarden-Coup. Und das limitiert dann wiederum den zu erwartenden Erlös im 2-GHz-Bereich. Dass einige der im 2-GHz-Bereich zu versteigernden Bänder zudem erst 2025 den Besitzer wechseln werden, wenn die 5G-Netze bereits jahrelang in Betrieb sein werden, wird sich sicherlich ebenfalls nicht sonderlich preistreibend auswirken.

Milliarden-Poker

"Billig" wird die kommende Auktion dennoch nicht werden. Ersteigerungserlöse im Bereich von 4 bis 5 Milliarden Euro, wie auf den letzten beiden großen Frequenzauktionen, sind durchaus möglich. Schon das würde den Netzbetreibern genügend Geld kosten. Hoffen wir zum Vorteil aller Mobilfunkkunden, dass es nicht noch deutlich teurer werden wird.

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