In der Gemeinde der freien Enzyklopädie
Wikipedia
brodelt es. Der Streit um die Löschung von Einträgen droht zu
eskalieren. Etliche Kritiker haben inzwischen einen ungewöhnlichen
und kreativen Weg gefunden, ihrem Ärger Luft zu machen. Seit
gestern überfluten sie die Spendenliste des Vereins
Wikimedia, der
das Online-Lexikon fördert, fast im Minutentakt mit Kleinstspenden
und gepfefferten Kommentaren. "Dies war einmal eine 100-Euro-Spende.
Leider wurden 99 Euro davon mangels Relevanz gelöscht!", kommentierte zum
Beispiel Michael seine Spende von einem Euro. Auch Thomas machte mit
einer Ein-Euro-Spende seinem Ärger Luft: "Mir egal, welchen Artikel
ihr dafür löscht."
Der heftige Streit unter den ehrenamtlichen Mitarbeitern und den
Nutzern der freien Enzyklopädie begann vor rund sechs Wochen. Er
entzündete sich an der Löschung eines Eintrags zum Verein
MOGIS,
einer Vereinigung der "Missbrauchsopfer gegen Internetsperren". Der
Eintrag erfülle nicht die Relevanzkriterien, hieß es. Nutzer und
Administratoren hatten sich an einer umstrittenen Vereinsstruktur und
der nicht näher nachweisbaren Mitgliederzahl gestoßen.
Wikipedia: Maßgeblich sind die "Relevanzkriterien"

Löschvorgänge gebe es seit Bestehen der Wikipedia, erklärte Pavel
Richter, Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland. Die auch heute
angewendeten "Relevanzkriterien" seien das Produkt einer jahrelangen
Diskussion. An der könne sich jeder Interessierte beteiligen, er
müsse nicht einmal als Nutzer angemeldet sein. In der Regel sind die
Fälle offensichtlich, wenn es zum Beispiel um Urheberrechts- oder
Persönlichkeitsverletzungen gehe oder um ganz offensichtliche
Unsinns-Einträge. Am Ende einer siebentägigen Diskussion bei
Relevanzfragen entscheidet dann schließlich ein Administrator über
die Qualität der Argumente.
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Erfüllt ein Eintrag über das "Bratkartoffelverhältnis" die
gemeinschaftlich erstellten Relevanzkriterien? Oder ist es Motorolas neues Smartphone Milestone wert, aktuell in Wikipedia mit einem
eigenen Eintrag aufgenommen zu werden? "Gänzlich irrelevantes 08/15-Konsumgut", meint dazu zum Beispiel der Nutzer mit dem Namen
"Weissbier" in der aktuellen Diskussion und plädiert für "Löschen".
Bei allen Diskussionen geht es im Kern generell um die Frage, ob
unter Wikipedia Einträge aufgenommen werden sollen, die keine
allgemeingültige Bedeutung haben.
In der aktuellen Diskussion sei aber die gewachsene öffentliche
Aufmerksamkeit neu, die es vorher in diesem Maß nicht gegeben habe,
sagt Richter. Die Wikimedia Deutschland fühlt sich allerdings etwas
zu Unrecht von der Protest-Spendenwelle überrollt und erklärt sich
selbst als neutrale Instanz. "Wikimedia Deutschland ist nicht
Betreiber der Wikipedia, wir haben keinen inhaltlichen, technischen
oder redaktionellen Einfluss auf das Projekt", heißt es in einem
Blog-Eintrag. "Wir sind zwar insofern Ansprechpartner, als wir die
Diskussionsbeiträge kanalisieren können", sagt Richter. Das sei auch
die Aufgabe des gemeinnützigen Vereins. "Die Relevanzkriterien ändern
können wir allerdings nicht."
Spendeliste fungiert als Protestmedium

Vor einem Jahr war die Spendenliste des Vereins schon einmal Forum
einer öffentlichen Debatte gewesen: Im November 2008 protestierten
Unterstützer der Wikipedia mit ihren Spendenkommentaren gegen den
damaligen Linken-Bundestagsabgeordneten Lutz Heilmann, der zuvor den
Zugang zur Internetseite "wikipedia.de" durch einen Gerichtsbeschluss
hatte sperren lassen. Der frühere Stasi-Mitarbeiter wollte mit dem Gerichtsbeschluss Aussagen zu seinem beruflichen und politischen
Werdegang untersagen lassen. Nach Änderungen des Wikipedia-Artikels
erklärte Heilmann die juristische Auseinandersetzung für beendet.
Die Wikimedia Deutschland hat auf die jüngste Aktion inzwischen
reagiert und musste aus der Flut der Protestspenden einige Einträge
löschen. "Leider hat sich gezeigt, dass immer wieder mit Fake-Einträgen (z.B. durch falsche Bankdaten) 'gespendet' wird. Zweitens
kommt es auch immer wieder vor, dass solche Lastschriften
zurückgegeben werden; dies ist nicht nur ärgerlich, sondern kostet
auch viel (Spenden-)Geld", heißt es in einer Stellungnahme. Richter
ist allerdings vom guten Willen der Kritiker überzeugt. "Ich gehe
nicht davon aus, dass die Nutzer mit ihren Kommentaren massenhaft
Schaden erzeugen wollen", sagt Richter. "Letztlich wollen wir alle
gemeinsam eine gute Wikipedia."
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