Nachwuchsmangel

Problem: Wikipedia verliert seit fünf Jahren kontinuierlich Autoren

Sind Lösch-Administratoren, Männerüberschuss und Eitelkeiten schuld?
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Die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia gehört mit zu den be­kanntesten und am meisten auf­ge­rufenen Web­seiten der Welt. Die Idee eines von unzähligen Autoren zu­sammen­ge­tragenen Lexikons hat die Netz­gemeinde noch vor fünf Jahren elektri­siert. Doch seit einigen Jahren laufen dem Projekt die Autoren davon - die Macher suchen hände­ringend nach Antworten. Aus einer von der Wikipedia selbst veröffentlichten Infografik geht hervor, dass die Online-Enzyklopädie im Jahr 2007 die höchste Zahl an Autoren für eine Mitarbeit be­geistern konnte.

Wikipedia verliert seit fünf Jahren kontinuierlich AutorenWikipedia verliert seit fünf Jahren kontinuierlich Autoren Von nur 20 000 Autoren im Jahr 2005 stieg die Zahl auf 60 000 im Jahr 2006 und schnellte 2007 auf 85 000. Bei allen diesen Zahlen sind Benutzer erfasst, die monat­lich mindestens an fünf Artikeln gearbeitet haben. Seither sinken die Autoren­zahlen aber kon­tinuier­lich, 2012 waren es nur noch 75 000. Wikipedia spricht selbst von einem "Autoren­schwund" und geht auf Ur­sachen­for­schung. Interessant ist allerdings die Tatsache, dass die Produk­tivität der aktiven Autoren deut­lich zu­ge­nommen hat. 2011 und 2012 wurden weltweit im Schnitt über 9 000 neue Artikel pro Tag ver­öffent­licht. Wie viele davon dauer­haft Bestand hatten oder den mitunter recht strengen Rele­vanz­kriterien zum Opfer gefallen sind, teilt die Enzyklopädie nicht mit.

Die Suche nach den Ursachen: Zu strenge Relevanzkriterien?

Eine aktuelle Studie der Universität Minnesota will herausgefunden haben, dass die Einführung neuer Regeln am massiven Autorenschwund schuld sein soll. Die restriktiven "Mechanismen zur Qualitätskontrolle" und bestimmte Algorithmen zur Prüfung neuer Lexikon-Einträge hätten dafür gesorgt, dass neue Autoren nicht mehr so lange dabei bleiben. Gerade für Wikipedia-Anfänger sei es besonders abschreckend, wenn ihre Beiträge kurz nach dem Erstellen wieder gelöscht würden. Viele (ehemalige) Autoren beklagen eine Art "Oligarchie" der Wikipedia-Moderatoren, die mit Hinweis auf "fehlende Relevanz" in selbstherrlicher Weise auch gute Artikel und Verbesserungen löschen würden, wenn sie nicht ihrem eigenen Weltbild entsprächen. Infografik zum Autorenschwund (Ausschnitt)Infografik zum Autorenschwund (Ausschnitt)

Die Wikipedia thematisiert das Thema selbst ganz offen und nimmt mögliche Lösungen in Angriff. Anlässlich der zurückliegenden Spendenkampagne schrieb Pavel Richter, Vorstand des Wikimedia Deutschland e.V.: "[..] zu tun gibt es viel. [..] Es beteiligen sich immer weniger Freiwillige. Stellen Sie sich vor, was das auf lange Sicht bedeuten könnte. Der Autorenschwund ist eine der größten Bedrohungen für Wikipedia. Deshalb werden wir uns im kommenden Jahr auf die Gewinnung neuer Autoren konzentrieren. Wir planen dazu vielfältige Projekte beispielsweise zur Aufklärung und Hilfestellung für neue Autoren."

Auch die mitunter mangelhafte Qualität einzelner Artikel ist nach wie vor ein Thema, das Wikipedia als seriöse Quelle - beispielsweise in der Wissenschaft - in Frage stellen kann. Richter schreibt dazu: "Im kommenden Jahr [gemeint ist das aktuelle Jahr 2013, Anm. d. Red.] planen wir wichtige Programme zur Verbesserung der Qualität der Inhalte und zur generellen Verbreitung der Prinzips Freien Wissens in Deutschland. Im Rahmen der Weiterentwicklung der Software entwickeln wir die Zukunft Wikipedias." Vor allem der für Einsteiger recht unübersichtliche und schwierig zu bedienende Artikel-Editor ist seit Jahren Gegenstand der Diskussion.

Der umfangreiche Artikel Kritik an Wikipedia listet weitere Probleme auf, unter denen die Enzyklopädie momentan leidet. Gerade bei historischen Artikeln herrsche ein "sehr traditionelles, männlich geprägtes Geschichtsbild" vor, seit Jahren seien Frauen im Kreis der Wikipedia-Autoren unterrepräsentiert. Neben dem Vandalismus (der bewussten Verunstaltung von Artikeln) wird der Einfluss von Lobbygruppen kritisiert. Zuweilen wurde der Enzyklopädie auch vorgeworfen, dass ein Großteil der Autoren eher einen linksliberalen Hintergrund habe, während kaum traditionelle konservative Werte vertreten seien. Es bleibt abzuwarten, ob technische Vereinfachungen beim Artikel-Editor und das Mentorenprogramm für neue Autoren der Enzyklopädie wieder einen zweiten Frühling bescheren können.

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