Verleger-Weltverband warnt vor der Tablet-Euphorie
06.10.2010 11:05
Für Nachrichtenmedien könnte Konzentration auf Tablets zur Sackgasse werden
Seit Einführung von Apples iPad
im Frühjahr sind sich viele Verlage sicher: Die Zukunft der Zeitung
liegt auf den mobilem Tablet-Computern. Schrumpfende Einnahmen durch weniger
verkaufte Ausgaben sollen mit den flachen Multimedia-Geräten
auffangen werden. Erst im April sagte Axel Spinger-Vorstandschef
Matthias Döpfner: "Ich glaube, das iPad bietet genau das, worauf wir
alle gewartet haben." Nun warnt der Weltverband der Zeitungen und
Nachrichtenmedien WAN-IFRA hingegen vor zu viel Euphorie.
Zeitungsverleger würden sich seit Einführung von Apples iPad
allein auf Tablets konzentrieren. "Das ist aber ein Fehler, denn es
gibt auch noch andere Angebote", sagt Kristina Sabelström Möller von
 Samsung Galaxy Tab
der Meinungsforschungsabteilung des WAN-IFRA. "Die Verbraucher kaufen
nach wie vor auch E-Reader wie das Amazon Kindle. Das wird auch in
Zukunft so bleiben." Zudem sei die Nachfrage nach Apps mit nachrichtlichen Angeboten für
Tablets recht gering. Einer Studie zufolge würden bis zu 90 Prozent
der Nutzer vor allem Spiele auf ihr iPad laden. "Nur bis zu vier
Prozent der Downloads sind "News"-Anwendungen, um Zeitungen oder
Magazine zu lesen", betont Sabelström Möller. Dagegen würden
E-Reader-Nutzer ihre Geräte fast ausschließlich zum Lesen nutzen. "Und
davon sind 95 Prozent kostenpflichtige Inhalte."
Nicht alles, was in der Zeitung steht muss aufs Tablet
Zeitungsverlage müssten sich vor allem als Nachrichtenmarken
etablieren, sagt der Analyst der Marktforschungsfirma
Forrester Research, Nick Thomas. Dafür sei eine Auswahl der Inhalte wichtig:
"Nicht alles was in der Zeitung steht, ist auch für Tablets wichtig.
Wenn die Auswahl kleiner wird, muss dafür die Relevanz steigen".
Thomas nennt dies "Curated Content" - kuratierte Inhalte. Dagegen sei
die Zahlungsmoral der Leser noch verhalten. Einer Forrester-Umfrage
zufolge seien Tablet-Nutzer bereit, jährlich nur rund 50 Dollar für
ein Abo zu bezahlen. Besser sehe es dagegen bei Zeitschriften aus.
Gewinn-Chancen im noch jungen Tablet-Markt rechnen sich indes
Software-Unternehmen aus, die die Zeitungsinhalte der Verlage Tablet-kompatibel machen wollen. Dabei sind der Fantasie der Medienmacher
keine Grenzen gesetzt. "Es lässt sich alles integrieren: Text,
Bilder, Film, Audio", schwärmt etwa der Chef des niederländischen
Software-Entwicklers Woodwing, Hans Janssen. Eine große Rolle
spielten vor allem gutes Design und eine stimmige Navigation. "Unsere
Aufgabe ist es, dafür die Rahmenbedingungen zu schaffen." Probleme
bereiteten aber die verschiedenen Formate der Tablets. Denn längst
hat das iPad Konkurrenz bekommen, etwa das WeTab aus Deutschland oder
das Samsungs Galaxy Tab. Zudem erschwerten andere Betriebssysteme wie
Microsoft Windows oder Android von Google einheitliche Standards in
der Programmierung.
Verleger bräuchten vor allem eine Methode, um ihre Zeitungen in
ein multimediales Angebot zu gießen, sagt der Geschäftsleiter des
deutschen Software-Entwicklers OneVision, Andreas Besser. "Rein fürs
Tablet digitalisierte Ausgaben mit "bewegten Bildern" machen wenig
Sinn, darin liegt kein Mehrwert." Zudem stellten dann auch die enorme
Datenmenge beim Herunterladen ein Problem dar. "Interessant wird es
erst, wenn die Möglichkeiten der Tablets wie E-Mail, Internet oder die
Einbindung von Sozialen Netzwerke genutzt werden," sagt Besser. Das
auch umzusetzen, sei indes Aufgabe der Verlage.
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