Debatte

Telekom: Glasfaserausbau würde bis in die 2030er dauern

Die Telekom beharrt - trotz wachsender Kritik - darauf, mit Vectoring erst einmal die beste Technik für den Breitbandausbau zu haben. Dem hält ein hessischer Bürgermeister entgegen, in seinem Ort würden nicht einmal VoIP oder Internet-Fernsehen gehen.
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Telekom: Glasfaserausbau würde bis in die 2030er dauernTelekom: Glasfaserausbau würde bis in die 2030er dauern Momentan wird an allen Fronten über den Breitbandausbau in Deutschland diskutiert und gestritten - dabei geht es nicht nur um Finanzierung und Rentabilität, sondern immer wieder auch um die "richtige" Technik.

Das Portal Xing hat heute in der Reihe "Klartext" die Gastbeiträge einiger Marktakteure veröffentlicht, die einen Einblick in den aktuellen Diskussionsstand geben. Ein Zankapfel ist und bleibt das starre Festhalten der Telekom an der Vectoring-Technik - auch auf der CeBIT hat die Telekom diese Haltung erneut bekräftigt.

Telekom: Vectoring ist noch nicht ausgereizt

Für die Telekom äußert sich Pressesprecher Philipp Blank zum Thema. Die Telekom habe "maßgeblichen Einfluss darauf, wie Deutschland beim Breitbandausbau vorankommt." 80 Prozent aller Haushalte würden vom Ausbau profitieren. Die Telekom könne insgesamt knapp 80 Prozent aller Haushalte über das Festnetz mit bis zu 100 Megabit pro Sekunde versorgen. Vergleichbare Ausbauzusagen der Wettbewerber würden derzeit nicht vorliegen. Niemand hindere die Wettbewerber daran, verstärkt in den Glasfaser-Ausbau bis in die Haushalte zu investieren. Der Ausbau sei parallel möglich und technisch von Vectoring völlig unabhängig.

Mit der jetzigen Vectoring-Technik sei aber noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht: Die Vectoring-Technik würde weiteres "Entwicklungspotenzial" bieten. So ließen sich über Super-Vectoring Bandbreiten von bis zu 250 Megabit pro Sekunde erreichen - hier spricht Blank allerdings vom technischen Idealfall. Es wäre laut Blank "nicht nachhaltig", das Potenzial bestehender Infrastruktur nicht maximal auszureizen, bevor man sie vollständig ersetzt. Damit ist die klassische Kupferleitung gemeint.

Sollte es in Zukunft tatsächlich eine stärkere Nachfrage nach dem Glasfaseranschluss bis in die Wohnung geben, kann laut dem Telekom-Sprecher "die restliche Kupferstrecke dann immer noch ausgetauscht werden". Es sollte nur "der erste vor dem zweiten Schritt" gemacht werden. Das sei ökonomisch vernünftig und realistisch.

Der vollständige Glasfaserausbau würde "weit bis in die 2030er-Jahre dauern". Was den Vorwurf der Re-Monopolisierung betrifft: Dieser sei "Unsinn". Im Nahbereich gehe es nur "um 1,5 Prozent der Anschlüsse, die Wettbewerber bei der Telekom angemietet haben." "Wem die bessere Breitbandversorgung der Menschen also wirklich am Herzen liegt, sollte nicht auf falsche Propheten hören", beschließt Blank sein Statement.

Grävenwiesbach: VoIP oder Internet-Fernsehen sind nicht möglich

Roland Seel, Bürgermeister der Gemeinde Grävenwiesbach im Hochtaunuskreis, beklagt, die räumliche Lage seines Ortes sei "für die Großunternehmen der Glasfaserindustrie nicht interessant." Die meisten Unternehmen am Ort surften noch mit 6 MBit/s durch das Netz, anspruchsvolle Anwendungen wie VoIP oder Internet-Fernsehen seien gar nicht erst möglich. Seit 2014 habe der Ort zwei Funkanbieter, deren Angebote Downloadgeschwindigkeiten von über 30 MBit/s ermöglichen würden.

Durch die Angebote dieser zwei Unternehmen würde der Ort laut EU-Breitbandrichtlinie "als schwarzer Fleck" gelten - und sei damit "ausgegrenzt von Bundes- und EU-Fördermitteln." Ohne die beiden Funkanbieter hätte Grävenwiesbach ein Anrecht auf staatliche Investitionen. Den Einwohnern und Unternehmen sei das "kaum zu vermitteln." Die Bürger und Firmen würden stets verständnislos reagieren.

Wenn die Gemeinde Straßen aufreißen muss, um neue Abwasserrohre zu verlegen, würden "standardmäßig immer Leerrohre daneben verlegt" - um eines Tages Glasfaser durchziehen zu können. Die Gemeindeverwaltung habe sogar schon geprüft, die Investitionskosten selbst zu tragen und die Infrastruktur zu betreiben. Doch sie dürfe nach der hessischen Gemeindeordnung "nicht in die Funktion des Betreibers schlüpfen - wenn mindestens ein privater Anbieter vor Ort ist."

Glasfaser-Vertreter kritisieren Telekom und BNetzA

Dipl.-Ing. Jens Thaele, Consultant und Autor, führt aus, dass die Glasfaser der Vectoring-Technik "haushoch überlegen" sei. Deutschland habe gerade "die Ein-Prozent-Hürde übersprungen" - ein Prozent der Haushalte in Deutschland sei mittlerweile an ein Glasfasernetz angebunden. Damit sind Glasfaseranschlüsse bis direkt ins Haus des Kunden gemeint (FTTB/FTTH). Die Bundesrepublik sei damit weiter "Glasfaser-Entwicklungsland". Da die Telekom in etwa 98 Prozent der etwa 330 000 Kabelverzweiger die Mehrheit der Anschlüsse habe, bekäme sie beim Vectoring-Deal einen "exklusiven Kundenzugang" garantiert. Dies führe zu einer Re-Monopolisierung.

Die Vectoring-Technik in den Verteilerkästen müsse an heißen Tagen "noch zusätzlich gekühlt werden". Die Folge seien ein "hoher Energieverbrauch und hohe Fehleranfälligkeit durch Überhitzung." Die Glasfaser passe sich "perfekt dem künftigen Bandbreitenhunger einer digitalisierten Welt" an, habe aber den Nachteil der hohen Kosten für die Erstverlegung. Je nach topografischen Bedingungen könnten laut Thaele Kosten "zwischen etwa 1000 und 5000 Euro pro Haushalt" anfallen. Diese einmaligen Investitionen würde die Gesellschaft allerdings "bei Straßen-, Gas- und Wasseranschlüssen wie selbstverständlich akzeptieren."

Stephan Albers, Geschäftsführer des Bundesverbands Breitbandkommunikation (Breko) bezeichnet den Entscheidungsentwurf der Bundesnetzagentur zum Einsatz von VDSL2-Vectoring zum wiederholten Male als "fatales Signal für den Wettbewerb". Wenn er wirklich so verabschiedet werden würde, bliebe den verdrängten Netzbetreibern nur der Abbau der eigenen Technik - die Wettbewerber würden zum "infrastrukturlosen Vorleistungsempfänger der Telekom degradiert." Die Bundesnetzagentur dürfe sich nicht "auf eine politisch gewollte Entscheidung einlassen, die einen Ex-Monopolisten bevorzugt, der sich noch immer zu fast 32 Prozent in Staatshand befindet." Der Breko hatte daher schon vor einiger Zeit von der Bundesregierung gefordert, dass der Staat sich von den Anteilen an der Telekom trennen solle. "Sollte die Entscheidung der Bundesnetzagentur tatsächlich so fallen, wie es ihr Entwurf vorsieht, behalten sich unsere Mitgliedsunternehmen ausdrücklich den Klageweg bis hin zum Bundesverfassungsgericht vor", bekräftigt Albers nochmals.

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