Vectoring

Wettbewerber: Telekom-VDSL-Pläne bremsen Internet-Ausbau

Telekom will neues Monopol, Alternativanbieter laufen Sturm
Aus Berlin berichtet
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Moderator Frank Backasch (rechts) mit Ralf Kleint, Dr. Iris Henseler-Unger und Dido Blankenburg (von links).Moderator Frank Backasch (rechts) mit Ralf Kleint, Dr. Iris Henseler-Unger und Dido Blankenburg (von links). Selten hat man die Vertreter der Telekom, der Wettbewerber und Branchenverbände so emotional diskutieren sehen, bei bei der Jahrestagung des Branchenverbandes Breko in Berlin. Auf der Agenda stand das Thema VDSL Vectoring. Die Telekom will ihren Kunden schnelleres Internet anbieten, die Mitbewerber vermuten dahinter jedoch Remonopolisierungsstrategien, sehen sich blockiert und eine Investitionsbremse. Worte wie "Bullshit", "Lüge" und "Dummheit" waren zu hören in einer eigentlich sachlich gehaltenen Diskussionsrunde zwischen einem Vertreter der Deutschen Telekom, Branchenverbänden, Bundesnetzagentur und Wettbewerbern.

"Wir wollen in den kommenden Jahren fünf bis sechs Milliarden Euro ins deutsche Festnetz investieren, so Dr. Dido Blankenburg, Leiter Zentrum Wholesale der Telekom. Dieses Geld solle für den VDSL-Ausbau zur Verfügung stehen. Das Teure bei diesem Ausbau ist das Verlegen der Glasfaserleitungen zu den Kabelverzweigern, den grauen Kästen am Straßenrand, an denen ab und an Telekom-Techniker zu sehen sind. Hier werden dann die VDSL-Ports bereitgestellt. Das Problem beim geplanten VDSL-Vectoring-Ausbau: Auf der einen Seite bringt es den Kunden 100 MBit/s im Downstream, auf der anderen Seite wird jedoch der Wettbewerb ausgeschaltet. Denn Vectoring lässt sich aus technischen, aber auch wirtschaftlichen Gründen nur für einen Anbieter pro Kabelverzweiger einsetzen. Dieses Recht proklamiert die Telekom für sich - und zwar flächendeckend.

Telekom will keine Regulierung für ausgebautes Netz

Natürlich werde es für die Mitbewerber Wholesale-Modelle geben, so dass diese auf die Leitungen der Telekom zugreifen und ihren Kunden anbieten können, so Blankenburg. Das jedoch ist nicht die Intention der Mitbewerber, die vor allem im ländlichen Bereich schon heute Kabelverzweiger erschlossen haben und auch künftig erschließen wollen. Sie wollen in eigene Leitungen investieren, eigene Technik aufbauen und ihren Kunden anbieten - auch dort, wo die Telekom nicht einmal daran denkt, Vectoring anzubieten.

Um die eigene Investition im Milliardenbereich zu schützen fordert die Telekom stabile Entgelte für die Teilnehmeranschlussleitung, das Vorleistungsprodukt für die Mitbewerber. Ferner sollen Glasfasernetze aus der Regulierung genommen werden - und da VDSL als Fibre to the Curb (FTTC) ein solches Produkt sei, sollen diese "Regulierungsferien" aus ihrer Sicht auch für die VDSL-Vorleistungen gelten, die sie den Mitbewerbern freiwillig anbieten werde, um das Netz auszulasten.

"Das höre ich heute das erste mal", reagierte ein sichtlich pikierter Ralf Kleint, der als Präsident des Breko auf dem Podium saß, jedoch auch als Geschäftsführer von htp in Hannover tätig ist. Er warnte eindringlich davor, "für eine bestimmte Technologie die Regulierung aufzugeben". Heute rede man hier über Vectoring und 100 MBit/s, in zwei bis Jahren gebe es dann möglicherweise Weiterentwicklungen und die Wettbewerber hätten keinen Anspruch und keine Möglichkeit, selbst zu investieren und auf die Telekom-Leitungen zuzugreifen, wenn die Telekom mit ihrem Wünschen durchkäme.

Wettbewerber sind für Vectoring - wenn sie selber bauen dürfen

Aus Sicht der Wettbewerber wäre ein "Windhundrennen" um die Kabelverzweiger in Bezug auf Vectoring sinnvoll. Der Netzbetreiber, der zuerst an einem Kabelverzweiger sein Glasfaser liegen hat, dürfe dort Vectoring einbauen und anbieten - und zwar auch seinen Mitbewerbern. Das hätte auch Sicht von Kleint auch den positiven Nebeneffekt der Qualitätssteigerung, "da wir gegenseitig aufeinander angewiesen wären". Bei diesem Szenario muss nur vermieden werden, dass "volkswirtschaftlicher Unsinn geschieht", wie Dr. Thomas Plückebaum, Senior Consultant beim WIK (Wissenschaftliches Institut für Infrastruktur und Kommunikationsdienste) sagte. Es muss also sichergestellt werden, dass nicht zwei Netzbetreiber aus zwei Richtungen versuchen, zuerst an einem Kabelverzweiger zu sein und das zweite Kabel dann sinnlos in der Erde liegt, weil der Netzbetreiber wenige Tage zu spät war.

Überhaupt sollte sich die Branche fragen, um was sie eigentlich streitet. Aktuell, so gab der Breko den Zuhörern mit auf den Weg, gibt es an ganzen 0,2 Prozent der mit VDSL versorgten Kabelverzweigern einen Überbau. Das bedeutet, dass hier nicht nur ein Netzbetreiber, sondern zwei Anbieter VDSL an einem Verzweiger installiert haben. Nur diese Kästen - bei offiziell versorgten 48 111 von der Telekom und den Mitbewerbern versorgten Kvz wären es rechnerisch 96 Stück - kommt es derzeit zu dem Problem, um das es eigentlich geht. Und auch für das könnte es künftig mit Node-Level-Vectoring eine Lösung geben.

Bundesnetzagentur fordert zu schneller Einigung auf

Dr. Iris Henseler-Unger, Vizepräsidentin der Bundesnetzagentur, gab sich in der Diskussionsrunde bedeckt. Die Bundesnetzagentur habe noch jede Menge Fragen an die beteiligten Unternehmen - auch technischer Natur. Sie könne sich nicht vorstellen, dass man den Bestandsschutz in Frage stelle. Für ihren Aufruf an die Wettbewerber, möglichst schnell eigene Infrastruktur aufzubauen, um diesen Bestandsschutz zu erlagen, erntete sie jedoch Unverständnis. Die Wettbewerber argumentieren, dass sie keine Investitionen mehr tätigen können, weil in der aktuell unklaren Lage kein Investor Geld bereitstellen würde, um weitere Infrastrukturausbauten zu tätigen. Auch Jürgen Grützner vom VATM kritisierte, dass "Investitionen kaputt gemacht werden, für ein Problem, das es nicht gibt". Die jetzt seit mehreren Wochen schwelende Diskussion habe den Ausbau in Deutschland schon weit zurückgeworfen, sagten die Wettbewerber. Henseler-Unger wies beide Seiten darauf hin, dass die Kabelanbieter weiter ausbauen und immer größer werden, solange sich Wettbewerber und Telekom nicht einigen können.

Die Wettbewerber wiederum argumentieren, die Telekom könne sich keinen Zwei-Fronten-Krieg leisten und gleichzeitig gegen die Kabelanbieter in den Städten und die Regional-Carrier auf dem Land vorgehen. Deswegen soll aus ihrer Sicht nach dem Highlander-Prinzip ("Es kann nur einen geben") der Ausbau in ganz Deutschland auf Eis gelegt werden.

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