Digital Radio

Untersuchung: Mobiles Internet ist kein Ersatz für UKW

IP-Techniken eignen sich als Ergänzung für das terrestrische Angebot
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Screenshot TuneInSmartphone App TuneIn Könnte mobiles Internet im Falle einer Abschaltung des analogen Hörfunks via UKW einen ausreichenden Ersatz bieten? Das schwedische Forschungs­institut A-Focus sagt "Nein". Hintergrund ist eine Studie im Auftrag des Tele­kommunika­tionsan­bieters Teracom, die auch in Deutschland von Interesse ist und unter anderem vom Verband Privater Rundfunk und Telekommu­nikation (VPRT) aufge­griffen wurde. Das Szenario geht dabei davon aus, dass das analoge Radio im Jahr 2022 abgeschaltet wird, ohne dass es durch ein digitales Angebot wie DAB+ ersetzt wird. Lediglich IP-basierte Dienste sollen die mobile Radiover­sorgung gewährleisten.

Ungeheure Kostenexplosion

Hauptgrund für ein Scheitern der Umstellung auf die Übertragung über das mobile Internet seien die benötigten Übertragungs­kapazitäten, so die Studie. Schon heute würden die notwendigen Datenüber­tragungen die Gesamtgröße aller ein- und ausgehenden Daten der vier schwedischen Mobilfunkbetreiber im Jahr 2012 übersteigen. Hinzu kämen extreme Kosten, denn die Übertragung über mobile Netze würde jährlich mit rund 860 Millionen Euro zu Buche schlagen. Die Kosten für die terrestrische Übertragung liege hingegen nur bei rund 10 bis 20 Millionen Euro pro Jahr. Mit anderen Worten: Eine Hörfunk­übertragung über mobiles Internet wäre 40 bis 80 mal so teuer wie heute eine terrestrische Radiover­sorgung über UKW. Der Rückschluss lautet, dass die Zukunft des Radios nicht ausschließlich im Internet liegen kann. Ein Nachfolge­standard von LTE, der mit Sicherheit im Jahr 2022 bereit steht, würde zwar prinzipiell mehr Kapazitäten bereit stellen, aber nicht zu einer Kostensenkung führen, falls Radio nur noch über Mobilfunknetze verbreitet würde. Mit dem Digitalstandard DAB+ würden sich dagegen Kosten im Vergleich zur heutigen UKW-Verbreitung einsparen lassen, falls UKW irgendwann abgeschaltet wird.

Drittes Argument der Forscher sei der Zugang. Über das mobile Internet könnten die vom Parlament für den schwedischen Rundfunk geforderten 99,8 Prozent der Haushalte nicht erreicht werden, so die Forscher. Derzeit lebten etwa 1,2 Millionen Schweden gänzlich ohne Internet, und nur rund die Hälfte, die ein Smartphone besitzen, nutzten dieses auch um damit ins Internet zu gehen. Infolge dessen müssten zahlreiche Radiohörer regelmäßige Kosten auf sich nehmen, um einen Dienst zu nutzen, der bisher kostenfrei ist. Auch dieses Szenario lässt sich fast 1:1 auf den deutschen Markt übertragen. Vor allem in ländlichen Regionen sind Mobilfunknetze nicht ausreichend ausgebaut. Um einen flächendeckenden Radioempfang über Mobilfunk zu gewährleisten, müssten die Netzbetreiber prinzipiell in jedem unbewohnten Waldstück Basis­stationen aufbauen. Ein solches Szenario ist nahezu ausgeschlossen.

Hybride Modelle wären ideal

Ein ideales Modell für die Zukunft des Radios wäre wohl eine hybride Technik und intelligente Empfangsgeräte, die das gewünschte Radioprogramm nach dem jeweils besten verfügbaren Verbreitungsweg selbst auswählen. Ein Autoradio würde beim Hörfunk­programm SWR3 etwa heute in Mainz DAB+ auswählen, in Idar-Oberstein, wo das DAB-Signal noch nicht verfügbar ist, würde die Verbreitung über UKW ausgewählt, in Hamburg würde das Radio dagegen nach einer Mobilfunkverbindung, etwa LTE, fragen. Mit einem solchen Modell wäre gewährleistet, dass die Radionutzung auch in Zukunft primär über Rundfunknetze stattfände. Wünscht es der Kunde, machen die Radiowellen aber nicht mehr wie bisher an der Empfangs­grenze des terrestrischen Bereichs halt. Außerdem könnten Sender, die nur im Internet verbreitet würden, auch problemlos mobil empfangen werden. Ein solches Hybrid-Modell ist seit längerem beim Institut für Rundfunk­technik (IRT) in Planung, beziehungsweise als Prototyp bereits verfügbar. Alles in allem können IP-Techniken aber nur eine Ergänzung, aber kein Ersatz für UKW oder künftig DAB+ darstellen.

Sendernetzausbau und Programmänderungen in Hessen und Bayern

Unterdessen soll das Digitalradio-Sendernetz in Hessen ausgebaut werden, wie der "Meinungs­barometer Digitaler Rundfunk" berichtet. So wolle Jörg-Peter Jost, Leiter Zentral­technik beim Hessischen Rundfunk (hr), im Jahr 2014 den Gremien des öffentlich-rechtlichen Senders vorschlagen, den Odenwald und Teile Südhessens besser mit Digitalradio zu versorgen. Ermöglicht würde dies über den Sender Hardberg. Auch der Hohe Meißner im Norden Hessens könnte bereits 2014 Digital­radio-tauglich gemacht werden, heißt es.

Für Anfang 2014 sei nach Aussagen der Geschäftsführerin der Hessen Digital Radio GmbH, Sandra Bischoff, die ursprünglich bereits für Ende 2013 vorgesehene Inbetriebnahme des Senders Mainz-Kastel beim Privatradio-Multiplex geplant, wobei sich dann neben einer Verbesserung der Versorgung in und um Wiesbaden die Gesamt­versorgung auf zukünftig 4,66 Millionen Einwohner (3,86 Millionen in Hessen) in Rhein-Main erhöht. Bereits die Schublade verlassen habe auch der Plan, einen weiteren Digital­radio-Netzausbau im dritten Quartal 2014 zu starten.

In Bayern will die Stimme Russlands Programme in deutscher Sprache über DAB+ ausstrahlen und zu diesem Zweck mit dem Sender Megaradio Bayern kooperieren. Wie der Sprecher der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM), Dr. Wolfgang Flieger, gegenüber teltarif.de bestätigte, wolle Megaradio 15 Stunden seines täglichen Radio­programms an den russischen Auslands­rundfunk untervermieten. Der BLM-Hörfunk­ausschuss könne sich mit dem Antrag von Megaradio aber erst beschäftigen, sobald der Medienanstalt ein Vertrag des Deals vorliege. Dies sei bisher nicht geschehen. Megaradio will unterdessen seinen Ableger "Mega 80s" Anfang 2014 in den Bereichen Augsburg und Ingolstadt auf Sendung bringen. Hierfür sei der entsprechende Lizenz-Bescheid der BLM jedoch noch nicht an den Sender herausgegangen, da noch technische Details - es geht um die Datenrate - geklärt werden sollen.

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