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Editorial: iHaveLived

Nachruf auf Steve Jobs
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Steve JobsSteve Jobs Sehr geehrter Steve Jobs,

die Welt im allgemeinen und die IT-Welt im besonderen trauert ob Ihres viel zu frühen Ablebens. Und in zahllosen Nachrufen werden Sie zu recht als Gründervater Apples und großer Innovator gelobt.

Eins waren Sie aber noch mehr als Innovator: Sie waren ein sehr großer Kommunikator, wahrscheinlich sogar der beste der IT-Branche. Und so schafften Sie es perfekt, auch nicht-IT-ler von den Vorzügen Ihrer Produkte zu überzeugen: Etwa Graphiker für die eines Mac, oder Kaufmänner für die eines iPhone.

Anders als für die Benchmark-verliebte IT-Branche waren Megahertz, Megabyte, Megapixel oder Megabit pro Sekunde für Sie nicht Selbstzweck, sondern lediglich Mittel zum Zweck für die eigentlichen Aufgaben eines Geräts, ob nun die Bearbeitung von Photos und Videos oder das mobile Surfen im Internet. Das Original-iPhone hatte noch nicht einmal UMTS, damals bereits Standard außer im Smartphone-Einstiegssegment, und mit knapp 2 Megapixel auch nur eine vergleichsweise gering auflösende Kamera.

Aber das Original-iPhone hatte auch einen für damalige Verhältnisse riesigen und sehr einfach antippbaren (da kapazitiv arbeitenden) Touchscreen. Hinzu kam eine Betriebssystem-Oberfläche, mit der sich dank einfacher Gesten (Scrollen, Zoomen) auch in Inhalten, die eigentlich viel zu groß für das Display waren, intuitiv Navigieren ließ. Und schließlich hatte das original-iPhone Sie, die Sie der Welt erklärten, dass es nicht auf die vorgenannten "Mega"-Größen ankäme, sondern auf den Touchscreen und die Gestenerkennung.

Sie haben Recht behalten. Vor dem iPhone waren Touchscreens in der Minderheit, und auf Fingerbedienung (statt auf Stiftbedienung) optimierte Touchscreens waren eine kleine Minderheit innerhalb dieser Minderheit, mit einem Gesamtmarktanteil im sehr niedrigen einstelligen Prozentbereich, wenn nicht gar im Promillebereich. In den nicht einmal vier Jahren seit der Auslieferung des ersten iPhones hat sich der Markt komplett gedreht: Mindestens 80 Prozent aller verkauften Smartphones haben einen großen Touchscreen, Fingerbedienung und Gestenerkennung.

Kommunikativ zu gut?

Es mag sein, dass andere vor Ihnen die genannten Technologien (kapazitiver Touchscreen) und Methoden (Gestenerkennung) erfunden hatten. Sie aber haben es geschafft, der Welt zu kommunizieren, dass diese für Smartphones (und Tablets) wichtig sind, und das weit über Apple und ihre eigenen Produkte hinaus.

Ihre große Fähigkeit, Menschen zu überzeugen, ist aber zugleich die Basis der härtesten Kritik an Ihnen gewesen: Immer wieder wurden Sie als Guru verspottet, Ihre Kunden als Sektenjünger. Vieles davon war sicher Übertreibung. Ganz von der Hand weisen lässt sich der Vorwurf aber nicht, denn Sie haben die Kunden mit zentralem App-Store, proprietären Schnittstellen und der Verweigerung gegenüber konkurrierenden Datenaustausch- und Applikationsstandards (z.B. SyncML und Flash) stärker an sich gebunden, als technisch unbedingt nötig wäre. Freilich machen viele andere IT-Unternehmen dieses leider auch.

Bereits unmittelbar nach Ihrem Tod zeigt sich, wie sehr Apple Ihr Kommunikationstalent fehlt: Die Presse ist voll von Berichten, dass das erwartete iPhone 5 "nur" ein iPhone 4S sei, dass es weniger Megapixel oder Megahertz habe als die Konkurrenz. Als ob es bei Smartphones auf Nummern und Performance-Unterschiede im Prozentbereich ankäme! Statt über die neueste Innovation, nämlich die Applikations-übergreifende Sprachsteuerung Siri, wird über Details der 3D-Fähigkeiten des Graphik-Chips diskutiert.

Am Ende verliert mit Ihrem Tod nicht nur Apple den Chef, sondern die ganze IT-Branche eine schillernde Leitfigur.

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