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Ständige Erreichbarkeit im Job: Firmen wollen Mitarbeiter entlasten

01.12.2012
15:44

VW schaltet E-Mail-Eingang nach Feierabend seit gut einem Jahr ab

Von / dpa
Dienstliche E-Mails im Urlaub
Dienstliche E-Mails im Urlaub:
Einige Firmen wollen das
jetzt verhindern
Südfrankreich. Warmer Sommerabend. Schnuckeliges kleines Restaurant. Ungelesene Dienst-E-Mails: 153. Schnell mal reinklicken, könnte ja wichtig sein. "In Büro 2 ist die Toilette gesperrt." Nun ja. "Herr Meyer braucht den Geschäftsbericht bis morgen Abend." Ach so, das haben die Kollege nur zur Kenntnis durchgeschrieben. "Es gab eine Beschwerde über Sie." Waaas?

Das Essen ist inzwischen kalt - und die Erholung dahin. Schnell mal im Urlaub die Dienst-Mails beantworten oder nach Feierabend einen Anruf entgegennehmen, für die meisten Arbeitnehmer ist das Alltag. Einige große Unternehmen wollen die Überflutung mit Arbeitsanfragen in der Freizeit nun deutlich einschränken.

VW macht das Mitarbeiter-E-Mail-Account nachts dicht

"Es zeigt sich schon jetzt, dass sich das Modell bewährt", heißt es beim Betriebsrat des Autobauers Volkswagen. Seit gut einem Jahr schaltet VW Mitarbeitern mit einem Firmen-Smartphone nach Feierabend den E-Mail-Eingang ab. Heißt: Von 18:15 Uhr bis 7 Uhr morgens können die Diensthandys keine Mails mehr empfangen.

Daimler will ab nächstem Jahr automatische E-Mail-Löschung anbieten

Der Stuttgarter Autobauer Daimler will im kommenden Jahr nachziehen: Wer nicht im Dienst ist, kann seine E-Mails dann auf Wunsch automatisch löschen lassen. Am Strand den Posteingang prüfen? In die Versuchung käme dann niemand mehr. Nach dem Urlaub Hunderte ungelesene Mails abarbeiten? Nicht mehr nötig.

"Diese neue Spielregel zur E-Mail-Abwesenheit ist eine ganz wesentliche Maßnahme, damit unsere Belegschaft in Ruhephasen noch besser 'abschalten' kann", erklärt Personalvorstand Wilfried Porth. Einzige Voraussetzung: Ein Abwesenheits­assistent informiert den Absender über den zuständigen Vertreter und darüber, dass die E-Mail vom Angeschriebenen nicht beantwortet werden kann.

"Wir sehen das als positive Entwicklung", sagt eine Sprecherin der IG Metall. "Der psychische Druck auf die Mitarbeiter nimmt immer mehr zu und man muss Regelungen finden, um dem entgegenzuwirken." Auch Bundes­arbeitsministerin Ursula von der Leyen hatte jüngst betont, dass eine deutlichere Trennung von Arbeit und Freizeit nötig sei.

Telekom setzt auf eigene Entscheidung ihrer Mitarbeiter

Das sehen viele Unternehmen so. Ganz so rigoros wie VW und Daimler gehen sie dabei allerdings nicht vor. Die Deutsche Telekom etwa hat bereits seit Mitte 2010 eine Richtlinie zum Umgang mit E-Mails. Mitarbeiter sollen aber selbst entscheiden, ob sie in der Freizeit in den Posteingang schauen. Auch der Autozulieferer Continental hat dazu nach eigenen Angaben einen "Leitfaden mit Ratgeber-Charakter". "Nicht jede Mail, die nach "Feierabend" geschrieben wird, überfordert die Mitarbeiter", schreibt Personalvorstand Marion Schick auf der Telekom-Homepage. "Als klug Führende mache ich mir aber bewusst, was sie eventuell beim Empfänger auslöst. Daher überlege ich mir einmal mehr, ob ich diese Mail nicht auf den nächsten Arbeitstag verschiebe."

Bei Europas größtem Elektrokonzern Siemens hält man das ähnlich: "Niemand verlangt, Mails unterm Weihnachtsbaum zu checken", sagt ein Sprecher. "Jeder Mitarbeiter ist mündig. Er sollte selbst entscheiden können, wann er die Medien nutzt und wann er sie abschaltet."

Arbeits­psychologen stellen das zumindest infrage. "Meiner Meinung nach ist es eine Organisations­aufgabe des Arbeitgebers", sagt Frank Brenscheidt von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. "Dinge, die fest geregelt sind, finde ich aus arbeitsrechtlicher Sicht gut." Allerdings müsse jedes System so offen sein, dass wirklich wichtige Informationen noch durchkämen.

Mancher Angestellter braucht den ständigen Kontakt

Traurig, aber wahr: Manche bräuchten das ständige Piepen mittlerweile, sagt Brenscheidt. "Für viele ist es auch eine Frage der Wertschätzung." Wenn der Chef sich nach Feierabend noch einmal melde, hätten sie das Gefühl, gebraucht zu werden. Der Experte rät: "Lieber präventiv ein bisschen weniger machen als später ausgebrannt sein."

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