Datensammler

Schufa will Internet nach persönlichen Daten durchforsten

Bonitätsbewertung anhand persönlicher Äußerungen im Internet
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Die Schufa will im Internet systematisch Daten sammeln.Die Schufa will im Internet systematisch Daten sammeln. Die ungeheuren Datenmengen, die mittlerweile im Internet zu finden sind, wecken schon lange Begehrlichkeiten. Alle möglichen Akteure hoffen auf interessante Informationen über unterschiedlichste Zielgruppen - und sie bekommen sie auch. Dank der Auskunftsfreude, die gerade private Nutzer in sozialen Netzwerken an den Tag legen, gibt es jede Menge persönliche Daten, anhand derer ziemlich genaue Profile erstellt werden können - sofern man die Daten gezielt sammelt, zusammenführt und entsprechend auswertet. Ein solches Projekt verbirgt sich beispielsweise hinter der Bezeichnung SchufaLab [Link auf http://www.hpi.uni-potsdam.de/naumann/projekte/schufa_lab_hpi.html entfernt, da Seite nicht mehr erreichbar]. SchufaLab ist ein Gemeinschaftsprojekt der Schufa und des Hasso-Plattner-Instituts für Softwaresystemtechnik der Universität Potsdam (HPI). Dabei handelt es sich um ein Forschungsprojekt, das nicht nur Datenschützern schlaflose Nächte bereiten dürfte.

In einer Pressemitteilung der Schufa heißt es ganz harmlos und allgemein: "Ziel des Projektes ist die Analyse und Erforschung von Daten aus dem Web. Forschungsschwerpunkte sind einerseits die Validität von Daten und anderseits Technologien zur Gewinnung von Daten. Bereits heute werden über das Web erfolgreich Daten gewonnen, beispielsweise bei Insolvenzverfahren oder Informationen aus dem Handelsregister." Tatsächlich geht es aber darum, systematisch Daten in sozialen Netzwerken zu sammeln, um daraus auf die Kreditwürdigkeit bestimmter Personen zu schließen.

Laut Recherchen von NDR Info sollen unter anderem die Kontakte von Facebook-Mitgliedern herangezogen werden, um Beziehungen zwischen Personen zu untersuchen und auf diese Weise Informationen über die Kreditwürdigkeit der Verbraucher zu erlangen. Auch eine Analyse von Textdaten auf Blogs oder Nachrichtenseiten sei denkbar, um "ein aktuelles Meinungsbild zu einer Person zu ermitteln."

Systematische Erfassung von Informationen über Personen

Die am Projekt beteiligten Wissenschaftler könnten aber auch untersuchen, wie die Schufa über eigene Facebook-Profile oder Zugänge zum Kurznachrichtendienst Twitter verdeckt an Adressen und insbesondere Informationen über Adressänderungen von Nutzern gelangen kann. Angedacht sei auch eine "automatisierte Identifikation von Personen öffentlichen Interesses, Verbraucherschützern und Journalisten".

Mit den Daten solle "ein Pool entstehen, der von der Schufa für existierende und künftige Produkte und Services eingesetzt werden kann." Auf diese Weise hofft die Schufa "Chancen und Bedrohungen für das Unternehmen zu identifizieren und zu bewerten." Natürlich sollen auch andere Netzwerke wie Xing oder LinkedIn für die Datensammlung genutzt werden, dazu kommen Personensuchmaschinen wie Yasni, Geodatendienste wie Google Streetview oder Unternehmens-Homepages, auf denen etwa Mitarbeiterverzeichnisse zu finden sind. All diese Informationen könnten schließlich mit Schufa-eigenen Verbraucherdaten verknüpft werden, um sie "aus Business-Sicht zu bewerten." Immerhin investiert die Schufa laut NRD 200 000 Euro im Jahr in die Zusammenarbeit mit dem Potsdamer Institut.

Sowohl die Schufa und als auch das Hasso-Plattner-Institut haben inzwischen die Recherchen von NDR Info bestätigt. Das HPI habe zum 1. April 2012 ein Forschungsprojekt mit dem Namen "Schufa-Lab@HPI" eingerichtet. Die von NDR Info zitierte Sammlung von Projektideen sei "in Gesprächen zwischen dem HPI-Fachgebiet Informationssysteme und dem Projektpartner Schufa entstanden." Es handele sich dabei lediglich um "Grundlagenforschung", die man zudem nach "höchsten ethischen Maßstäben" betreibe. Schufa-Vorstand Peter Villa betonte jedoch auch, dass sein Unternehmen sich "durch wissenschaftlich fundierte Ergebnisse langfristig die Qualitätsführerschaft unter den Auskunfteien in Deutschland sichern" wolle.

Die Schufa hat nach eigenen Angaben Daten von über 66 Millionen Verbrauchern in ihren Computern gespeichert. Diese Daten liefern ihr Vertragspartner wie Banken und Sparkassen, aber auch Händler, Telefonanbieter und Versicherungen über ihre jeweiligen Kunden und deren Zahlungsverpflichtungen. Im Austausch dafür bekommen die Partner Bonitätsauskünfte über potenzielle Kunden. Bisher bezieht die Schufa nur sehr begrenzt Daten aus dem Internet, etwa aus gerichtlichen Schuldnerverzeichnissen oder dem Handelsregister.

Daten- und Verbraucherschützer sind entsetzt

Die systematische Datensuche im Internet ist für die Schufa Neuland, das ungeahnte Perspektiven eröffnet. Kein Wunder, dass Daten- und Verbraucherschützer skeptisch sind. Sie reagierten auf die Schufa-Pläne mit Unverständnis und Entsetzen. Der schleswig-holsteinische Landesdatenschutzbeauftragte Thilo Weichert sagte gegenüber NDR Info: "Hinter einem solchen Forschungsprojekt steckt immer eine Absicht. Sollte die Schufa die gewonnenen Daten tatsächlich einsetzen, wäre das eine völlig neue Dimension."

Weichert bezweifelt, dass eine Umsetzung der Projektideen rechtlich überhaupt haltbar sei. Besonders problematisch ist aus seine Sicht, dass Informationen, die von Nutzern beiläufig ins Netz gestellt worden seien, systematisiert und dann für Bonitätsbewertungszwecke genutzt werden sollen.

Edda Castelló von der Verbraucherzentrale Hamburg nannte das Schufa-Projekt eine "Grenzüberschreitung". Wenn diese sehr privaten und persönlichen Datensammlungen wie Facebook von der Schufa zusammengeführt und ausgenutzt würden, sei das "hochgefährlich". Dass es bei von Unternehmen bezahlten Forschungsprojekten nicht um das Wohl der Allgemeinheit gehe, sei offensichtlich: "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing." Die Interessen des Geldgebers würden sich in den Forschungsergebnissen niederschlagen. Und selbst wenn das Gesamtergebnis vielleicht nicht so ausfalle, wie die Schufa sich das vorgestellt hätte, könne sie am Ende eine Menge daraus lernen.

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