Kehrseite der Medaille

Insolvenz, Ausbeutung & Co.: Das sind die Schatten­seiten der Discounter­isierung

Discount-Tarife, billige Smartphones und Tablets im Supermarkt, Online-Shopping ohne Versandkosten: Was für Schnäppchenjäger und weniger zahlungskräftige Verbraucher wie das Paradies klingt, ist für andere ein Horror. Wir beleuchten in diesem Artikel einmal die Kehrseite der Schnäpp­chen­kultur-Medaille.
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Seit Jahren suggeriert die einschlägige Werbung, dass der Verbraucher ein Produkt nicht nur unbedingt braucht, sondern dass er auch ziemlich blöd wäre, wenn er zu viel dafür bezahlt. Besonders bei Verträgen, die sich über eine lange Laufzeit erstrecken, ist es ärgerlich, wenn der Kunde kurz nach Vertragsschluss bemerkt, dass er die gleiche Leistung woanders deutlich günstiger bekommen hätte. Das betrifft nicht nur Telefon-Tarife, sondern auch KFZ-Leasing-Verträge sowie Verbraucherkreditverträge für Fernseher oder Haushaltsgeräte.

Auch Preisvergleichsseiten und seriöse Portale wie teltarif.de wollen dem Verbraucher dabei behilflich sein, für einen vernünftigen Preis das für ihn beste Produkt zu finden. teltarif.de ist beispielsweise 1998 aus dem Wunsch heraus entstanden, durch eine unabhängige aktuelle Berichterstattung, ausgefeilte Tarifrechner sowie umfangreiche Ratgeberseiten Licht ins Dschungel der Festnetz- und Mobilfunktarife zu bringen. Dazu gehören in regelmäßigen Abständen auch Einschätzungen darüber, ob sich der Hardware-Kauf im Supermarkt lohnt oder nicht.

Doch die Schnäppchenwelt hat auch ihre Schattenseiten, die teltarif.de in seiner Berichterstattung keineswegs verschweigt. Als Verbraucher kann man zwar nicht 24 Stunden täglich mit einem schlechten Gewissen herumlaufen - in diesem Artikel zeigen wir dennoch einige Auswüchse, die die Discounterisierung hervorgebracht hat und die sich gegebenenfalls vermeiden lassen.

Billige Tarife: Diese Auswirkungen hat der Preiskampf auf den Markt

Schattenseiten der DiscounterisierungInsolvenz, Ausbeutung & Co.: Das sind die Schatten­seiten der Discounter­isierung Zu Beginn des Mobilfunkzeitalters schien die Welt noch in Ordnung: Die Netzbetreiber bauten die Netze, kalkulierten 12- oder 14-Monatsverträge für bestimmte Zielgruppen und subventionierten die Handys, um das Produkt Mobilfunk in der Bevölkerung attraktiv zu machen - eine Erfolgsgeschichte begann. Erstmals von der "Knechtschaft" eines Vertrags befreien konnten sich die Kunden mit den ab 1997 startenden Prepaid-Modellen - dafür wurde die Handysubventionierung eingeschränkt.

Doch ab 2004 drängten vermehrt Mobilfunk-Discounter nach dem "No frills"-Konzept auf den Markt. Kurz zusammengefasst bedeutet dies: Noch günstigere Preise, Vermarktung überwiegend per Internet statt in teuren Ladengeschäften und Service per Telefon oder E-Mail. Schon 2002 hatte die Mobilfunkwelt aufgehorcht, als Mobilcom und Quam teure UMTS-Lizenzen ersteigert hatten, die zu erwartenden Einnahmen aber wohl nicht ausgereicht hätten, um flächendeckende Netze aufzubauen.

Eine weitere Geschäftsidee im Mobilfunk, die des Mobile Virtual Network Operators (MVNO) hat ebenfalls die Schattenseiten des ruinösen Preiskampfes offenbart: Obwohl ein MVNO keine Lizenzen ersteigert und Funkmasten aufbaut, muss er dennoch das Netz hinter den angemieteten Funknetz-Kapazitäten selbst betreiben, also auch technische Infrastruktur für die Abrechnung und den Kundenservice. Der durch die billigen Preise seiner Marken bekannt MVNO Telogic musste 2012 Insolvenz anmelden - der von uns ausführlich beleuchtete Insolvenzbericht liest sich wie ein moderner Wirtschaftskrimi.

Von Lycamobile hört man wenig wirtschaftliche Probleme, auch der MVNO sipgate betreibt über sein virtuelles Netz neuartige Dienste, musste aber seinen innovativen Dienst sipgate One wieder einstellen. Der MVNO Truphone nimmt erst gar nicht am ruinösen Privatkunden-Preiskrieg teil, sondern konzentriert sich auf Geschäftskunden. Und bei den GTCom-Marken häufen sich seit Wochen die Probleme - hinter vorgehaltener Hand wird über wirtschaftliche Probleme spekuliert.

Diese Konsequenzen müssen Verbraucher befürchten

Wer als Kunde um jeden Preis sparen will, muss - wie beispielsweise im Falle der Telogic-Marken SIM mobile, Speach, simsay, solomo, Türkyildiz - damit rechnen, dass das Handy ohne Vorherige Ankündigung von einem auf den anderen Tag tot ist. Dann beginnt meist ein nervenaufreibendes Prozedere: Zuerst muss sich der Kunde die SIM-Karte eines neuen Providers besorgen und ggf. Freunde, Bekannte und Geschäftspartner über die neue Nummer informieren. Nach einer Insolvenz untersteht der alte Provider nicht mehr der Firmenleitung, sondern dem Insolvenzverwalter. Die Portierung der alten Rufnummer muss also bei diesem beauftragt und bezahlt werden. Auch die Rückforderung des Prepaid-Guthabens landet beim Insolvenzverwalter - bis zum Abschluss des Verfahrens, das sich meist über mehrere Jahre hinzieht, darf dieser allerdings keine Auszahlungen vornehmen. In der Regel müssen Kunden sich damit abfinden, dass das Geld weg ist.

Nicht verschweigen wollen wir an dieser Stelle, dass natürlich auch die Angestellten der insolventen Provider, die ohnehin meist kein üppiges Gehalt genossen haben, sich nach einem neuen Job umsehen und gegebenenfalls finanzielle Einbußen in Kauf nehmen müssen.

Doch auch abseits von Insolvenzen haben Mobilfunk-Discounter meist wenig finanziellen Spielraum. Die Konditionen, zu denen sie die Vorleistung beim Netzbetreiber einkaufen, werden meist von diesem diktiert - ist der Discounter eine direkte Tochtergesellschaft, ist das ohnehin obligatorisch. Echtes Einsparpotenzial besteht also praktisch nur beim ohnehin schon abgespeckten Service. Regelmäßig erreichen den teltarif.de-Leserservice Berichte über schlecht ausgebildete Hotline-Mitarbeiter, die das eigene Tarif- und Service-Portfolio nicht kennen, die bei einem finanziellen Schlingerkurs meist zuerst auf der "Abschussliste" stehen - und die sicherlich auch nicht gerade zu den Besserverdienern gehören.

Doch es muss nicht immer gleich um Insolvenzen oder Entlassungen gehen - auch die Netzbetreiber müssen mitunter spürbare Kompromisse machen. Auf der zweiten Seite widmen wir uns den Auswirkungen des Preiskampfs auf die Netzqualität. Außerdem beleuchten wir den Hardware-Markt - mit zum Teil schlechter Produktqualität und Opfern in der Lieferkette.

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