Keynote

Ex-Telekom-Chef Obermann: "Wir müssen uns beim Netzausbau echt beeilen"

René Obermann ist Ex-Chef der Deutschen Telekom, aber immer noch Manager der Tk-Branche. Und er mahnt, was den deutschen Netzausbau angeht, zur Eile. Das flache Land werde schon heute mehr und mehr zur digitalen Diaspora.
Aus Berlin berichtet
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René Obermann zu Gast beim BrekoRené Obermann zu Gast beim Breko Fast ein Jahr ist René Obermann nicht mehr Chef der Deutschen Telekom. Doch der Telekommunikationsbranche ist der Manager treu geblieben. Er ist derzeit Chef von Ziggo in den Niederlanden. Diese Woche war er zu Gast bei der Jahrestagung des Bundesverband Breitbandkommunikation - kurz Breko. Oder anders gesagt: Der versammelten ehemaligen Konkurrenz. "Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, hier mal zu stehen und einen Vortrag zu halten", meinte er, und hatte die ersten Lacher auf seiner Seite. Vor den zahlreichen Vertretern der lokalen Breitbandanbieter hielt Obermann eine kurzweilige Keynote über das digitale Leben in 15 Jahren - und er stellte Forderungen. Forderungen an die Branche und die Politiker. Über die Vergangenheit wollte er aber lieber nicht reden.

Sein Szenario stammt aus dem Jahr 2029. Das sei ein überschaubarer Zeitraum. "Und Infrasturkturpolitik muss in diesem Zeithorizont denken", so Obermann. "Für die meisten im Saal sei das durchaus ein erreichbares Datum", so Obermann. Er selbst sei dann in Rente - was schade sei, denn "wenn alles mit allem vernetzt ist, sei das Leben erst richtig spannend".

Nach seinen Vorstellungen sieht das Leben dann so aus: Man komme mit seinem Elektroauto nach Hause, fahre in die vernetze Garage. Die E-Zapfsäule betanke das Auto vollkommen automatisch so, dass es zum nächsten Termin wieder aufgeladen ist, aber gleichzeitig die Energie möglichst zu einem günstigen Zeitpunkt aus dem Netz entnommen wurde. In der Wohnung werde alles weitgehend mit Gestenkommandos oder per Sprache gesteuert - egal ob die Videowand oder die Küchenzeile. Möbel werden vernetzt sein.

Alle Daten jederzeit und überall verfügbar

Wer reist, wird sich im Zug am Videobildschirm per Fingerabdruck identifizieren und prompt sind alle Inhalte, die den Reisenden interessieren, abrufbar. Schließlich ist alles vernetzt. Dahinter stehe ein virtueller Assistent, der Plattform- und Geräte-unabhängig im Hintergrund arbeitet und alles - aber auch wirklich alles - über "seinen Menschen" weiß: Termine, Vorlieben, Kontakte, Prioritäten, Verträge, Daten. "Es", so nannte Obermann den Assistenten, liefere die persönlichen Daten überall hin, kaufe per Internet ein und sorge für schnelle Ausdrucke auf dem 3D-Drucker. "Es" arbeite in Lichtgeschwindigkeit, steuert die Haustechnik und wacht als Alarmanlage.

Das System lerne schnell und sei voll vernetzt. Im Hintergrund könnte "Es" über neue Stromtarife am Spotmarkt verhandeln, die Daten über den vorsichtigen Fahrstil an die Auto-Versicherung geben, um Rabatte zu erhalten (oder mögliche Zuschläge abzuwenden). Und wer besonders vorsichtig oder unvorsichtig mit dem eigenen Wagen fährt, bekommt dann auch den Leihwagen für mehr oder weniger Geld - schließlich ist dieser im Zweifel automatisch im Hintergrund gebucht. Und stehen Termine in anderen Städten an, wird nicht nur der Leihwagen, sondern auch die Reise zum Leihwagen automatisch gebucht - den Vorlieben des Menschen entsprechend.

"Wir sind nicht mehr weit vom 2029-Szenario entfernt."

"Datenfeeds zu Ihrem Profil gibt es heute schon mehr als genug", schlug Obermann den Bogen zurück in die Wirklichkeit. Bewegungsprofile werden erstellt, Kredit- und Kundenkarten sowie Handy sei Dank. Kontakte und Daten seien in der Cloud und moderne Autos erfassen auch das Fahrverhalten - von Facebook und Co. ganz abgesehen.

"So weit weg sind wir nicht von dem beschrieben Szenario", resümiert Obermann. Jedenfalls in den Ballungszentren sei das so, wo schnelles Internet überall verfügbar sei. Viele Menschen seien hier heute schon daueronline, Apps miteinander verknüpft und Daten zunehmend in Rechenzentren gelagert. Vor 20 Jahren fingen die ersten an, Handys zu nutzen, so Obermann. Doch bei den meisten hieß es, sie wollten gar nicht jederzeit erreichbar sein. "Heute posten die gleichen Menschen ihr Essen auf Facebook und sie werden schweißnass, wenn sie ihr Handy mal vergessen haben." Heute sei Sprache in den Netzen "just another application" in einer All-IP-Welt, vor 20 Jahren hieß es "Fasse dich kurz, acht Minuten für 23 Pfennig" und Video wird zur neuen Sprache. "Wer die Information über alle und alles hat und die entsprechende Rechenpower aufbringen kann, der hat künftig die Macht", so Obermann.

"Wir müssen uns echt beeilen!"

"Doch all diese Szenarien und die Vernetzung von Milliarden von Geräten mündet in eine Gigabit-Gesellschaft", so Obermann weiter. Derzeit rede man noch von vergleichsweise geringen Datenraten bei den Anschlüssen, doch das werde künftig nicht mehr ausreichen. Ein Auto erzeuge schon heute mehrere Megabyte pro Sekunde. Das Problem ist, dass es an schnellen Verbindungen in jeden Winkel Europas scheiterte. "Wir müssen uns beeilen mit dem Netzausbau und auch mit der Vergabe neuer Frequenzen für den Mobilfunkausbau, weil immer mehr Daten in die Netze geschickt werden." In den Niederlanden habe Netflix ein Jahr nach dem Start schon fast zehn Prozent des Datentraffics ausgemacht. "Ein Videoanbieter nach einem Jahr - Sie können sich vorstellen, welche Folgen das auch für Mobilfunknetze haben kann".

"Glasfaser in Europa kostet flächendeckend 200 bis 300 Milliarden Euro. Das flache Land wird dabei aktuell immer mehr zur digitalen Diaspora, wenn wir nicht etwas am System verändern. Denn in sehr dünn besiedelten Gebieten kann sich niemand einen Ausbau von Glasfasernetzen leisten." In den Städten lohne sich der Ausbau noch einigermaßen. "Doch wenn wir es nicht hinbekommen, auch den teuren Ausbau in den dünn besiedelten Regionen Europas hinzubekommen, müssen wir uns über die Folgen nicht wundern." In einigen Regionen Ostdeutschlands könne man schon heute das Ausbluten erkennen.

"Es gibt Möglichkeiten, das alles zu finanzieren - den größten Teil auch privatwirtschaftlich. Doch dazu muss die europäische Politik etwas mutiger werden. Die Netzregulierung darf nicht mehr den Fokus 'billig' haben, sondern umschwenken auf den Fokus 'Investition'" - auch wenn das unpopulär sei. Zudem müssten Wettbewerber in dünn besiedelten Gebieten zusammenarbeiten, Infrastruktur muss erfasst werden. Das alles müsse europaweit organisiert werden. Und die zu vergebene Funkfrequenzen in Deutschland müssten an Investitionsverpflichtungen gekoppelt werden. Und auch Subventionen dürfte dort, wo es anders gar nicht geht, kein Tabu sein, um ein flächendeckendes Breitbandnetz aufzubauen. "Wir müssen uns echt beeilen", so Obermann.

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