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Politiker entdecken das Web 2.0 für sich22.07.2009
14:26 Auch private Botschaften werden mitunter verbreitet
Von ddp / Steffen Herget
SPD-Spitzenkandidat Christoph Matschie gibt sich im Wahlkampf volksnah. Auf
seiner Thüringen-Tour besucht er zurzeit Kindergärten, Mehrgenerationenhäuser,
Berufsakademien und Feste. Doch neben den persönlichen Auftritten im
Straßenwahlkampf pflegt Matschie in diesem Jahr auch den unpersönlichen Kontakt
zu potenziellen Wählern. Der SPD-Landeschef ist dazu wie Ministerpräsident
Dieter Althaus (CDU), Bodo Ramelow (Linke) und Astrid Rothe-Beinlich (Grüne) in
das Web 2.0 eingetaucht.
Auf interaktiven Portalen wie Facebook, StudiVZ und Twitter präsentieren sich die Kandidaten zur Landtagswahl am 30. August mitunter sehr persönlich. "Gute Stimmung im 'SPD Laden' in Erfurt. Schöner Hinterhof, nette Leute, Bier und Bratwurst ... Schaut mal rein!", schreibt Matschie auf Twitter. Die Miniblog-Plattform bietet Platz für Botschaften mit einer maximalen Länge von 140 Zeichen, die man mit dem Handy oder Laptop verschicken kann. In der Zahl der Follower liegt der SPD-Kandidat vorn"Die Wähler dürfen ruhig wissen, dass er nach einer Sitzung mit den Jusos auch mal ein Bier trinken geht", sagt SPD-Landesgeschäftsführer Jochen Staschewski. Matschie nutze das Web 2.0 "am besten und intensivsten". Dies zeige sich an der Zahl der Menschen, die seine Botschaften lesen, den sogenannten Followern. Mit 584 hat Matschie mehr Follower als Ministerpräsident Dieter Althaus (425), Bodo Ramelow (312) und Astrid Rothe-Beinlich (164). Auch Dieter Althaus teilt den Lesern auf Twitter mit einer Botschaft aus dem Urlaub Persönliches mit. "Erholung und Kraft tanken in den Hohen Tauern, bei der Thüringer Hütte. Landschaft, Gastlichkeit, Freunde - wir fühlen uns sehr wohl hier." Mit privaten Botschaften sollte sparsam umgegangen werdenDer Ministerpräsident habe positive Erfahrungen mit Twitter gemacht, meint CDU-Sprecher Heiko Senebald. Man dürfe dies allerdings nicht überbewerten, den persönlichen Kontakt zu den Wählern könnten die Internet-Botschaften nicht ersetzen. Althaus nutze das Miniblogging, um persönliche Einblicke aus seinem Leben direkt vermitteln und dies bereite ihm "viel Spaß". Nach Ansicht des Erfurter Politikwissenschaftlers Dietmar Herz sollten die Spitzenkandidaten allerdings nicht zu viele private Informationen im Internet preisgeben. Die Wähler könnten sich zwar auch über Persönliches mit den Politikern identifizieren, sagt Herz. Dies sei jedoch ein schmaler Grat: Denn wer zu viel Privates ins Internet stelle, mache sich als Politiker lächerlich: "Der Wähler interessiert sich nicht dafür, wie ein Politiker seinen Urlaub verbringt." Der Jenaer Politikwissenschaftler Patrick Brauckman hält den Online-Wahlkampf der Thüringer Politiker für noch nicht ausgereift. "Politiker unterliegen dem Konkurrenzdruck, alle Kanäle nutzen zu müssen." Viele Politiker versuchten in kurzer Zeit, den Umgang mit den Neuen Medien zu lernen, um mitzuhalten. Doch dies gelinge häufig nicht, sagte der Politologe, der über Online-Communities und neue Wahlkampfstrategien promoviert. So stellten beispielsweise viele Politiker gewöhnliche Pressemitteilungen auf ihre Homepages und dies sei einfach nicht mehr zeitgemäß. Die Macht des Internets nicht überschätzenDie Neuen Medien sollten im Wahlkampf aus Herz' Sicht nicht überschätzt werden. "Mit Twitter und StudiVZ erreichen die deutschen Politiker längst nicht so viele Menschen, wie sie sich erhoffen - nämlich nur die junge, gebildete Wählerschicht", sagt Herz. Die Mehrzahl der Wähler informiere sich über die herkömmlichen Medien. Brauckman jedoch betont: "Im nächsten Wahlkampf werden die neuen Plattformen deutlich an Einfluss gewinnen. Wähler werden sie häufiger nutzen und Politiker werden gelernt haben, wie man sie richtig bedient." Twitter-Botschaften von Christoph Matschie wie "In Sonntag steckt doch eigentlich das Wort Sonne, oder?" werden dann vielleicht wieder seltener.
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