
Online-Petitionen: Polit-Plattformen mobilisieren Tausende weltweit
Der Deutsche Bundestag beschäftigt sich demnächst
mit der Anerkennung der kurdischen Identität in Deutschland, mit
einem europaweiten Verbot der
Vorratsdatenspeicherung und mit der
Einführung eines Rentenversicherungszwangs für Selbständige: Mehr als
50 000 Menschen haben jeweils eine entsprechende Petition
unterstützt. Das Internet gibt dieser Form der Bürgerbeteiligung
kräftigen Auftrieb. Beim Bundestag wird bereits jede dritte Petition
online eingereicht - "Tendenz steigend", sagt Franco Liccione vom
Sekretariat des
Petitionssausschusses. "Bei besonders aktuellen
Themen sehen wir, wie sich plötzlich tausende Bürger anmelden, um
mitzudiskutieren."
Das Anfang dieses Monats neu aufgesetzte Online-Portal des
Petitionssausschusses hat 1,3 Millionen angemeldete Nutzer. Dabei
findet in Stichproben eine Überprüfung der Identität statt: Einzelne
Nutzer werden angeschrieben. Kommt die Post als unzustellbar zurück,
wird das Nutzerkonto gelöscht.
Globale Plattformen wollen auch Wirtschaftsunternehmen ansprechen
Mehrere Millionen Nutzer haben sich bei globalen Plattformen für
Petitionen wie change.org oder avaaz.org registriert. Diese haben im
Unterschied zum Petitionssausschuss des Bundestags keine gesetzliche
Handhabe, um das Parlament dazu zu bringen, sich mit einem Anliegen
zu befassen. Ihr Mittel ist vor allem der öffentliche Druck über die
Massenmedien. "Wir geben einfachen Menschen ein Werkzeug, um ihre
Ohnmacht zu überwinden und in bestehende Machtstrukturen einzugreifen
und die Gesellschaft voranzubringen", sagt der Gründer von
change.org, Ben Rattray. 20 Millionen Menschen sind auf dieser
Plattform aktiv, jeden Monat werden zurzeit mehr als 15 000 Petitionen eingereicht.
In der Online-Szene stößt diese Form der Bürgerbeteiligung nicht
nur auf Zustimmung: Kritiker wie Julia Schramm von der Piratenpartei
bezeichnen die Unterstützer von Online-Petitionen abfällig als
"Sofa-Aktivisten". In ihrem gerade erschienenen Buch Klick mich
schreibt Schramm: "Mit einem Klick rette ich die Welt, das ist die
Absicht."
Bürger-Engagement ist oft nur einmalige Sache
Markus Beckedahl, "Netzpolitik"-Blogger und Vorsitzender des
Vereins Digitale Gesellschaft, gibt zu bedenken, dass auch früher
manch einer in der Fußgängerzone eine Unterschriftenliste gegen
Tierversuche unterzeichnet habe, dann weitergegangen sei, sich gut
gefühlt und nie wieder etwas in dieser Sache unternommen habe.
Allerdings befürchtet er, "dass durch die Inflation dieses Werkzeug
kaputt gemacht wird". Wichtig sei der richtige Zeitpunkt für eine
Initiative - wie 2009 bei der Bundestagspetition gegen Netzsperren.
"Nicht jeder kann ein Vollzeit-Aktivist sein", sagt Paula
Hannemann, die gerade die deutschsprachige Plattform von change.org
aufgebaut hat - bisher haben sich nach ihren Angaben 180 000 Menschen
in Deutschland angemeldet. "Wir geben den Leuten Werkzeuge in die
Hand, die sie in ihrem Alltagsleben integrieren können."
Gesellschaftliche Misstände oder private Anfeindungen?
Bei einer Petition wird die Person oder die Organisation, an die
sich eine Initiative richtet, mit einer E-Mail benachrichtigt, wenn
jemand die entsprechende Initiative unterzeichnet. "Einige unserer
Mitarbeiter haben schon einmal eine Petition an mich gerichtet", sagt
Projektgründer Rattray. "Da habe ich nach meinen E-Mails geschaut und
nur noch gedacht: Oh, mein Gott!"
Eigentlich wollte Rattray Investmentbanker werden. Auslöser für
die Idee zu change.org sei ein Gespräch mit einem seiner Brüder
gewesen, der sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt habe.
"Es war für mich der einflussreichste Satz in meinem Leben, als er
sagte: "Am meisten verletzen mich nicht die Leute, die offen gegen
Schwule vorgehen, sondern diejenigen, die nichts dagegen sagen"."
Danach habe er nur noch daran gedacht, wie eine Internet-Plattform
für Menschen aussehen müsste, die sich gegen Missstände zur Wehr
setzen wollten.
Medienresonanz einer Petition bewirkt manchmal Wunder
Stolz nennt Rattray Beispiele, in denen Petitionen auf change.org
etwas bewirkt haben, oft auch aufgrund der Medienresonanz auf
Initiativen mit vielen Unterstützern. So schaffte die Bank of America
eine Fünf-Dollar-Kontogebühr ab, und in einem indischen Dorf wurden
die Behörden veranlasst, gegen die Diskriminierung von Angehörigen
der untersten Kaste vorzugehen.
Die große Reichweite der Plattform hat auch finanzielle Bedeutung.
"Wir sind als nichtkommerzielles Projekt gestartet, aber jetzt sind
wir ein Social-Media-Unternehmen wie Facebook und Twitter, nur für
gesellschaftlichen Wandel und als Social Business organisiert",
erklärt Rattray. "Ähnlich wie gesponserte Tweets haben wir
gesponsorte Petitionen." Diese werden dann prominenter auf der
Plattform platziert. Change.org beschäftigt nach Angaben Rattrays
weltweit 150 Menschen in 15 Ländern und erwirtschaftet in diesem Jahr
einen Umsatz von etwa 15 Millionen Dollar. "Alle Einnahmen werden für
die Weiterentwicklung der Plattform und die Beschäftigten
investiert", sagt Rattray.
Netzaktivist Beckedahl sieht die kommerzielle Ausrichtung von
Petitionsplattformen kritisch: "Eigentlich sollte mit solchen Daten
kein Geld verdient werden." Die Möglichkeit zu Online-Petitionen, ob
nun zu internationalen Anliegen oder zu Initiativen in der
Nachbarschaft, sei eine wichtige Sache. "Das sollte als Teil der
Daseinsvorsorge und demokratisches Werkzeug bereitgestellt werden."
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