Aus, Schluss, vorbei

Editorial: Symbian - das Ende eines Urgesteins

Wie Nokia das Symbian-Sterben verzögert - und warum die Trennung richtig ist
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Symbian - Das Ende eines Urgesteins Symbian - Das Ende eines Urgesteins
Seit einiger Zeit ist offiziell bekannt, was sich schon länger abzeichnete: Die Evolution im Smartphone-Markt fordert mit Symbian eines ihrer prominentesten Opfer. Zwar laviert Nokia noch in seinen Aussagen zur voraussichtlichen Restlebensdauer des Systems und damit ist offen, wann genau der Tod eintritt - doch das Ende ist besiegelt. Und so traurig dies mancher Symbian-Fan finden wird - der Schritt ist folgerichtig. Den Beweis liefern nämlich eindrucksvoll die beiden neuen Nokia-Handys E6 und X7, die die Finnen in der vergangenen Woche vorgestellt haben.

Nokia könnte es ziemlich gut gehen: Wie unsere ersten Eindrücke vom E6 und X7 zeigten, ist die Handware von bester Qualität - die Verarbeitung stimmt, die blanken technischen Fakten auch. Auf diese Kernkompetenz kann Nokia seit jeher mehr oder weniger bauen (abseits einiger plastiklastiger Ausrutscher in der Vergangenheit). Doch der Test zeigte auch: Symbian, das Smartphone-Betriebssystem der ersten Hälfte des vergangene Jahrzehnts, ist einfach nicht zu halten, so sehr sich Nokia auch müht. Es gibt - ob einem das gefällt oder nicht - eine Smartphone-Betriebssystem-Zeitrechnung vor und nach der Einführung von Apples iPhone - und Symbian hat die Wende offensichtlich nicht geschafft. Es ist also Zeit, sich zu trennen.

Feature-Vielfalt als Problem

Dabei sollen die Fortschritte des Systems gar nicht in Abrede gestellt werden: Ja, Symbian ist jetzt in einem sinnvollen Maße touchfähig. Ja, auch hier wird per Fingerzeig zwischen Homescreens gewechselt und ja, in vielen anderen Bereichen wie zum Beispiel dem Ovi Store gibt sich Nokia erkennbar Mühe - niemand muss mehr .SIS-Dateien via Internet auf das Gerät bringen.

Aber: Der Spaß-Faktor kommt einfach nicht so auf wie bei vielen Konkurrenten. Dies liegt nicht nur an den hohen Maßstäben in puncto Geschmeidigkeit, die andere Anbieter vorgeben und von Symbian nicht erreicht werden, sondern vor allem in der hinter Symbian stehenden Philosophie, die das System gar nicht loswerden kann.

Denn seit Apple gilt in puncto Smartphones: Weniger ist mehr. Das einfache und intuitive Bedienkonzept, das sich in der Folge auch Android oder Windows Phone abgeschaut haben (wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung) ist mittlerweile das A und O für Consumer-fähige Smartphones. Nicht jeder freut sich über eine Flut von Menüpunkten, die sich in den Symbian-Ordnern finden oder die Möglichkeit, via Dateimanager aufs Dateisystem zugreifen zu können - bei vielen Features wird fast niemand wissen, wofür man sie benutzen kann. Apple verzichtet indes auf viele Funktionen - den Nerd störts, die breite Masse umso weniger: Sie kann das Gerät einfach bedienen, ohne sich durch ein Handbuch quälen zu müssen. "Brauch ich gar nicht" wird dem iPhone-Fanboy gerne als Antwort zum Beispiel auf die Frage nach der fehlenden Flash-Unterstützung angedichtet. Obwohl damit auch gerne so manches Versäumnis seitens Apple kaschiert wird, gilt: Vieles braucht der Durchschnittsanwender zwischen Internet-Surfen, E-Mails verschicken und Musikplayer tatsächlich nicht.

Symbian dagegen bietet mehr und wirkt damit paradoxerweise unkomfortabel. Dieses Grund-Problem teilt das System übrigens mit Windows Mobile - mit dem Unterschied, dass das Microsoft-OS de facto schon unter der Erde ist.

Wenn der Inhalt nicht stimmt, solls offenbar der Name retten

Doch Nokia hat natürlich ein massives Problem: Außer Symbian hat man aktuell nichts, was man vorweisen kann. Die Ankündigung der Microsoft-Nokia-Connection liegt erst rund zwei Monate zurück und wird vermutlich frühestens 2012 Früchte tragen - aber natürlich muss Nokia bis dahin Geräte verkaufen. Aber wie High-End-Smartphones mit einem System an den Mann bringen und Entwickler begeistern, wenn das Ende des Systems bereits besiegelt ist?

Nokia setzt mangels Alternativen den Hebel unter anderem am Namen an - die Marketing-Abteilung wird ordentlich gebrainstormed haben: So heißt die neue Symbian-Variante jetzt Anna, was vermutlich einen grazilen Eindruck vermitteln soll - wer nicht zufällig mit einem konträren Anna-Exemplar im persönlichen Umfeld konfrontiert ist, könnte auch genau dies damit assoziieren.

Am neuen Symbian-Namen hängt indes noch mehr: Nach Anna soll eine Symbian-Variante mit einem Frauennamen mit B am Anfang erscheinen, dann eine mit C. Klingt wie der offenkundige Versuch, zwanghaft eine Zukunft für das System zu symbolisieren - das sich Nokia noch Frauen-Namen bis zum Z ausdenken muss, ist aber angesichts der aktuellen Entwicklung nicht anzunehmen.

Gleichwohl gilt: Wenn Namens-Änderungen zum Dauerthema werden, keimt der Verdacht auf, dass vom Inhalt abgelenkt werden soll. Symbian Anna klingt vielleicht angenehmer als Symbian^3, Symbian^3 klingt vielleicht moderner als Symbian S60 oder Series60, doch am Ende wird der durchschnittliche Kunde im Media Markt, Saturn oder einem x-beliebigen anderen Markt vor allem eines bemerken: Bei Symbian kommt kein iPhone-Feeling auf - zu komplex, zu hakelig.

Zeit, sich zu verabschieden

Folgerichtig haben sich Hersteller wie Samsung, LG, Motorola oder Sony Ericsson längst aus dem Geschäft mit Symbian-Handys verabschiedet. Android ist der iOS-Konkurrent der Stunde, Microsoft kann seinem durchaus gelungenen, komplett neu entwickelten Windows Phone 7 dank einer Menge Geld vielleicht zu einem Teil des Smartphone-Kuchens verhelfen.

Nokia hat die Zeichen der Zeit ebenfalls erkannt, wenn auch ziemlich spät. Da das Unternehmen mit seinem "alten" Symbian und bis auf Weiteres noch ohne Windows Phone 7 ziemlich in der Luft hängt, dürfte die nahe Zukunft für Nokia aber sehr hart werden. Die Finnen selbst sprechen ja von einer kommenden Durststrecke - ob dies nicht untertrieben ist, muss sich allerdings noch zeigen, denn manches Unternehmen übersteht eine solche Phase nicht. Zudem klingt Durststrecke so, als ging es danach fast automatisch wieder bergauf. Ob sich die gewagte Entscheidung für Windows Phone 7 schlussendlich auszahlt, ist aber natürlich ebenfalls völlig offen - und damit auch die mittelfristige Zukunft von Nokia.

Eins gilt aber: Die Entscheidung gegen Symbian ist richtig, wenn die Finnen irgendwie ihren Platz im Massenmarkt behalten wollen, denn Nokia "kann" gute Hardware, wie sie jetzt wieder eindrucksvoll beweisen. Auch wenn damit die Symbian-Ära zu Ende geht und manchen TK-Freak die Wehmut packt - man muss sich auch trennen können.

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