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Editorial: Nokias Niedergang

Auf der Suche nach der nicht vorhandenen Lösung
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Nokia-Chef Stephen Elop bei der Präsentation des Lumia 900 in BarcelonaNokia-Chef Stephen Elop bei der Präsentation des Lumia 900 in Barcelona Was soll man Stephen Elop, dem Chef des strauchelnden ehemaligen Handy-Weltmarktführers Nokia raten? Weiterhin alles auf die Karte Windows Phone setzen? Oder auch alternative Systeme anbieten, insbesondere Android und/oder ein Revival von Symbian? Oder sollte er wegen Perspektivlosigkeit das Unternehmen schnellstmöglich zerschlagen und die überlebensfähigen Teile einzeln verkaufen? Oder einfach als Chef zurücktreten, damit andere sich die Finger verbrennen können?

Denn was auch immer Elop macht, es wird wahrscheinlich falsch sein. Vieles deutet darauf hin, dass Windows Phone auch mit dem anstehenden Update auf Windows 8 nicht aus der Nische heraus kommt. Zwar führt das kommende Windows 8 mit "Metro" eine einheitliche Oberfläche für Phone-, Tablet- und Desktop-Version des Betriebssystems der Redmonder ein. Doch wegen der radikalen Änderungen, die die Metro-Oberfläche mit sich bringt, droht Windows 8 dasselbe Schicksal wie Windows Vista wegen seines hohen Ressourcenbedarfs: Viele werden Windows 8 links liegen lassen und sich stattdessen mit dem Vorgänger begnügen. So verpufft der gewünschte Metro-Werbeeffekt.

Andere Handy-Betriebssysteme sind auch keine einfache Alternative für Nokia. Mit dem bereits abgekündigten Symbian dürften nur schwer Punkte holen zu sein. Bei Android haben die Asiaten, allen voran Samsung, einen jahrelangen Vorsprung beim Wissen um die Integration auf die jeweilige Hausplattform. Wenn Nokia aber mit Android lediglich auf 08/15-Geräten kommt, dann konkurrieren sie zwangsläufig mit Billigheimern.

Alles auf eine Karte!?

Im letzten Jahrzehnt hat Microsoft mit der Spielekonsole XBox bewiesen, dass sie im Hardwaremarkt in der Lage sind, auch sehr gut etablierten und gefestigten Herstellern wie Sony oder Nintendo Marktanteile abzunehmen. Möglicherweise wäre das eine Lösung: Microsoft übernimmt Nokia komplett, und bringt dann ein vollkommen neu entwickeltes und mit perfekt auf die Hardware abgestimmtem Betriebssystem versehenes "XPhone" heraus. Die nötigen finanziellen Reserven, um ein paar Jahre Durststrecke durchzustehen, hätte Microsoft, nicht jedoch Nokia. Andererseits würde diese hochintegrative Lösung erst recht bedeuten, alles auf eine Karte zu setzen. Kann das gemeinsam entwickelte XPhone nicht am Markt bestehen, ist der Schaden um so höher.

Derzeit reagiert Nokia jedenfalls nur, statt zu agieren. Die nächsten 10 000 Mitarbeiter abzubauen, spart mittelfristig zwar Geld, vernichtet aber auch Image und Ressourcen, die benötigt werden, um im schnellebigen Handymarkt mitzuhalten. So droht weiteres Siechtum.

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