Diskussionsrunde

Netzneutralität opfern, um den Netzausbau zu bezahlen?

Diskussionen um die Finanzierung der Netze
Aus Köln berichtet
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E-Plus-Chef Thorsten DirksE-Plus-Chef Thorsten Dirks Der aktuelle UMTS/HSPA-Netzausbau und LTE-Netzaufbau entsprechen faktisch einem Neubau der Mobilfunknetze. Und auch das Festnetz wird für VDSL wesentlich in seiner Struktur verändert, oder gar mit FTTH auf Basis von Glasfasern komplett neu gebaut. Der Breitband-Netzausbau für die Zukunft kostet bereits heute Milliarden und Aber-Milliarden. Auch mit kostengünstigen Ausrüstern.

So wurde auch auf der in Köln stattfindenden Handelsblatt-Jahrestagung und Euroforum-Konferenz "Telekommarkt im Umbruch" die Frage nach der Refinanzierung erläutert: Denn mit breitbandigen Datendiensten verdienen die Mobilfunk-Netzbetreiber trotz des vielfachen Aufwands kaum mehr als mit SMS und MMS.

Wie Prof. Dr. Torsten J. Gerpott im Marktüberblick zur Eröffnung der Euroforum-Konferenz "Telekommarkt Europa" darstellte, erhöhte sich das Datenvolumen in den Mobilfunknetzen von 2008 bis 2010 um fast den Faktor zehn von knapp 11,5 Petabyte auf 111 Petabyte. In derselben Zeit stiegen die von allen vier Netzbetreibern zusammen erzielten jährlichen Umsätze mit breitbandigen mobilen Datendiensten aber lediglich um 1 Milliarde Euro.

Die von Gerpott präsentierte Prognose bis 2014 sieht kaum besser aus: Statt bei 0,5 Milliarden Euro pro Jahr wird das Umsatzwachstum bis dahin bei etwas über 0,6 Milliarden Euro liegen. Setzt sich das exponentielle Wachstum der Datenmenge fort, werden die Mobilfunknetze 2012 oder spätestens 2013 die Marke 1 Exabyte jährlich knacken, entsprechend 1 000 Petabyte oder 1 000 000 000 Gigabyte.

E-Plus Anteil an den genannten Umsatzzuwächsen liegt bei Fortschreibung der aktuellen Marktanteile im Bereich von 10 bis 20 Prozent, entsprechend in Summe 100 bis 200 Millionen Euro für den Zuwachs 2008 bis 2010 oder 350 bis 700 Millionen Euro für den Zuwachs 2008 bis 2014. Das reicht kaum, um Zins und Tilgung für die im selben Zeitraum aufzuwendenden datendienstebedingten Netzauf- und -ausbaukosten von einigen Milliarden Euro zu finanzieren. Eine ähnliche Rechnung kann man auch für die anderen Netzbetreiber aufmachen, die jeweils mit über einer Milliarde Euro für Frequenzen der digitalen Dividende zusätzlich belastet sind.

Für sich betrachtet ist die Investition in mobile Datendienste unrentabel. Angesichts der zunehmenden Beliebtheit von Smartphones kann es sich aber kein Netzbetreiber mehr erlauben, bei den Datendiensten hinterher zu sein. Andernfalls verärgert er die zahlungskräftigsten Kunden! Verdient wird das Geld aber nicht mit den Handy-Daten-Flatrates für 5 bis 10 Euro im Monat, sondern über die für den Kunden deutlich teureren, für den Netzbetreiber hingegen deutlich günstigeren, Sprachtelefoniedienste. Denn für 5 bis 10 Euro bekommt man für Sprachtelefonie allenfalls eine netzintern-Flat; für eine rein deutsche All-Net-Flat muss man ca. das zehnfache berappen.

Die Mobilfunkbranche baut also Datendienste mit Hochdruck und Milliarden-Kosten aus, um zu verhindern, dass sie die extrem lukrativen Vieltelefonierer an die Konkurrenz verliert, auch wenn das keiner der Anbieter offen zugibt. Denn bei den Datendiensten hat sich die Mobilfunkbranche das Zepter aus der Hand nehmen lassen. E-Plus-Chef Thorsten Dirks sagte auf der Euroforum-Konferenz klar: "Apple hat das iPhone erfunden, nicht wir". Die von der Branche selber entwickelten Dienste wie WAP und i-mode seien hingegen gefloppt.

Opfer Netzneutralität!?

Einer der Haupttreiber des Volumens sind die zunehmend verwendeten Video-Streaming-Dienste. E-Plus-Chef Thorsten Dirks sprach das Problem bei einem Gespräch am Rande der Konferenz direkt an: Der Pay-TV-Sender Sky verlangt für Sky Go 12 Euro in Monat, mit dem sich die Sky-Kunden die jeweils abonnierten Sky-Kanäle auf iPhone, iPad oder den Web-Browser streamen lassen können. Von diesem Geld sehen die Netzbetreiber laut Dirks, die das immense Datenvolumen übertragen müssen, jedoch keinen Cent: "Die Kunden haben bereits eine Daten-Flatrate".

Danach die Andeutung, wenn auch nicht klar ausgesprochen: "Geben wir die Netzneutralität auf, stellen Sky das zusätzliche Volumen in Rechnung, und bieten im Gegenzug Quality-of-Service-Maßnahmen (kurz QoS) an, um die ruckelfreie Übertragung der Videos zu gewährleisten." Auf die Rückfrage von teltarif.de, ob im Gegenzug die Datenübertragung auch für die Kunden ohne Daten-Flatrate kostenlos sein werde, wenn Sky bereits bezahlt hätte, reagierte Dirks jedoch ausweichend.

Eine ganz ähnliche Diskussion entsponn sich auch zwischen teltarif.de und Dr. Frederic Ufer vom VATM, dem Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten, ebenfalls am Rande der Konferenz: "Warum sollen Inhalte- oder Diensteanbieter nicht einen fairen Anteil an den Kosten des Infrastrukturausbaus bezahlen?" Die Gefahr, dass dadurch Anbieter ausgeschlossen werden, sieht Ufer nicht: "Wenn zum Beispiel Skype plötzlich nicht mehr in ausreichender Qualität verfügbar ist, dann wechselt der Kunde den Breitband-Provider."

Pflichtumlage für große Inhalte- und Dienste-Anbieter?

Auf die Rückfrage von teltarif.de, ob der VATM im Gegenzug bereit sei, einer strengen Regulierung der entsprechenden Angebote zuzustimmen, damit auch kleine Inhalte- oder Diensteanbieter in der Lage sind, QoS-Leistungen diskriminierungsfrei zu beziehen, verneinte Ufer dieses. Andererseits schreibt Ufer zusammen mit Axel Spies in einem Fachaufsatz für die juristische Fachzeitschrift "Multimedia und Recht" 1/2011 selbst davon, dass angebotene Qualitätsklassen "transparent" sein müssen. Weiters heißt es: "These 10: Offenheit für neue/unterschiedliche Geschäftsmodelle. Dies umfasst ein weitgehendes Diskriminierungsverbot sowohl auf der Diensteanbieterseite (gegenüber Netzbetreibern) wie auf Netzbetreiberseite (gegenüber Inhalte- und Diensteanbietern)."

Andere Stimmen am Rande des Kongress sprachen davon, eine Pflichtumlage für "große" Inhalteanbieter wie Google und Facebook einzuführen, die zweckgebunden für den weiteren Aufbau der Breitbandnetze verwendet werden. Diese käme den kabelgebundenen und den kabellosen Breitbandnetzen gleichermaßen zugute. Sind aber Google, Facebook und Ebay wirklich bereit, Milliarden abzugeben?

Weitere Meldungen vom Euroforum Telecom Trends 2011

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